Tokyo Motor Show Mit diesen Autos möchte man am liebsten kuscheln

Japaner mögen niedliche Autos. Auf der Tokyo Motor Show präsentieren die Hersteller Modelle, die aus Comics stammen könnten. In Europa hätten sie keine Chance.

Tom Grünweg

"Wir in Japan haben die wildeste Comic-Kultur der Welt", sagt Satoru Tei. Er ist bei Nissan für die Gestaltung der sogenannten Kei-Cars verantwortlich, Autos, fast so klein wie Spielzeuge. Tei hätte nicht auf den einzigartigen Einfluss von Comics auf das Design japanischer Autos hinweisen müssen, er ist auf der Motorshow in Tokio allgegenwärtig. Dort geben sich Toyota, Suzuki & Co. bei ihren Studien und Showcars besonders fantasievoll: Kleine Autos im Comic-Look und Retro-Mobile lassen den Autogipfel in manchen Ecken wie eine Spielwarenmesse erscheinen.

Die Comic-Optik färbt auf alle Lebensbereiche ab: "Die Japaner dekorieren ihre Handys fantasievoller, sie ziehen sich ausgefallener an - und sie stehen auf bunte, ausgefallene Autos", sagt Satoru Tei. Das gebe ihnen die Möglichkeit, aus der Uniformität der Masse auszubrechen und sich selbst unter neun Millionen Menschen in Tokio noch irgendwie individuell zu fühlen.

Kei-Cars sind die automobile Essenz dieses Phänomens: Sie dürfen höchstens 3,39 Meter lang sein, nicht breiter als 1,47 Meter und einen Motor mit höchsten 660 Kubikzentimetern Hubraum haben. Weil in japanischen Metropolen beim Kauf eines Autos der Besitz eines Stellplatzes nachgewiesen werden muss, sind Kei-Cars auf dem japanischen Markt mit einem Anteil von rund 40 Prozent extrem dominant: Sie darf man nämlich auch ohne eigenen Parkplatz erwerben.

Form und Farben sind wichtiger als das Fahrwerk

Und Tei nennt noch einen weiteren Grund, weshalb Autos in Japan bisweilen aussehen wie Spielzeuge: "Sie werden hier lange nicht so ernst genommen wie im Rest der Welt", sagt der Designer. "Man fährt nicht so weit und nicht so schnell, da setzt man andere Prioritäten: Statt Fahrwerk und Antrieb rücken Form und Farben in der Bedeutung viel weiter nach oben."

Honda hat ein Auto für Menschen mit Handicap entwickelt
Tom Grünweg

Honda hat ein Auto für Menschen mit Handicap entwickelt

Dass viele Autos so niedlich sind, dass man mit ihnen am liebsten kuscheln möchte, hat für Tei durchaus eine soziologische Dimension. In einer extrem reglementierten Gesellschaft mit wenig Raum für Gefühle sei jedes Ventil willkommen, sagt der Designer. Aus diesem Grund sei in Japan vor 30 Jahren das Tamagotchi erfunden worden, ein Computerwesen, das gefüttert und gepflegt werden wollte. Und aus demselben Grund gebe es heute Bars, in denen man Katzen zum Streicheln bekommt.

Europäer können über die niedlichen Autos oft nur schmunzeln, doch Designexperten sind begeistert: "Während die Studien in Europa stinklangweilig geworden sind, erlauben sich die Japaner mehr Freiheiten", sagt der Kölner Designkritiker Paolo Tumminelli: "Sie sind einfach weniger in Marken- und Designmythen gefangen." Auch Lutz Fügener, Designprofessor an der FH Pforzheim, hält "die Sozialisation mit den omnipräsenten Mangas, das große Vertrauen in Technik und das historisch gewachsene Verständnis für die Relation von Natur und Artifiziellem" für eine Mischung, "die sich im Ergebnis wohltuend aus dem weltweiten Einheitsbrei von Produkten abhebt".

Die Comic-Schnute des Toyota Aygo ist typisch japanisch

Im Ausland hat dieses erfrischende Design allerdings keine Chance. "Wir fürchten, dass Europäern oder Amerikanern die Fantasie für solche Autos fehlt", sagt Nissan-Designer Tei. Und Fügener sieht die Schuld indirekt sogar bei den Deutschen: "Deren Autos stehen beim Management der japanischen Hersteller eindeutig am höchsten im Kurs und haben deshalb den größten Einfluss auf das Styling." Während sich die Designer bei den Kei-Cars treu bleiben dürften, versuchten sie in den größeren Segmenten eher europäisch oder amerikanisch zu denken, analysiert der Experte.

Mittlerweile allerdings registrieren die Designexperten eine gewisse Emanzipation der Japaner und eine erfrischende Durchmischung. Nicht nur Mazda erntet derzeit viel Applaus für Studien und Serienmodelle. Sondern ausgerechnet Toyota bringt ein bisschen Japan-Style in die Welt, sagen Fügener und Tumminelli. Den aktuellen Lexus-Modellen zum Beispiel attestiert der FH-Professor zwar westliche Proportionen.

Doch der übertrieben aggressive Grill sei Manga in Reinkultur. Genau wie die Comic-Schnute des Toyota Aygo, für den sich Projektleiter David Terai vom japanischen Zeichentrickhelden Astro Boy hat inspirieren lassen. Das könnte Schule machen, glaubt Tumminelli: "Jetzt, wo auch im Westen das Marktpotenzial für kleine Autos mit großem Charakter wächst, könnte die Toy Story aus Tokio auch im Rest der Welt weitergehen."



insgesamt 20 Beiträge
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Fackus, 30.10.2015
1. Deutsche Autos
haben bis auf wenige Ausnahmen doch gar kein 'Design' - die sind in der Regel einfach nur praktisch-hässlich. Hier könnte man von den Asiaten was lernen, vor allen was eine fröhlichere Farbgestaltung angeht. Hier sieht man entweder Ofenrohrsilber-Metallic oder Leichenwagen-Schwarz. Ööööde!
Spiegelleserin57 30.10.2015
2. wenn diese Autos hier auf den Markt kämen...
hätten die Autobauer hier ein ernstes Problem denn sie sind eine echte Konkurrenz. Die Autos. hier wirken oft bieder. Der Bettle war eine Kreation die sich mal von den anderen unterschied aber der Rest war vom Design her fast austauschbar und wirkt teilweise doch schon langweilig. Den Japanern muss zu ihren Kreationen wirklich gratulieren, alle Achtung! Ich würde sofort einen dieser Autos kaufen.
stefan taschkent 30.10.2015
3. Es haut mich um
Man könnte auch sagen, die japanische Automobilbranche reagiert mit fast zwei Dekaden Verspätung auf den von Apple in den 90ern kreierten Designtrend der bunten Macs. Das lässt sich sicher auch auf Staubsauger und Rasenmäher übertragen. Sehr innovativ.
dbrown 30.10.2015
4. Und selbst, wenn
es nur Studien sind, die Japaner bringen sowas eher auf die Straße als daß auch nur ein einziger deutscher Hersteller ein E-Auto für's Volk zur Verfügung stellt. Wichtig ist ja nur, hochpreisige Edelkarossen für Reiche zu bauen, S-Klasse mit Hybrid. Was für ein Irrsinn!
andros0813 30.10.2015
5.
eine unnötige show mit unnötigen nofuturetrash...dekadenz und mammon sind unser untergang
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