Michael Kröger

Unfall mit Uber-Roboterauto Der Computer ist trotzdem der bessere Fahrer

Der Unfalltod einer Frau lässt die Debatte über die Sicherheit selbstfahrender Autos neu aufflammen. Doch bei aller Tragik - der Fall ist kein Beleg dafür, dass die Technologie ihre Versprechungen nicht erfüllen kann.
Selbstfahrende Uber-Autos

Selbstfahrende Uber-Autos

Foto: Aaron Josefczyk/ REUTERS

Es war leider klar, dass das passieren würde. Früher oder später. Erstmals hat die Testfahrt eines Roboterautos ein Menschenleben gekostet. Eine Frau ist am Sonntagabend von einem Testwagen des Fahrvermittlers Uber angefahren worden und hat tödliche Verletzungen davongetragen. Gewarnt hatten Entwickler und Manager vor diesem Moment immer wieder, wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Denn das Zusammenspiel der vielen Teilnehmer im Straßenverkehr ist so komplex, dass es lebensfremd wäre, absolut jeden Unfall ausschließen zu wollen.

Die Skeptiker des autonom fahrenden Autos werden sich jetzt bestätigt fühlen und ihre prinzipiellen Bedenken sogar noch um ein Argument erweitern. Schließlich ging es hier nicht um das Problem, das Ethiker so häufig beschäftigt: nämlich, dass der Computer zu entscheiden hatte, ob der unvermeidliche Zusammenstoß nun die Frau, einen anderen Menschen oder den Insassen selbst treffen sollte.

Vielmehr weckt der Unfall Zweifel, ob die Technologie grundsätzlich in der Lage ist, den Ernstfall zu verhindern. Hätten die Sensoren die Frau nicht erkennen müssen, auch wenn sie im Schatten für das menschliche Auge nicht zu sehen war? Auch die Geschwindigkeit, mit der der Wagen unterwegs war, wirft Fragen auf: Wie kann es sein, dass ein Automat die Geschwindigkeitsbegrenzung (64 km/h statt der erlaubten 56 km/h) so einfach ignoriert?

Video: Tödlicher Unfall mit selbstfahrendem Auto

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Sicherheit würde nicht größer

Der Unfall zeige, dass die Technologie noch weit davon entfernt sei, sicher für Passagiere, Fußgänger und andere Fahrer zu sein, warnte der demokratische Richard Blumenthal, Senator des US-Bundesstaats Connecticut, noch bevor die Unfallforscher auch nur eine Einschätzung zu den drängenden Fragen abgeben konnten. "In unserer Eile, Innovationen voranzutreiben, dürfen wir nicht die grundlegende Sicherheit vergessen."

Wer jetzt die vermeintliche Chance nutzt, einen Feldzug gegen das autonom fahrende Auto an sich zu starten, erweist der Sicherheit im Straßenverkehr allerdings einen Bärendienst. Denn in diesem Punkt sind sich Ingenieure, Unfallforscher und Versicherungsmathematiker einig: Sensoren oder Software eines Roboterautos mögen bisweilen versagen, doch die Zahl der Fälle, in denen ein menschlicher Fahrer für einen Unfall verantwortlich ist, liegt dramatisch höher.

Die Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl der Unfälle um neunzig Prozent reduzieren ließe, wenn nur noch Computer die Autos steuerten. Die Basis ihrer Formel ist simpel: Neunzig Prozent aller Unfälle gehen auf menschliches Versagen zurück.

Nun müsste man diese Zahl noch um einen Faktor X reduzieren, in dem die Technik versagt. Auf der anderen Seite müssten aber auch die unzähligen Momente mit einberechnet werden, in denen Fahrlässigkeit und Unaufmerksamkeit - etwa weil eine SMS auf dem Smartphone ablenkt oder die tobenden Kinder auf der Rückbank - nur deswegen nicht zu einem Unfall geführt haben, weil andere Verkehrsteilnehmer aufgepasst haben, oder einfach Glück im Spiel war. Täglich lassen sich überall im Straßenverkehr beinahe im Sekundentakt Szenen beobachten, die in der Luftfahrt als Beinahe-Unfälle bezeichnet werden.

Aufklärung angesagt

Ganz gleich, wie stark man die beschriebenen Faktoren in die Berechnung einfließen lässt: Der Computer-Pilot ist einem menschlichen Counterpart dermaßen überlegen, dass man eigentlich nicht fragen sollte, ob Computer Autos steuern sollten, sondern warum sie es immer noch nicht tun.

Auch beim aktuellen Uber-Unfall hat die Polizei nach der ersten Anschauung des Beweismaterials Zweifel geäußert, ob ihn ein Fahrer (oder eine Fahrerin) hätte verhindern können. Auf dem Überwachungsvideo des Uber-Wagens ist die Frau offenbar erst in allerletzter Sekunde zu erkennen. Polizeichefin Sylvia Moir sagte dem "San Francisco Chronicle", das Video zeige, dass die Frau "direkt aus dem Schatten auf die Fahrbahn getreten" sei. "Es ist klar, dass dieser Zusammenstoß in jedem Modus, ob autonom oder manuell, schwer zu verhindern gewesen wäre." Noch ist die Schuldfrage nicht abschließend geklärt, weil die Daten erst ausgewertet werden müssen, die das Roboterauto bis zu dem Zusammenstoß aufgezeichnet hat.

Dass der Unfall restlos aufgeklärt werden kann (und künftige in ähnlichen Situationen durch zusätzliche Programmcodes nach Möglichkeit verhindert werden), ist übrigens auch der neuen Technologie zu verdanken. Ein Fahrer aus Fleisch und Blut hätte in einen solchen Fall wahrscheinlich erst nach Rücksprache mit seinem Rechtsanwalt eine sorgfältig formulierte Aussage gemacht - um möglichst auszuschließen, für den Unfall zur Verantwortung gezogen zu werden.

Bei computergesteuerten Autos lässt sich der Unfallhergang indes leicht rekonstruieren, ohne Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Klären müssten die Rechtsgelehrten allerdings noch, wer anschließend haftet: Der Besitzer, der Eigentümer oder der Hersteller des digitalen Unfallverursachers.