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07. Mai 2016, 19:47 Uhr

Unfall von Bad Säckingen

Kontrolliert die Rentner!

Ein Kommentar von Margret Hucko

In Bad Säckingen raste ein 84-jähriger Mann in ein Café - zwei Menschen sterben. Obwohl bekannt ist, dass die Fahrtüchtigkeit im Alter abnimmt, tut sich die Politik mit Fahrtests für Senioren schwer.

Es ist ein sonniger Samstag, der für eine 63-jährige Frau und einen Mann tödlich endet - und es nicht müsste. Sie sind Gast in einem Café im baden-württembergischen Bad Säckingen, als ein 84-Jähriger die Kontrolle über sein Auto verliert, mehrere Tische und Menschen umfährt. Viele weitere werden zum Teil schwer verletzt. Statt der Bremse hatte der Autofahrer das Gaspedal durchgedrückt.

Spätestens dieser Schreckenssamstag sollte Verkehrspolitiker zum Umdenken bewegen, denn: Diese Art von Unfall passiert immer wieder. Und die Reaktionen fallen erschreckend gleich aus: Unfallforscher, Juristen, Autoklubs debattieren über die Fahrtüchtigkeit im Alter und etwaige regelmäßigen Kontrollen. Sie reden viel, aber die Politik handelt nicht.

Dabei sprechen die Zahlen für sich. Wenn Autofahrer im Alter von mehr als 75 Jahren in Autounfälle verwickelt sind, dann haben sie diese in drei von vier Fällen auch verursacht - so die Unfallforschung der Versicherer (UDV). Damit liegt die Quote höher als bei den 18- bis 24-Jährigen, die als Hochrisikogruppe geführt werden. Bad Säckingen? Ist überall.

Die Politik kuscht vor den Alten

Trotzdem tut die Politik in Deutschland sich schwer damit, verpflichtende Fahreignungstests für Senioren einzuführen. Weil jeder Mensch altert und sich niemand bevormunden lassen will. Wenn es aber ein Mindestalter für den Führerschein gibt - warum nicht auch ein Höchstalter? Wer zu jung ist, um Risiken sicher einzuschätzen, ist mit 80 womöglich zu alt. Hör-, Seh- und Reaktionsmöglichkeit lassen nach - das ist ein Gesetz der Natur.

Doch die Politik gibt sich feige vor den Alten. So erteilte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt generellen Fahrtests für ältere Autofahrer Anfang des Jahres eine Absage. Sicheres Autofahren habe nichts mit dem Alter zu tun, deshalb sei die Fahrtüchtigkeit höchstens freiwillig zu prüfen, sagte er.

Hinter Dobrindts Aussage steckt politisches Kalkül: Wer als Politiker die Silver Surfer gegen sich aufbringt, droht Wahlen zu verlieren. Bei der Bundestagswahl 2013 waren bereits gut ein Drittel der Wahlberechtigten über 60 - die Beteiligung in dieser Altersgruppe war überdurchschnittlich. Gerade die CDU/CSU findet bei Rentnern großen Zuspruch.

Freiwilligkeit hilft nicht weiter

Doch statt automatisch Fahrverbote ab 75 auszusprechen - was Unsinn wäre - wäre gute Prophylaxe angebracht. Was spricht also dagegen, um die Sicherheit auf der Straße zu steigern, ab einem bestimmten Alter regelmäßige Testfahrten mit geschulten Beobachtern einzuführen - so wie der UDV es fordert?

Denn anders als bei anderen Voruntersuchungen hilft bei der Fahrtüchtigkeit die Freiwilligkeit nicht weiter. Beim Auto setzt die Ratio aus. Nur so ist zu erklären, dass fast alle Autofahrer - auch die Alten - sich für gute Lenker halten. Testfahrten für Senioren müssen verbindlich sein - wie bei Piloten oder Feuerwehrmännern Gesundheitschecks. Auch Lkw-Fahrern mutet man solche Überprüfungen alle fünf Jahre zu - und keiner regt sich darüber auf. Wer sich einem solchen Rentner-TÜV entziehen sollte, für den muss gelten: Runter von der Straße!

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