Unfallgefahr Der gefühlte Geisterfahrer

"Achtung, auf der Autobahn XY kommt ihnen ein Falschfahrer entgegen!" - Viele Autofahrer meinen, diese Radio-Warnung in Süddeutschland häufiger zu hören als im Norden. Sind im Süden der Republik mehr Geisterfahrer unterwegs?

Von Florian Harms


Hamburg - Wer auf der Autobahn eine Falschfahrer-Warnung hört, ist alarmiert. Das Risiko einer Kollision erscheint hoch, weshalb viele Autofahrer sich nicht nur auf der rechten Spur halten, sondern gleich die nächste Ausfahrt nehmen. Zwischen 1500 und 1800 Geisterfahrer-Warnungen pro Jahr werden laut dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) über den Verkehrsfunk verbreitet. Aber nur 60 bis 70 Prozent davon sind real. Der Grund: Jede Mitteilung an die Polizei, etwa von Autofahrern über Handy, wird sofort und ungeprüft an die Sender weitergegeben, um die Unfallgefahr so gering wie möglich zu halten. So kommt es recht häufig zu Falschmeldungen.

Autowrack eines Falschfahrers (Archiv): "Geisterfahrer gibt es in allen Bevölkerungsschichten" 
DPA

Autowrack eines Falschfahrers (Archiv): "Geisterfahrer gibt es in allen Bevölkerungsschichten" 

Wer viel auf deutschen Autobahnen fährt, kann allerdings den Eindruck bekommen, dass in Süddeutschland mehr Falschfahrer unterwegs sind als im Norden. In Bayern, Baden-Württemberg, Südhessen oder Rheinland-Pfalz scheinen die Radiosender öfter vor irregulärem Gegenverkehr zu warnen.

"Das ist eine subjektive Wahrnehmung", sagt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer. "Die Häufigkeit von Geisterfahrern dürfte mit der Verkehrsdichte zusammenhängen." Und die ist im Süden der Republik, wo es mehr Autobahnen und Autobahnkreuze gibt, einfach höher. Genaue Daten zu möglichen regionalen Unterschieden und zur Zahl der Verkehrstoten aufgrund von Geisterfahrten hat zwar auch der ADAC nicht. Aber es gilt als erwiesen, dass die Zahl der Falschfahrer bundesweit über die Jahre recht konstant bleibt. In manchen anderen europäischen Ländern ist das Problem weniger relevant. So erschweren beispielsweise in Italien die Mautstationen das falsche Auffahren auf die Autobahnen.

Die landläufige Meinung, dass vor allem ältere Autofahrer häufig auf die falsche Bahn geraten, ist dagegen ein Vorurteil. Laut ADAC liegt der Anteil der über 65-Jährigen an den Falschfahrern bei unter zehn Prozent. "Geisterfahrer gibt es in allen Bevölkerungsschichten", sagt Maurer. "Die häufigsten Gründe sind Stress, Orientierungsverlust, missverständliche Verkehrsführung, vor allem aber Alkoholkonsum". Bei rund einem Drittel aller Erwischten werde Alkoholeinfluss festgestellt.

Helfen Nagelbettreihen und Schutzschilder?

Laut einer ADAC-Studie aus dem Jahr 2004 sind zudem rund die Hälfte aller Geisterfahrer in vollem Wissen in der falschen Richtung unterwegs - etwa weil sie eine Ausfahrt oder die letzte Tankstelle verpasst oder einen Scheibenwischer verloren haben. Auch in diesen Fällen senkt Alkohol die Hemmschwellen offensichtlich drastisch. Absichtliches Falschfahren, etwa als Mutprobe, Wette oder Selbstmordversuch, macht dagegen laut Maurer nur einen sehr geringen Anteil aus. Generell sei das Phänomen der Geisterfahrten zwar bedenklich, aber verhältnismäßig selten. "In der öffentlichen Wahrnehmung kommt das aber ganz anders an, da die Medien fast über jeden Fall berichten."

Deshalb hält der ADAC-Vertreter aufwändige Schutzvorrichtungen wie etwa Nagelbettreihen in Auffahrten, die bei falscher Fahrtrichtung die Reifen aufschlitzen, für unnötig. "Das wäre ein Milliardenaufwand, der nicht im Verhältnis zur tatsächlichen Gefährdung steht." Auch einem Warnschild - wie es jetzt in Österreich neu eingeführt wird - steht Maurer kritisch gegenüber. "Dann müsste man ja wissen, dass bestimmte Strecken besonders gefährdet sind. Aber ein Geisterfahrer kann einem überall entgegenkommen."

Auch Rainer Hillgärtner vom Auto Club Europa hält Warnschilder für wenig sinnvoll: "Mit durchschnittlich einem Verkehrszeichen alle zehn Meter haben wir in Deutschland schon jetzt einen unerträglichen Schilderdschungel. Es ist zweifelhaft, ob Autofahrer all die Hinweise überhaupt noch wahrnehmen können."

Der sicherste Schutz vor Falschfahrern bleibt also das gute alte Radio.



insgesamt 21 Beiträge
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Besquare, 17.05.2006
1. Geisterfahre
Schutz vor Geisterfahrern!? mh... am besten lichtschranken auf Autobahn auf- und ab-Fahrten und wenn einer in der falschen Richtung ist fahren sich Reifenstecher aus, und der "noch-nicht-ganz-Geisterfahrer" bleibt stehen. Seinen Reifenschaden muss er selber blechen, dafür kriegt er nur 3 Punkte und 40€ Bußgel (40€ damits auch wirklich eins ist) Zum Teufel mit uns BeSquare
orkvomborg, 17.05.2006
2. Geisterfahrer exorziertunen!
---Zitat von sysop--- Wären zusätzliche Schutzvorrichtungen wie Warnschilder sinnvoll? ---Zitatende--- Ja, einfach alle Ausfahrten in Gegenrichtung zumauern! Ist eigentlich schon Sommerloch oder probt ihr nur schonmal dafür? Hehehe.
Mark Stein 18.05.2006
3. Geisterfahrer - Mediengeile Spinner
Gratulation - Das Sommerloch hat den Spiegel-Online erreicht! Bereits vor über 10 Jahren wurde das "Problem" dadurch gelöst, indem im Verkehrsfunk keine "Vollzugsmeldungen" mehr an den Stammtisch der Wett-Freunde des Falschfahrer übermittelt wurde. Je mehr die Medien dieses Thema behandeln, um so mehr Falschfahrer haben ihren tödlichen Spass. Auch dies ist kein typisch deutsches "Problem". Warum glauben sie wohl, dass in Los Angeles fast täglich zur besten TV-Sendezeit ein "Hochgeschwindigkeit-Polizei-Verfolgungsrennen" auf einem Freeway mit Hubschrauber-TV-Live-Übertragung stattfindet?
Frank Werner 18.05.2006
4.
---Zitat von sysop--- Zwischen 1500 und 1800 Geisterfahrer-Warnungen gehen jährlich bei der Polizei ein. Wie gefährlich ist das Phänomen? Wären zusätzliche Schutzvorrichtungen wie Warnschilder sinnvoll? ---Zitatende--- Um Gottes Willen, Ihr wollt doch nicht den Deutschen an ihr Heilig's Blechle gehen? Der deutsche Autofahrer leidet schon genug an all den Bosheiten, die ihm allzu menschenfreundliche Zeitgenossen in den Weg legen! Wenn schon wichtige Fragen diskutiert werden, dann nur, wie wir schneller fahren können und bitte sehr unseren Spritverbrauch möglichst preiswert gestalten können. Oder die Gleichberechtigung zwischen Diesel- und Benzinautos. Ich meine, das sind die wirklich wichtigen Fragen in Deutschland, die das Volk bewegen! Der ADAC hat schon Recht: Nichts - aber auch gar nichts - rechtfertigt in Deutschland Sicherheitsmaßnahmen im Straßenverkehr, die das Auto in seinem Wahn bremsen oder gar erträglich halten. Wen stören da schon ein paar unschuldige tote Familien? Das passiert ja bekanntlich eh immer nur den anderen... Frank Werner
Stefan Albrecht, 18.05.2006
5. Schilder
---Zitat von sysop--- Zwischen 1500 und 1800 Geisterfahrer-Warnungen gehen jährlich bei der Polizei ein. Wie gefährlich ist das Phänomen? Wären zusätzliche Schutzvorrichtungen wie Warnschilder sinnvoll? ---Zitatende--- Gegen jene Geisterfahrer, die aus versehen in die falsche Richtung fahren wäre es sinnvoll, manch einen Schilderwald zu lichten, welcher an manchen Autobahnauffahrten oder auch -Ausfahrten mehr verwirrt als hilft. Gleichzeitig hielte ich es für sehr sinnvoll, das derzeit in Österreich verwendete "Falsch" Schild hinzuzufügen, sofern es auf die gleiche Weise wie in Österreich angebracht wird. Es bildet eine Hilfe, wenn man sich nicht mehr zurechtfindet und verhindert so aus meiner Sicht wirkungsvoll, dass man irrtümlich in die falsche Richtung auffährt. Gegen jene Geisterfahrer, die mit Absicht, sei es zwecks Mutprobe oder wegen Selbstmordgedanken auf die Autobahn auffahren hilft vermutlich nur, dass ein großer, schwerer LKW entgegenkommt und man kann nur hoffen, dass dessen Fahrer angeschnallt ist. Weil geistig minder bemittelte Subjekte, die sich auf Kosten anderer selbst umbringen wollen oder derart "Mutig" sind anders vermutlich nicht zu bremsen sind.
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