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11. April 2014, 16:34 Uhr

Unfälle in Städten

Null Verkehrstote sind möglich

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Das Ziel von null Verkehrstoten lässt sich erreichen: Laut einer Dekra-Untersuchung hatten mehrere Großstädte innerhalb eines Jahres kein einziges Unfallopfer zu beklagen. Wie geht das?

Hamburg - Niemand muss im Straßenverkehr sterben - theoretisch jedenfalls. "Vision Zero" nennen Experten für Verkehrssicherheit das Ziel von null Unfallopfern auf den Straßen, und unmöglich ist das offenbar nicht. Laut einer Dekra-Analyse gibt es in Deutschland zahlreiche Beispiele dafür, dass zumindest innerhalb von Stadtgrenzen über ein ganzes Kalenderjahr hinweg kein einziger Mensch bei einem Crash starb.

Die überraschende Feststellung machten die Dekra-Experten beim Sammeln von Daten für ihren jährlichen Verkehrssicherheitsreport. Die jüngste Ausgabe widmet sich dem Thema "Urbane Mobilität". "In Deutschland gibt es 181 Städte mit mindestens 50.000 Einwohnern", heißt es darin. Genau 100 von diesen Städten erreichten laut Zahlen des Statistischen Bundesamts im Zeitraum zwischen 2009 und 2012 mindestens einmal den Idealwert: null Verkehrstote.

Generell sinkt das Risiko von tödlichen Verkehrsunfällen in Deutschland von Jahr zu Jahr. Innerorts kamen laut Statistischem Bundesamt im Jahr 1991 noch 3349 Menschen bei Unfällen ums Leben - 2012 waren es 1062. Auch die Zahl der Schwerverletzten reduzierte sich um fast die Hälfte.

Woran liegt diese erfreuliche Entwicklung? Jürgen Gerlach, Professor für Straßenverkehrstechnik an der Universität Wuppertal, nennt die wichtigsten Gründe:

In Aachen, wo nach offiziellen Angaben auch 2013 kein Mensch bei einem Unfall ums Leben kam, kommt laut einem Polizeisprecher ein weiterer Grund hinzu: "Wir machen mittlerweile viermal so viele Geschwindigkeitskontrollen wie in der Vergangenheit, hinzu kommen Aktionen wie der Blitz-Marathon", sagt er - und ist sich sicher: "Die Autofahrer sind dadurch auf Tempoverstöße sensibilisiert."

Leider herrscht aber in den Städten immer noch die höchste Unfallgefahr. Innerorts passieren mehr Unfälle als auf Autobahnen und Landstraßen. Mehr als 1,75 Millionen registrierte die Polizei im Jahr 2012 - fast genauso viele wie 1991 (1,7 Millionen). Dabei muss zwar die gestiegene Anzahl von Verkehrsteilnehmern, besonders mit Pkw, berücksichtigt werden; aber während sich die Zahl der bei Unfällen Schwerverletzten trotzdem halbiert hat, ist sie bei den Leichtverletzten nur um rund acht Prozent gesunken. Es kracht heute also fast so häufig wie früher - nur die Folgen sind nicht mehr so schlimm.

Offenbar muss sich noch viel mehr tun. Würden strengere Tempolimits helfen? "Nur auf Straßenabschnitten, die wirklich kritisch sind", meint Sicherheitsexperte Jürgen Gerlach.

Das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln auszubauen, wie es im Dekra-Report gefordert wird, wäre wirksam - aber teuer. "Wir fahren jetzt schon über unsere Verhältnisse", sagt Gerlach. Mobilität zu gewährleisten und zu finanzieren, wird seiner Ansicht nach immer schwieriger, auch beim Straßenbau. "Eine Pkw-Maut wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein."

Weniger Parkplätze für mehr Übersicht

Die Alternativen von Gerlach sind einfacher zu finanzieren, aber verlangen vor allem von Autofahrern sprichwörtlich mehr Bewegung.

Als Ersatz könnten Parkhäuser oder öffentliche Tiefgaragen besser ausgelastet werden. "Die Autofahrer müssten nur etwas weitere Wege zu Fuß in Kauf nehmen. Helfen könnte es auch, wenn das Parken in Straßen mindestens doppelt so teuer würde wie in Parkhäusern."

Der Verzicht auf den Pkw fällt vielen schwer, aber zum Umsetzen der "Vision Zero" ist er wohl notwendig. Bei Unfällen mit Personenschaden tragen laut Dekra meist Autofahrer die Hauptschuld.

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