Umweltamt-Vorstoß Tempolimit-Forderung stößt auf scharfe Ablehnung

Freie Fahrt für freie Bürger – die Deutschen wollen von ihrem Geschwindigkeitsrausch auf Autobahnen nicht lassen. Kaum hat das Umweltbundesamt für ein Tempolimit plädiert, beeilen sich Industrie, Autoclubs und der Bundesverkehrsminister mit empörtem Widerspruch.


Berlin - Der Vorstoß des Umweltbundesamtes für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen stößt bei Bundesregierung und Verbänden auf scharfe Ablehnung. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) lehnte ein Tempolimit heute erneut ab. ADAC-Präsident Peter Meyer sagte der "Bild"-Zeitung, Tempo 120 sei ein "alberner Vorschlag aus der ideologischen Klamottenkiste." Auch die Automobilindustrie und der Auto Club Europa (ACE) halten nichts von dem Vorstoß. Die Grünen und die SPD befürworten die Forderung aus dem Umweltamt.

120 km/h erlaubt: Tempolimit erzürnt die Gemüter der Auto-Lobby
DPA

120 km/h erlaubt: Tempolimit erzürnt die Gemüter der Auto-Lobby

Der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, hatte in der "Berliner Zeitung" heute ein Tempolimit mit den Gefahren durch den Klimawandel begründet. "Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h lässt sich der Kohlendioxid-Ausstoß um 10 bis 30 Prozent reduzieren", sagte Troge. Außerdem sinke die Unfallgefahr erheblich, und es komme zu weniger Staus. Deswegen sei er grundsätzlich für ein Tempolimit, betonte Troge.

Zum Erreichen der Klimaschutzziele müsse zudem der Spritverbrauch neu zugelassener Autos deutlich sinken. "Statt Energie sparende Motoren zu entwickeln, baut die Industrie Wagen mit der Leistung mehrerer Kavallerieregimenter unter der Motorhaube", kritisierte Troge, der zu den wichtigsten Beratern von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) zählt.

Bundesverkehrsminister Tiefensee sagte, es gebe bereits auf einem Drittel der Autobahnen dauerhaft Tempobeschränkungen. Dort seien sie, etwa wegen Unfallschwerpunkten, auch geboten. Er halte eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf freier Strecke aber nicht für sinnvoll. Für den Klimaschutz setze er auf Innovationen bei Kraftstoffen und neuen Antrieben.

ADAC: Für die Umwelt bringt ein Tempolimit nichts

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) betonte, mit "moderner Fahrzeugtechnik und Straßeninfrastruktur sowie mit Fahrerschulung" könne beim Verbrauch und der Sicherheit mehr erreicht werden als mit weiterer staatlicher Reglementierung. Studien belegten, dass ein Tempolimit kaum Einfluss auf den Gesamtkraftstoffverbrauch hätte. Dagegen müssten die Straßen besser ausgebaut werden, denn Staus führten zu einem Mehrverbrauch von zwölf Milliarden Litern Kraftstoff jährlich.

ADAC-Präsident Meyer sagte, die Durchschnittsgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen liege heute schon "deutlich unter 120 km/h". Er betonte: "Für die Sicherheit und die Umwelt bringt ein Tempolimit also überhaupt nichts." Der ACE befürwortet laut Hillgärtner flexible Höchstgeschwindigkeiten, die über dynamische Verkehrssteuerungsanlagen angeordnet werden. Die flexiblen Tempolimits sollten sich streng an den jeweiligen Erfordernissen der Verkehrssicherheit und des Umweltschutzes etwa zum Zwecke der Lärm- und Schadstoffminderung orientieren.

SPD: Schumi spielen auf deutschen Autobahnen

Die Grünen und die SPD hingegen begrüßten den Vorstoß des Umweltbundesamtes. Der Parteivorsitzende Reinhard Bütikofer sagte ebenfalls der "Berliner Zeitung": "Ein Tempolimit auf Bundesautobahnen ist nachweislich ein wirksames Instrument der Emissionsminderung." Er freue sich, dass das Umweltbundesamt dieses Thema aufgreife. "Klimaschutz muss endlich ganz praktisch in der Verkehrspolitik ankommen", fügte Bütikofer hinzu.

"Damit lässt sich der Schadstoff-Ausstoß von Pkw spürbar senken", sagte auch Grünen-Fraktionschefin Renate Künast der "Rheinischen Post". Noch wichtiger sei es aber, den Verkehr "endlich ins Kyoto-Protokoll einzubeziehen und die Autos zu modernisieren". In der EU solle für Autos eine Verbrauchsobergrenze von fünf Liter je 100 Kilometer bis 2012 und von drei Liter bis 2020 festgelegt werden.

"Ich stehe dem Vorschlag sehr positiv gegenüber", stellte sich auch der SPD-Umweltpolitiker Gerd Friedrich Bollmann hinter Troge. " Deutschland ist meines Wissens das einzige Land, in dem jeder auf der Autobahn Michael Schumacher spielen kann", sagte er der " Rheinischen Post". Er äußerte sich überzeugt, dass es auch in der Bevölkerung eine mehrheitliche Zustimmung zum Tempolimit geben könne.

abl/ddp/AFP/dpa



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