US-Automarkt Sparboom im Spritschlucker-Land

Small is sexy: Ausgerechnet in der amerikanischen Provinz fahren Pkw-Kunden neuerdings auf Sparmobile wie Smart und Mini ab. Für die krisengebeutelten US-Autohändler eine große Chance - wer sich konsequent genug umstellt, kann trotz Spritpreiskrise ordentlich Kasse machen.

Aus Albany berichtet


Amerika stöhnt über steigende Spritpreise. Mehr als vier Dollar für eine Gallone Benzin sind mittlerweile die Regel, und das bringt selbst das Land der Spritschlucker und Energieverschwender zum Umdenken. Wer durch die Wälder von Vermont gondelt, trifft immer wieder auf riesige Reklametafeln, die für eine bessere Wärmeisolierung der alten Holzhäuser werben. In Manchester gibt es Park-and-Walk-Stellplätze, und gelegentlich sieht man tatsächlich Fußgänger auf dem Weg zum Briefkasten. Und aus dem Süden des Landes hört man von langen Wartezeiten an der Grenze zu Mexiko. Dort kostet der Sprit deutlich weniger, und viele US-Bürger nutzen das günstige Angebot im Nachbarstaat.

Wer die Zeitung "USA Today" zur Hand nimmt, liest schon auf der Titelseite die traurige Geschichte von US-Rentnern, die ihr sauer verdientes 37-Fuß-Wohnmobil jetzt zur Immobilie abrüsten. Denn große Sprünge seien bei diesen Benzinpreisen nicht mehr drin, klagen die Golden-Ager auf dem Seitenstreifen. "Wenn man mit einer Gallone gerade einmal sieben Meilen weit kommt, muss man zum Taschenrechner greifen, um den Aktionsradius neu zu bestimmen", zitiert das US-Blatt die verhinderte Globetrotterin Lynda Perdew.

Natürlich lässt bislang nur ein Bruchteil der Amerikaner das Auto öfter mal stehen. Doch weil zum hohen Spritpreis auch noch die vielen geplatzten Immobilienkredite kommen, sind die US-Bürger derzeit nicht in Kauflaune. Insbesondere der Automarkt ist seit Monaten im freien Fall, und die gerade veröffentlichten Absatzzahlen für den Juni - ein Minus von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat - sind eine weitere Hiobsbotschaft aus Detroit. Die Chrysler-Group büßte im Vorjahresvergleich 28 Prozent ein, Ford verlor 19 und General Motors 8 Prozent. Und keine andere Zahl belegt den Niedergang des "American Way of Drive" eindrucksvoller als die für den Hummer: Mit einem Minus von 54 Prozent ist der Gelände-Dinosaurier Verlierer des Monats. Zudem wurde der Ford F-150, eine Art Blech gewordenes Mastschwein, erstmals seit zehn Jahren vom Spitzenplatz der Zulassungsstatistik verdrängt – und zwar vom Honda Civic.

Gute Geschäfte mit den richtigen Autos

Angesichts dieser Zahlen wächst der Verdacht, Autohändler in den USA steckten tief im Schlamassel. Doch Stichproben in Neuengland zeigen: Ganz so schlimm ist die Stimmung gar nicht. Im Gegenteil! Wer die richtigen Marken und Modelle verkauft, hat sogar gut lachen. So wie Maria Dunning von Keeler Motors in Albany. Die Managerin wacht über Showrooms von Honda, BMW, Mercedes, Jaguar, Land Rover, Mini und Smart und hat "bislang sogar mehr verkauft als im vergangenen Jahr". Das bedeutet Monat für Monat zwischen 600 und 700 Autos. "Wahrscheinlich liegt es an unseren Marken und an der Zielgruppe", sagt Dunning. Jeder starre inzwischen auf die Piktogramme an den Neuwagen, auf denen der Verbrauch "Miles per Gallon" angegeben ist, hat die Händlerin beobachtet.

Das Kaufverhalten verändere sich. Langsam, aber doch spürbar. Dunnings Fazit: "Je kleiner die Autos, desto größer ihr Erfolg. Mini und Smart können wir gar nicht genug bekommen, die sind praktisch ausverkauft."

Insbesondere der Erfolg des Zwergs aus dem Mercedes-Imperium ist verwunderlich, weil Albany nun wirklich keine Metropole ist, die nach einem solchen Winzling schreit. Trotzdem hat Dunning im ersten Halbjahr rund 140 Exemplare losgeschlagen. Und Mini und Smart sind nicht die einzigen Autos mit Nachschubproblem. "Kleine Autos mit sparsamen Vierzylindermotoren haben wir zu wenig, es sind einfach keine neuen aufzutreiben."

"Da hat jemand auf den Panikknopf gedrückt"

Weniger gelassen ist das Personal von Morris Motors eine halbe Stunde außerhalb der Provinzhauptstadt im Örtchen Burnt Hills. Chef Christie Morris verkauft keine edlen Importmodelle, sondern muss sich mit den antiquierten Spritschluckern von Chrysler und Jeep auf der einen und Ford und Mercury auf der anderen Straßenseite herumschlagen. Trotzdem setzt er das typische Lächeln eines Autoverkäufers auf und redet die Krise schön. "So schlecht ist die Lage doch gar nicht. Da hat jemand den Panikknopf gedrückt und jetzt schreien alle Alarm", sagt er. Seine Hoffnung: "Irgendwann wird der Benzinpreis schon wieder fallen, und sobald hier bei uns in Neuengland der erste Schnee liegt, verkaufen wir auch wieder mehr SUVs und Geländewagen."

Vorerst jedoch werden kleinere Pkw verkauft. Außerdem gibt es - wie bei vielen anderen Händlern - teure Sonderaktionen. Manche verzichten bei einer Neuwagenfinanzierung 60 Monate lang auf Zinsen, andere legen jedem Kaufvertrag eine Tankkarte über 1000 Dollar bei, und Morris übernimmt, wie alle Chrysler-, Jeep- und Dodge-Händler sämtliche Kosten, die beim Spritpreis über 2,99 Dollar pro Gallone liegen. Welche Löcher das in die Kassen reißt, darüber erfährt man von Morris kein Wort.

Hybridmodelle gehen weg wie warme Semmeln

Mister Morris plaudert lieber über Hybridmodelle, die er gerne verkaufen würde. "Denn die gehen weg wie warme Semmeln." So wie sparsame und moderne Kleinwagen wie etwa der Ford-Typen Fiesta oder Focus aus Europa. "Das sind die Autos, die wir hier in den USA in Zukunft brauchen." Zumindest die Ford-Zentrale in Dearborn sieht das mittlerweile ähnlich.

Ein US-Fiesta ist bereits beschlossen, und über eine US-Ausgabe des nächsten Focus wird zumindest spekuliert. Bis solche Modelle auf den US-Markt kämen, rät Morris seinen Kunden zum Autokauf nach altem Muster. "Billiger als heute waren amerikanische Autos noch nie", lautet sein Argument. So viel wie mit beim Kauf eines SUV könne man mit einem Kleinwagen an der Tankstelle gar nicht sparen.

Nicht alle Amerikaner folgen dieser Argumentation. Sogar langjährige Limousinenfahrer wechseln vom Slogan "Big is beautiful" auf den Spruch "Small is sexy". Die Prominenz fährt dabei vorweg. Arnold Schwarzeneggers Hummer fährt immerhin abgasfrei mit Wasserstoff. Und der Bürgermeister von Washington D.C. hat die versoffenen Dienstwagen gleich ganz ausgemustert: Seit ein paar Tagen fährt er im Smart Cabrio durch die Hauptstadt.



insgesamt 227 Beiträge
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Rainer Girbig 04.07.2008
1. Anderes Kaufverhalten
Wenn ich richtig informiert bin, hatten die Amis bei Autos schon immer ein anderes Kaufverhalten als die Europäer. Da wird jedes Jahr ein neues Auto angeschafft (oder so). Dadurch können die amerikanischen Autokäufer sehr flexibel reagieren. In Europa wird das Auto wohl länger gefahren. Eine Neuanschaffung ist ja auch eine ziemlich große Investition für einen Privatmann. Bei Firmenwagen mag das anders sein. Die Orientierung hin zu weniger spritfressenden Modellen ist sicher zu begrüßen, an der Preisentwicklung wird sich ja wohl nichts mehr ändern; es geht sicher weiter nach oben.
Charles Atane, 04.07.2008
2. Image und Wirklichkeit
Bei uns, wo man sich moralisch gerne den Amerikanern überlegen fühlt, kostet das Benzin das Zweieinhalbfache wie dort, und trotzdem schaffen die Amis die automobile Wende aus dem Stand, während *Autofetischisten, Autoindustrie und Autopolitik* bei uns noch immer auf üppig motorisierte Blechpanzer setzen, sogenannte Premium-Stinker und -Säufer, die sich in wenigen Jahren nur noch die wirklich Reichen leisten können. Wie die genannten drei Säulen des Irrsinns zusammenarbeiten, beleuchtet übrigens auch treffend dieser SPON-Artikel vom 2. Juli: http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,563036,00.html.
matrix99 04.07.2008
3. Wie man den Benzinpreis in Deutschland halbieren kann
Eine gallon ist gleich 3,785 Liter, bei einem Preis von 4,22 US Dollar für eine Gallone Benzin, macht das umgerechnet ca. 1,12 Dollar pro Liter. Beim heutigen Kurs Euro-Dollar vom 1,57 macht das EUR 0,71 für einen Liter! *Also, Benzin kostet z.Zt. in Amerika nur EUR 0,71 pro Liter (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,563617,00.html)* Warum muss Benzin in Deutschland so teuer besteuert werden?
Der Pragmatist 04.07.2008
4. Hysterie um Benzin
Zitat von sysopSmall is sexy: Ausgerechnet in der amerikanischen Provinz fahren Pkw-Kunden neuerdings auf Sparmobile wie Smart und Mini ab. Für die krisengebeutelten US-Autohändler eine große Chance - wer sich konsequent genug umstellt, kann trotz Spritpreiskrise ordentlich Kasse machen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,563617,00.html
Die Situation heute ist genau die gleiche wie zur Oelkrise in den fruehen 70er Jahren. Damals stiegen die Leute wie wild auf kleinere Wagen um und grosse koennte man kaum verschenken. Damals sprang der Benzinpreis von 40 c auf 50 c pro Gallone und die Bevoelkerung glaubte, der Weltuntergang sei nahe. Nach weniger als einem Jahre war alles vergessen und die grossen Autos waren wider in Mode und nahmen sogar noch an Groesse zu. Wird es diesmal anders sein? Wohl kaum! Pragmatist
Rainer Girbig 04.07.2008
5. Steuerjunkie
Zitat von matrix99Eine gallon ist gleich 3,785 Liter, bei einem Preis von 4,22 US Dollar für eine Gallone Benzin, macht das umgerechnet ca. 1,12 Dollar pro Liter. Beim heutigen Kurs Euro-Dollar vom 1,57 macht das EUR 0,71 für einen Liter! *Also, Benzin kostet z.Zt. in Amerika nur EUR 0,71 pro Liter (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,563617,00.html)* Warum muss Benzin in Deutschland so teuer besteuert werden?
Es liegt natürlich nahe, die Senkung der Mineralölsteuern zu fordern. Aber dafür müßten dann andere Steuern erhöht werden. Das nennt man Gegenfinanzierung. Oder man macht Vorschläge, wie der Ausfall durch Ausgabensenkung aufzufangen wäre. Aber das ist nicht realistisch. Der deutsche Staat hängt an der Mineralölsteuer wie der Junkie an der Nadel.
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