Tuning in den USA und Deutschland Schein oder Sein

So unterschiedlich kann Tuning sein: Wie ab morgen auf der Essen Motor Show wieder zu sehen sein wird, geht es den Europäern vor allem darum, die Leistung von Motor und Fahrwerk zu steigern. Amerikaner legen dagegen besonderen Wert auf den Schein. SPIEGEL ONLINE vergleicht die Trends.


Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. So ganz gilt das nach dem 11. September und den folgenden Gesetzesänderungen sicher nicht mehr. Doch zumindest auf der Straße können die Amerikaner – innerhalb der Tempolimits – nach wie vor machen, was sie wollen. Frei nach dem Motto "Erlaubt ist, was gefällt" verwandeln sie beim sogenannten "Customizing" unbehelligt von TÜV oder der örtlichen Zulassungsstelle preiswerte Sportwagen aus Japan oder spießige Mittelklasse-Limousinen aus Detroit in funkelnde Showstars. Sie rüsten ihre Geländewagen oder Pick-Ups zu Boulevard-Panzern auf und machen selbst vor US-Ikonen wie der Corvette, dem Mustang oder dem Charger nicht Halt.

Und das alles nur zu einem Zweck: Auffallen um jeden Preis. Diesen Trend verdeutlichte vor kurzem der Vollgasgipfel SEMA in der amerikanischen Spielermetropole Las Vegas, der die Motorshow in Essen (1. bis 10. Dezember) einmal mehr als Kindergarten für Möchtegern-Machos erscheinen ließ.

Dabei tunen die Amerikaner völlig anders als die Europäer und insbesondere die Deutschen. Was hierzulande zumindest entfernt der Verbesserung von Leistung, Beschleunigung, Straßenlage, Höchst- oder Kurvengeschwindigkeit dient, ist in Übersee wirklich nur noch Show. "Welchen anderen Sinn haben im Radhaus schleifende 28-Zöller oder tonnenschwere Metall-Heckflügel?", fragt ein deutsche Veredler kritisch und schiebt sarkastisch hinterher: "Schließlich machen fein getunte Motoren und penibel abgestimmte Gewindefahrwerke wenig Sinn in einem Land, das Temposünder rigoros verfolgt und in dem die Straßen nur eine Richtung kennen - geradeaus."

Besonders wichtig für US-Kunden: die Räder

Natürlich lässt nicht jeder Amerikaner seinen Wagen mit auffälligem Flügelwerk, martialischen Rädern, schillerndem Lack und neonbunter Beleuchtung zu einem individuellen Gesamtkunstwerk aufrüsten. Im Gegenteil: Anders als Europäer nehmen Peter, Paul und Mary ihr neues Auto meist vollständig "von der Stange" und verzichten sogar auf ihre persönliche Wunschausstattung. Wenn wenigstens die Farbe stimmt, kaufen sie das Auto in der Regel genau so, wie es beim Händler auf dem Hof steht.

Trotzdem ist der Trend zur Individualisierung in den USA offensichtlich viel stärker ausgeprägt als in Europa, sagt Myles Kovacs, der Herausgeber der amerikanischen Tuning-Bibel "Dub-Magazin" in New York. "Besonders wichtig sind diesen Kunden die Räder, die gar nicht groß und auffällig genug sein können. Viele Neuwagenkäufer fahren direkt vom Autohaus zum Tuner und lassen sich dort mindestens 20 oder 21 Zoll große Felgen auf die Achsen stecken." Auf den Hochglanzanzeigen in seinem Magazin finden sich deshalb Hunderte von Felgen mit teilweise bizarrem Design, drehenden Sternen, Goldauflagen oder Edelsteindekoration und so seltsamen Namen wie "Dresden", "Cold Cash", „Matador“ oder "Sparta", die vor allem in der Rapperszene angeblich unverzichtbar sind.

In Deutschland sieht man die Tuning-Auswüchse in Übersee eher kritisch. Natürlich blickt der Branchenverband VDAT auch ein wenig neidisch über den Atlantik, wenn dort für "Customizing" pro Jahr rund 34 Milliarden Dollar ausgegeben werden, die deutschen Unternehmen gemeinsam mit den Werkstunern AMG, M und Quattro aber weltweit nur 4,5 Milliarden Euro Umsatz machen, von dem etwa die Hälfte auf die Heimat entfällt. Selbst in ganz Europa schätzt Verbandsgeschäftsführer Hans-Jörg Köninger den Branchenumsatz auf lediglich 15 Milliarden Euro. Doch bezeichnet er seine Mitglieder von Abt bis Zender trotz allem als "Exportweltmeister im Tuning" und sieht auch das Inlandgeschäft nicht gefährdet. "Denn rein wirtschaftlich spielen ausländische Tuner bei uns quasi keine Rolle", sagt Köninger.

Viele schauen bei Verkehrskontrollen dumm aus der Wäsche

Dennoch sind ihm die Importe aus den USA und Japan ein Dorn im Auge. "Aufgestachelt von Kinofilmen und Computerspielen können deutsche Fans problemlos über das Internet Artikel bestellen, die hierzulande verboten sind."

Während der VDAT mit seiner Kampagne "Tune it safe" um ein gutes Image bemüht ist, immer wieder an die strengen Regeln des TÜV erinnert, und gebetsmühlenartig vor dem Verlust von Betriebserlaubnis und Versicherungsschutz beim Einsatz dubioser Tuningteile warnt, ließen die Versender aus Übersee ihre Kunden gelegentlich ins offene Messe laufen. "Bei einer Verkehrskontrolle oder spätestens beim nächsten TÜV-Termin schauen die dann dumm aus der Wäsche", sagt Köninger und ärgert sich über die pauschale Rufschädigung: "Egal ob aus den USA, Japan oder Deutschland – der Ärger trifft dann wieder alle Tuner gemeinsam."



insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
UlliK 30.11.2006
1.
Mit bleifreiem Bier - nur die Besten !!
E_N, 30.11.2006
2.
also, ein Bekannter meinerseits hatte mal seinen 1.3 liter Kaefer Motor auf 2.5 liter aufgebohrt. Hielt auch ca. 15,000 KM ...
Arne Lund, 30.11.2006
3.
---Zitat von sysop--- Doch wo und wann macht Tuning überhaupt Sinn? Was sind Ihre Erfahrungen? ---Zitatende--- Die Frage nach dem Sinn ist sinnlos. Wem's Spaß macht, für den macht es wohl Sinn. Meine Erfahrungen mit Tuning: Mein altes Autoradio konnte nur Kassetten abspielen. Nachdem ich nach und nach den Innenraum meines Autos mit Kassetten zugemüllt hatte, habe ich das alte Radio rausgeworfen und mir ein mp3-Radio geholt. Super! Endlich wieder Platz und das Handschuhfach läßt sich auch wieder öffnen, ohne vorher Kassetten umzuschichten. :)
Umbriel 30.11.2006
4.
Die meisten Tuner sind keine Tuner, sondern Kunden der Tuningbranche. Es wäre weitaus förderlicher, wenn dieses intensive Freizeitvergnügen technisch interessierter Leute sich z.B. auf einen Wettbewerb um das energieeffizienteste alltagstaugliche Fahrzeug konzentrieren würde. Da gibt es 1000 Möglichkeiten, dem Tankwart hier und da noch ein paar Liter abzutrotzen oder eben an neuen Antriebskonzepten zu feilen. Gerade die aufkommende Hybrid-Technik bietet da ein großes Betätigungsfeld für Leute, deren technischer Verstand über die Wirkungsweise des Gaspedals hinausgeht.
fx33 30.11.2006
5.
---Zitat von sysop--- Vorne, hinten, drinnen, draußen - für fast jeden Zentimeter Auto gibt es heute Ausbau-Möglichkeiten. Doch wo und wann macht Tuning überhaupt Sinn? Was sind Ihre Erfahrungen? ---Zitatende--- Erfahrungen habe ich noch nicht, aber ich erwäge ernsthaft, Radzierblenden für meine Winterräder zu kaufen. So schwarz sieht das blöd aus. Manchmal gibt's im Baumarkt schon welche für 10€, was knapp unterhalb meiner Schmerzgrenze für faktisch unnötiges liegt. fx33
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