Umweltspuren in Düsseldorf Freie Fahrt für Fahrgemeinschaften

Umweltspuren sollen in Düsseldorf den Autoverkehr reduzieren. Sie sind reserviert für Busse, Radfahrer, Elektroautos - und Fahrgemeinschaften. In den USA hat sich das Modell bewährt.

Nichts los auf der Umweltspur in Düsseldorf
David Young/ DPA

Nichts los auf der Umweltspur in Düsseldorf

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Düsseldorf gehört zu den größten Pendlerstädten Deutschlands. 300.000 Menschen steuern täglich die Metropole an, um hier zu arbeiten. 70 Prozent von ihnen nehmen für diesen Weg das Auto. Das entspricht 210.000 Fahrzeugen, die sich über die Magistralen in Richtung Zentrum schieben. Entsprechend verstopft sind die Straßen und hoch die Stickoxidwerte.

Um ein gerichtliches Dieselfahrverbot abzuwenden, hat Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) 2019 ein Pilotprojekt gestartet: Mit Hilfe von Umweltspuren soll der Verkehr auf stark befahrenen Strecken reduziert werden. Nur Busse, Taxis, Fahrräder und Elektrofahrzeuge dürfen hier unterwegs sein - und Fahrgemeinschaften. Sprich: Wenn drei oder mehr Personen im Auto sitzen.

Solche Carpool Lanes kennt man vor allem aus den USA, Kanada oder Skandinavien. In Düsseldorf sind sie mit einem Schild gekennzeichnet, auf dem ein Auto und das Kürzel "3+" abgebildet sind. Es wurde eigens entwickelt und durch das Bundesverkehrsministerium genehmigt. Vorher gab die deutsche Straßenverkehrsordnung kein Schild für Fahrgemeinschaften her.

Es geht um die Ressourcen Platz und Luft

Die Idee ist nicht neu, die Motivation schon: Früher wurden vor allem Fahrgemeinschaften gebildet, um Benzinkosten zu sparen. Heute geht es um die Ressourcen Platz und Luft. Ob das Experiment in Düsseldorf gelingt, hängt auch davon ab, ob die Menschen ihre Idee von Individualverkehr anpassen können.

"Mitfahrgelegenheiten sind in Deutschland nicht wirklich beliebt", sagt Andreas Knie, Mobilitätsforscher und Sozialwissenschaftler am WZB Wissenschaftszentrum Berlin. Erst seit wenigen Jahrzehnten könne jeder mit dem Auto zur Arbeit fahren. So sei die Kultur des Alleinfahrens entstanden. "Als Ausdruck der modernen Lebensweise", so Knie.

Mit der Möglichkeit sich digital zu vernetzen, ändere sich das. "Wir lernen gerade, dass wir individuell mobil sein können, ohne ein eigenes Auto besitzen zu müssen", sagt Knie. Neben Carsharing-Anbietern bilden Start-ups wie Uber, Flinc, Moia und Clevershuttle dies ab - als Fahrdienste oder Plattformen für die Organisation von Sammelfahrten. Dank Smartphone und Kopfhörer stellen die Passagiere auch auf engstem Raum schnell Anonymität her.

Ein neues Geschäftsmodell?

Noch ist viel Bewegung auf dem Markt. Zuletzt vermeldete Clevershuttle seinen Rückzug aus Hamburg. Mobilitätsforscher Andreas Knie sieht vor allem die Politik in der Pflicht. Aktuell schützt das Personenbeförderungsgesetz das Taxigewerbe, sodass alternative Dienste nur über Sondergenehmigungen arbeiten dürfen. Das Modell sei nicht mehr zeitgemäß. Ridepooling etwa, also das Organisieren von Gemeinschaftsfahrten über einen Algorithmus, müsse sich als digitales Geschäft etablieren dürfen. "Dann können wir quasi aus jedem privaten Auto einen Bus machen."

Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel schlägt seit der Einrichtung der ersten Umweltspuren im Frühjahr 2017 viel Frust entgegen. Auf den Straßen ist teilweise nur noch eine Spur für den normalen Verkehr freigegeben. Das produziert Rückstau.

"Natürlich kann ich verstehen, wenn sich die Autofahrerinnen und Autofahrer ärgern, wenn sie zeitweise länger brauchen, um ans Ziel zu kommen", so Geisel. Die Umweltspur sei jedoch keine Maßnahme, die Autofahrer drangsalieren soll, sondern eine, mit der wir drohende Fahrverbote verhindern wollen.

Glückliche Radfahrer, frustrierte Autofahrer

Der Politiker setzt auf Langzeiteffekte: "In anderen Metropolen, die den motorisierten Individualverkehr deutlich stärker eingeschränkt haben - zum Beispiel Stockholm, London, Tokio, Oslo und Paris - sind Attraktivität, Wirtschaftskraft und Lebensqualität dank des geringeren Autoverkehrs eher gestiegen."

Positive Effekte bemerken bisher vor allem andere Verkehrsteilnehmer. Die Stadt Düsseldorf befragte im Juli Radfahrer auf der Prinz-Georg-Straße, die seit den Osterferien in beiden Richtungen mit einer Umweltspur ausgestattet ist. Etwa 65 Prozent bewerteten die Situation seitdem als "deutlich besser".

Für Frank H. sieht das anders aus. Der Hausverwalter fährt Objekte in und um Düsseldorf in einem Radius von 30 Kilometern ab. Er spricht von zusätzlichen zweieinhalb Stunden, die er täglich mit seinem Auto im stockenden Verkehr steht. "Es ist schwieriger, Termine verbindlich einzuhalten." Auch andere Dienstleister, wie Pflegekräfte oder Handwerker, fühlen sich stark benachteiligt und schreiben sich ihren Ärger in sozialen Netzwerken von der Seele.

Weniger Verkehr durch mehr Homeoffice

Frank H. ist Mitglied der Facebookgruppe "Umweltspur +3". Hier und über Portale wie das Nett-Werk oder Pendlerportal vernetzen sich Düsseldorfer, um Fahrgemeinschaften zu bilden. Auch solche, die von der Maßnahme alles andere als begeistert sind, aber das Beste aus der Situation machen wollen, indem sie ihre Fahrstrecken und -zeiten posten. Zustande gekommen seien Gruppenfahrten aber eher in Ausnahmesituationen, etwa, wenn der öffentliche Personennahverkehr streikt, so Frank H.

Eine weitere Möglichkeit den Verkehr in Metropolregionen einzudämmen, ist, weniger Menschen einen Anlass zu geben, sich fortzubewegen. Darauf setzen auch die Experten, die im März 2019 anlässlich der Nationalen Plattform "Zukunft der Mobilität" auf Einladung von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zusammenkamen, um Ansätze für nachhaltige, bezahlbare und klimafreundliche Mobilität zu finden. Ziel ist es, verkehrsbedingte CO2-Emissionen von heute 170 Millionen Tonnen auf höchstens 98 Millionen Tonnen im Jahr 2030 zu verringern. Ein Ansatz: das Arbeiten im Homeoffice.

Schicksalsmonat November

Bis 2030 sollen 30 Prozent der geeigneten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von zu Hause aus arbeiten, um Verkehr zu vermeiden. Tatsächlich stelle laut Mobilitätsforscher Knie eine Liberalisierung von Arbeitszeiten und -orten eine nicht zu unterschätzende Stellschraube dar. "Wir hätten heute noch viel größere Probleme, wenn es nicht bereits Gleitzeit gäbe", so Knie.

Dass Verkehrspolitik aber mehr leisten muss, als Symptome zu behandeln, legt in diesem Zusammenhang eine Studie des Wissenschaftliche Instituts der AOK-Krankenkassen nahe, nach der nicht jeder Arbeitnehmer fürs Homeoffice geschaffen ist. 2000 Beschäftigte wurden befragt. Das Ergebnis: Wer viel von zu Hause arbeitet, leide häufiger unter Erschöpfung, Konzentrationsproblemen und Schlafstörungen, als Beschäftigte, die jeden Tag ins Büro fahren.

Ob und in welchem Umfang das Pilotprojekt in Düsseldorf weiter vorangetrieben wird, entscheidet sich bei der nächsten Sitzung des Verkehrsausschuss am 27. November. Einen Tag später wird in der Ratssitzung über einen Antrag von CDU und FDP entschieden, das Projekt vorzeitig zu beenden.

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insgesamt 76 Beiträge
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mikaiser 18.11.2019
1. Finde ich richtig
Ausnahmeregelungen für Smart und ähnliche sollten drin sein, und los! Fahrer, die nicht alleine im Auto sitzen, fahren oft rücksichtsvoll. Gut für Radler auf der gleichen Spur. Bin trotzdem gespannt, ab wann man die Aufblaspuppen a la USA auch hier kaufen kann.
latimer 18.11.2019
2. Bravo, Düsseldorf!
War selbst mit der Familie an der Westküste der USA, wo das auf fast jeder mehrspurigen Straße existiert und wir haben das sehr genossen. Klappt prima! Sünder werden konsequent zur Kasse gebeten. Auch prima!
der Pöter 18.11.2019
3. Die Idee ist prinzipiell
ja ganz ok, aber solange das Angebot des ÖPNV, auch in Düsseldorf, so bescheiden und auch viel zu teuer ist, werden wir auch weiterhin lieber im Stau stehen.
carcaroba 18.11.2019
4. 3 ist das Problem
wenn man erstmal mit 2 starten würde, wäre die Akzeptanz viel größer. Einen Mitfahrer beim pendeln zu finden ist schon schwer genug. Und der Berufsverkehr würde sich halbieren, das reicht auch erstmal. Also bitte erstmal kleine Brötchen backen, dann wird auch die Akzeptanz besser. Gerade auf Autobahnen, die viel von Pendlern benutzt werden, würden 2 Spuren, die nur während der Rush-hour gelten, Wunder bewirken.
kaeptn_blau 18.11.2019
5. Land des Stillstands
Diese Umweltspuren sind der totale Blödsinn. Ich verstehe nicht, warum es gut für die Umwelt sein soll, wenn der Spritverbrauch meines Autos auf der Fahrt durch Düsseldorf 50% höher liegt als vorher. Ausser Taxis, wie dort fahren wie die Wildschweine ist auf diesen Spuren doch nix los. Der Vergleich Düsseldorfs mit Tokio oder Paris ist gradezu grotesk. Diese Metropolen haben ein perfekt funktionierendes U-Bahn Netz. Düsseldorf hat proppevolle Strassenbähnchen, die sich durch den Verkehr quälen und einen dauerhaft überfüllten Hauptbahnhof. Wie wärs mit Ausbau Nahverkehr? Statt dessen überlegt man, wie man einen überfüllten Nahverkehr attrativer machen soll!
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