Totalschaden Ich bremse auch für Bildstörungen

Radarsensoren sind für Sicherheitssysteme wie die neue Pre-Safe-Bremse von Mercedes unerlässlich. Weltraumforschern aber sind sie ein Dorn im Auge: Weil sie den Empfang der Teleskope stören könnten, müssen die elektronischen Helfer teilweise abgeschaltet werden.


Manchmal setzt die Politik schon merkwürdige Prioritäten: Da entwickeln die Automobilhersteller neue Sicherheitssysteme, und die Politiker drehen ihnen den Saft ab. Und zwar nicht, weil sie an der Zuverlässigkeit zweifeln oder Fragen zur Produkthaftung ungeklärt sind. Sondern weil solch bedeutsame Forschungszweige wie die Radioastronomie offensichtlich in ihren Grundfesten gefährdet sind, wenn in der Nähe ihrer Beobachtungsstationen manche Autos Radarwellen ausstrahlen, die den Blick in den Weltraum trüben könnten.

Pre-Safe-Bremse: Die Radarwellen sollen Radioteleskope stören können

Pre-Safe-Bremse: Die Radarwellen sollen Radioteleskope stören können

Natürlich ist die Suche nach extraterrestrischen Lebensformen eine spannende Angelegenheit. Doch sind die EU-Behörden beim Schutz dieser Forscher offenbar über das Ziel hinausgeschossen. Obwohl es in Mitteleuropa nur 20 Radioteleskope gibt, die meist sehr abgeschieden liegen, machen sie Menschen wie Christian Früh das Leben schwer. Bevor der Mercedes-Projektleiter für neue Assistenzsysteme die Zulassung für die Pre-Safe-Bremse in der S-Klasse und im neuen Luxuscoupé CL erhalten hat, musste er erst einen Pfad durch den Paragrafendschungel schlagen und das System so auslegen, dass es auch abgeschaltet werden kann. Dabei variieren die Schutzbedürfnisse von Land zu Land sehr stark, weshalb zum Beispiel Frankreich trotz gut versteckter Teleskope ein Maximum an Schutzradius einfordert.

Die vorausschauende Bremse darf nur deshalb in den genannten Autos eingebaut werden, weil jetzt in der Bedienungsanleitung ein Zusatzblatt liegt, das den Fahrer in der Nähe der Teleskope zum Deaktivieren des Sicherheitssystems auffordert. Und weil die europäischen Politiker nicht so recht daran glauben, dass die Autofahrer erstens die Bedienungsanleitung lesen und sich zweitens auch noch daran halten, haben sie ihre Erlaubnis für das radargestützte Bremssystem an eine weitere Bedingung geknüpft: Vom nächsten Jahr an muss eine Kopplung mit dem Navigationssystem dafür sorgen, dass die Radaraugen der Bremse in der Nähe der europäischen Teleskope automatisch ausgeschaltet werden.

100 Autos ergeben eine Bildstörung

Viel Sinn ergibt diese Zulassungsbedingung nicht. Und zwar nicht nur, weil man im Alltag nur selten in die Nähe der 20 europäischen Teleskope kommt. Auch deshalb, weil die Radarwellen aus der Stoßstange eines Autos das Bild der Teleskope gar nicht trüben – zumindest wenn die Schüsseln in den Himmel gerichtet sind. Nur wenn die Teleskope ganz flach über die Erdoberfläche linsen, gibt es zumindest theoretisch die Möglichkeit einer Beeinflussung. Aber, so sagen die Experten bei Mercedes, auch nur dann, wenn rund hundert Autos mit Radaraugen um das Teleskop herumfahren.

Ungeachtet dieser kühnen Theorien: Vor allem sollte man den Schutz von Leib und Leben auf unserem Planeten vielleicht doch über den Wert von Erkenntnissen über andere Welten stellen. Schließlich würde man bei einem Flugzeugunglück auch niemandem die Nutzung des Fallschirms verbieten, nur weil er möglicherweise in einer historisch wertvollen Ausgrabungsstätte landen könnte. Und falls Sie nach dem nächsten Schiffsuntergang an Land getrieben werden: Achten Sie bitte darauf, dass es kein Naturschutzgebiet ist.



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