Unterwegs im geheimen Prototypen Heute ein Erlkönig

Normalerweise sind Erlkönige streng geheim. Für SPIEGEL ONLINE machte Ford eine Ausnahme - und stellte kurz vor der Markteinführung einen getarnten Prototypen des Focus Cabrio-Coupé bereit. Wer in ihm mitfährt, kann nachfühlen, wie sich Außerirdische beim Landgang fühlen.


Den Designern treibt es die Tränen in die Augen. Da scribbeln sie monatelang Skizzen und modellieren an Tonblöcken, um neuen Autos neue Formen zu geben. Und dann kommen die Testfahrer und machen all die guten Ideen mit mattschwarzem Lack, schlecht sitzenden Lederbahnen und rollenweise Klebeband zunichte. Doch diese Camouflage folgt höheren Idealen: Hier geht es um den Schutz des geistigen Eigentums und die Wahrung des Überraschungseffekts. Denn damit die Premiere neuer Modelle später ein Erfolg wird, müssen sie wie das hässliche Entlein auf dem Weg zum strahlenden Schwan erst einmal leiden. Bis zur Unkenntlichkeit getarnt gehen sie als sogenannter Erlkönig auf Versuchsfahrt. Im Alltagsbetrieb wollen die Entwickler so entdecken und beheben, was die Kunden später stören könnte.

Zu Gesicht bekommt man diese handgefertigten und deshalb millionenschweren Prototypen so gut wie gar nicht. Weil sie in geheimer Mission unterwegs sind, haben Menschen wie Michael Malessa wenig attraktive Arbeitszeiten. Meist ist der Ford-Entwickler mit seinen Dienstwagen nur bei Nacht aktiv. Zumindest in der ersten Entwicklungsphase. Wenn allerdings die Premiere näher rückt wie jetzt beim Cabrio-Coupé des Focus, muss Malessa nicht mehr ganz so verbissen nach jedem Teleobjektiv spähen. Dann genehmigt das Protokoll sogar ausnahmsweise eine Audienz beim Erlkönig, die SPIEGEL ONLINE mitten in die Kölner Innenstadt führte.

Stillstand auf der Kreuzung, weil alle glotzen

Dort ist unser verklebtes Cabrio-Coupé ein steter Blickfang. Schon auf der Schnellstraße in die City kommt Malessa kaum voran, weil der Wagen ständig ausgebremst und von vorwitzigen Nebenmännern neugierig angestarrt wird. Auf der Kreuzung gerät der Verkehr ins Stocken, weil die Fahrer gegenüber nicht auf die Ampel, sondern unser Auto stieren. Und bei der Fotorunde um den Neumarkt recken die Taxifahrer ebenso die Hälse wie die Busfahrgäste an der Haltestelle.

Nachdem Malessa den Wagen mit dem Segen seines Entwicklungschefs ganz entgegen der sonst strengen Vorschriften am Rand einer Fußgängerzone abgestellt hat, können wir uns vorstellen, wie sich Außerirdische beim Landgang fühlen: Sofort bildet sich eine Menschentraube um den Wagen, und die Fotohandys klicken bis die Akkus leer sind. Zurückhaltende Menschen beobachten das Spektakel aus der Ferne. Vorwitzige tätscheln die Camouflage und versuchen, einen Blick in den Innenraum zu erhaschen. Die Ladenbesitzer stürmen auf die Straße, und eilige Paketkuriere vergessen vorübergehend ihre Termine, weil sie noch rätseln, ob das Logo unter dem Klebeband tatsächlich die Ford-Pflaume ist.

Rätselraten in der Fußgängerzone: Welches Auto ist das?

Malessa steht derweil ein paar Meter neben seinem Auto und beobachtet mit einem Lächeln im Gesicht, wie fasziniert und gleichzeitig ahnungslos die Passanten sind. Ein paar Gesprächsfetzen lassen darauf schließen, dass manch einer den Prototypen als Ford identifiziert hat. Aber viele glauben, sie stünden vor einem Japaner oder Koreaner. Und auf das neue Cabrio-Coupé kommt kaum einer.

Dabei müssten sie den Testfahrer einfach nur fragen. Anders als sonst ist Malessa heute richtig mitteilsam, lässt sich auf einen Smalltalk mit den Passanten ein und adelt manch einen zum Experten, weil er seine Vermutung bestätigt.

Wäre das Auto wirklich noch geheim, ließe sich Malessa auf solche Plaudereien freilich nicht ein. Und der Focus stünde nicht allein in einer Seitenstraße am Neumarkt, sondern behütet und blickdicht verborgen unter einer mit Stahlseilen und Nummernschlössern gesicherten Plane. Selbst beim kürzesten Boxenstopp, so fordert es die Dienstanweisung, darf das Auto nicht alleine bleiben. Und wenn es wider Erwarten doch einmal zum Publikumskontakt kommt, gibt sich Malessa äußerst zugeknöpft: "Wir sind zwar nett und freundlich, aber in der Sache schweigen wir eisern", erläutert der Testfahrer. "Außerdem suchen wir dann meistens schnell das Weite."

"Bikini" mit Klettverschluss und Klebeband

Nötig scheint diese Scheu nicht. Denn so massiv, wie Malessas Dienstwagen verklebt und verunstaltet ist, gibt er nur wenig Hinweise auf das künftige Serienfahrzeug. "Dieses Auto entspricht der zweiten Tarnstufe etwa 18 Monate vor dem Produktionsstart", erläutert der Ingenieur. Dafür haben Sattler große Bahnen aus Kunstleder vernäht, die teilweise noch mit Schaumstoff unterfüttert wurden, um auch die letzten Konturen zu schlucken. Dieser "Bikini" wird mit Klettverschluss und Klebeband so auf der Karosserie befestigt, dass nur noch das Nummernschild und die Scheinwerfer herausschauen.

Seit es aber die ersten offiziellen Fotos des neuen Cabrios gibt, haben die meisten der gut 30 Erlkönige abgedankt und ihre schmucklose Robe in einem Sondermüllcontainer entsorgt. Jetzt fahren sie selbst zur Hauptverkehrszeit schon völlig ohne Tarnung durch die Stadt. Malessa stimmt das fast ein wenig traurig. Und plötzlich hat er eine nette Idee: "Vielleicht sollten wir die 'Bikinis' nicht wegwerfen, sondern künftig als Zubehör verkaufen." Dann wird selbst ein gebrauchter Focus irgendwann wieder zum Star der Straße.



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