Tokio Motor Show Messe der Manga-Mobile

Tokios Akihabara-Viertel ist eine knallige Komposition aus Comic und Computerspiel. Auch ihre Autos mögen die Japaner mitunter schrill, laut und bunt - SPIEGEL ONLINE zeigt die ungewöhnlichsten Studien der Tokio Motor Show.

Tom Grünweg

Bei einem Spaziergang durch das Tokioter Elektronikviertel Akihabara bleibt die Realität bisweilen auf der Strecke. Aus allen Ecken schauen einem Charaktere aus Manga-Comics und Computerspielen entgegen, so dass man sich schnell im Reich der Phantasie wähnt.

Anscheinend haben sich die Designer der japanischen Autohersteller auch in Akihabara herumgetrieben. Denn auf der Motorshow in Tokio richten sie den Blick diesmal besonders weit nach vorn und machen die Straße zu einer Spielwiese für schillernd bunte Studien, die mit der gängigen Vorstellung vom Auto oft nicht mehr viel gemein haben.

Im Vordergrund stehen Kleinstfahrzeuge und Behelfsvehikel, gegen die selbst die winzigen japanischen Kei-Cars aussehen wie Goliaths Dienstwagen. Auf der Suche nach neuen Wegen in die Stadt und nach der Mobilität für die letzte Meile experimentieren die Hersteller mit allerlei ungewöhnlichen Mini-Mobilen, die bisweilen eher an Krankenfahrstühle erinnern.

Der Moloch Tokio braucht neue Mobilitätsideen

Recht schnittig ist hingegen Nissans Land Glider: Er sieht aus wie ein Segelflugzeug, dem die Flügel gestutzt wurden, ist schmal wie ein Motorrad und legt sich auch genauso in die Kurven. Dabei sitzen die beiden Passagiere hintereinander unter einer Flugzeugkanzel und surren - natürlich - elektrisch durch die Stadt. Mit diesem Zuschnitt spare man etwa beim Parken Platz und schwinge zudem durch den Stau wie auf einem Skateboard, behaupten die Entwickler.

"Für Europäer mag das ungewöhnlich klingen," räumt Tobias Nagel aus dem Nissan-Designstudio ein. "Aber wer in Städten wie Tokio lebt, der versteht schnell, dass wir neue Mobilitätskonzepte brauchen," sagt er: "Die Straßen sind voll, der Spaß bleibt auf der Strecke und vor allem die jungen Kunden drohen wir zu verlieren."

Deshalb müssten sich die Firmen nicht mehr als Auto-, sondern wieder als Fahrzeughersteller definieren und Mobilität in der Form anbieten, wie sie im jeweiligen Fall sinnvoll sei, ist der Vorausdenker überzeugt. "Dabei müssen wir uns auch vom Dogma der vier Räder lösen, selbst wenn das Konzernen ohne Motorradtradition im eigenen Hause womöglich etwas schwerfällt"', sagt Nagel. Auch im eigenen Hause muss er da wohl noch Überzeugungsarbeit leisten - der Land Glider hat nämlich doch wieder vier Räder bekommen.

Monocycle in Segway-Tradition

Die Kollegen von Honda sind da schon weiter. Sie zeigen ein elektrisches Hightech-Einrad, das ähnlich wie der Segway allein durch Gewichtsverlagerung des Fahrers gesteuert wird und so klein und leicht ist, dass man es sogar mit in den Aufzug nehmen kann. Dann muss man selbst auf langen Bürofluren nicht mehr zu Fuß gehen.

Dass man auch konventionelle Konzepte auf ein Minimum schrumpfen kann, zeigen in Tokio neben freien Designbüros und Ingenieursgesellschaften vor allem Honda mit dem wie aus einem Manga entlehnt wirkenden Elektro-Viersitzer EV-N und Daihatsu. Die Marke, die in Japan vor allem von ihren erfolgreichen Kei-Cars lebt, hat mit Basket und Deca Deca zwei der charmantesten Studien im Angebot.

Der eine gibt den Vorstadt-Pick-Up für japanische Kleingärtner, der neben Geranien auch mal den Nachwuchs ins Grüne fahren will, während der andere eine coole Lounge auf Rädern ist. Von außen sieht er zwar aus wie ein Panzerschrank, dafür hat er einen großen TV-Bildschirm und äußerst kommode Sitzgelegenheiten.

Autos, keine Spielsachen

Nicht alle Hersteller spielen das verrückte Spiel mit: Der neue Mazda-Designchef Ikuo Maeda zum Beispiel glaubt zwar, dass es in den Städten durchaus Kunden für schräge Manga-Fahrzeuge gibt. Doch kümmern sollen sich darum lieber andere: "Ich bin ein car guy und will keine Spielsachen entwerfen. Mir wäre ein Sportwagen lieber", sagt er und will sich darum baldmöglichst kümmern.

Das sehen ein paar Kollegen ganz ähnlich. Deshalb steht beim Marktführer Toyota ein rotes Rasse-Coupé, das in wenigen Jahren das Erbe der legendären Celica antreten könnte. Subaru verpackt einen Stand weiter den vom neuen Konzernpartner Toyota übernommen Hybridantrieb in der Studie eines schmucken Reisewagens mit Flügeltüren.

Zwar deuten die Designer bei jeder Nachfrage an, dass natürlich immer alles möglich sei, man das Echo auf die Studien mit großem Ernst auswerten werde und eine Serienfertigung nicht kategorisch ausschließen wolle. Doch wer darauf hofft, braucht viel Geduld und einen langen Atem. Das beweist in Tokio kein Auto besser als der Lexus LF-A, der jetzt endlich seine Serienpremiere feiert - elf Jahre und ein halbes Dutzend Studien, nachdem die Toyota-Tochter zum ersten Mal von einem Supersportwagen sprach.



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