US-Automarkt vor der Detroiter Messe Motown in Moll

Der automobile Nationalstolz wird in den USA derzeit auf eine harte Probe gestellt. Zwischen Baltimore und San Diego fahren die Japaner den "Big Three" davon, im Rest der Welt laufen die Europäer den US-Marken den Rang ab. Tom Grünweg erklärt, wie der Automarkt der USA tickt.


Die Soul-Stadt Detroit singt den Blues. Denn in der Metropole der amerikanischen Autoindustrie gibt es derzeit nicht viel zu lachen. Zwar beginnt dort nächste Woche mit der North American International Auto Show (NAIAS, 13. bis 27. Januar) das neue Autojahr, doch in richtiger Feierlaune werden die Bosse der drei großen US-Konzerne General Motors, Ford und Chrysler kaum sein. Zu schlecht sind für die "Big Three" die Absatzzahlen auf dem Heimatmarkt, zu trübe sind die Aussichten für die nahe Zukunft.

Schon seit Jahren bewegt sich der US-Markt im Rückwärtsgang. Lagen die Neuzulassungen für Pkw und die sogenannten Light Trucks im Jahr 2000 nach Angaben des Marktbeobachters Global Insight noch bei nahezu 17,5 Millionen, sind sie in den vergangenen Jahren fast kontinuierlich gefallen. Für 2007 (noch ist nicht alles ausgezählt) erwarten Experten weniger als 16 Millionen Neuzulassungen. "Gegenüber dem Vorjahr rechnen wir mit einem Minus von 400.000 Fahrzeugen oder 2,36 Prozent", sagt Analyst Henner Lehne vom Prognosehaus CSM und macht wenig Hoffnung für die Zukunft.

Geringeres Wirtschaftswachstum, Immobilienkrise, hohe Verschuldung der Privathaushalte und der für amerikanische Verhältnisse drastische Anstieg der Benzinpreise seien die Gründe für die Misere, sagt Lehne und prognostiziert für 2008 einen weiteren Rückgang. "In Nordamerika könnten die Verkäufe aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren zurückgehen", sekundiert die Kreditanalystin Maria Bissinger von der Ratingagentur S&P in der Fachzeitschrift "Automobilwoche".

Pickups als Bestseller - wie lange noch?

Darunter leiden vor allem die US-Hersteller. Während sich die Kunden zunehmend kleinen und sparsamen Fahrzeugen zuwenden, ist ihr Produktportfolio nach wie vor auf Pickups und Geländewagen ausgerichtet. Nach Angaben von Marktforscher Ferdinand Dudenhöffer entstammte im Jahr 2007 jeder zweite US-Neuwagen dieser Kategorie. So waren die Pickups der Ford F-Serie und der Chevrolet Silverado führend in der Zulassungstabelle - mit 680.000 und 610.000 Verkäufen. Auf Rang drei folgte die Limousine Toyota Camry (470.000 Neuzulassungen), danach der Honda Accord (390.000).

Doch mit dem Aufstieg der Generation Y, also der zwischen 1978 und 1990 Geborenen, geht die Ära der archaisch-grobschlächtigen Fahrzeuge offenbar zu Ende. Die in den USA bislang dominierenden Light Trucks gehören wohl bald zum alten Eisen. Der Trend ist längst erkennbar, auch deshalb stecken GM, Ford und Chrysler in der Krise. Aktuell kommen die drei Konzerne laut Dudenhöffers Hochrechnung zusammen zwar noch auf 52,3 Prozent Marktanteil. Doch schon im nächsten Jahr könnten der auf unter 50 Prozent sacken, prognostizieren die Experten bei Global Insight.

General Motors vor Toyota und Ford

Was die Marktanteile in den USA betrifft, hält sich General Motors weiterhin mit 23,6 Prozent an der Spitze - obwohl dies der niedrigste Wert seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist. Dahinter folgt erstmals der japanische Toyota-Konzern mit 16,2 Prozent, der den scheinbar ewigen Zweiten Ford (16 Prozent) jüngst überholte. Und Toyota wächst nicht alleine: Die japanischen Marken insgesamt legten in den USA um 3,1 Prozent zu und bestimmen nun knapp ein Drittel des Marktes. So wuchs Nissan um 4,7 Prozent und erreichte 6,6 Prozent Marktanteil, und Honda erzielte ein Plus von 2,6 Prozent, was zu einem Marktanteil von 9,6 Prozent führte.

Während die Amerikaner und die Japaner um die Vorherrschaft ringen, spielen die Europäer nur eine Nebenrolle auf dem US-Markt. Zwar ist der vor allem für die deutschen Hersteller lukrativ und wichtig, doch haben BMW, Mercedes, VW, Audi und Porsche dort in den ersten elf Monaten 2007 nach einer Statistik von Jato Dynamics zusammen lediglich 860.000 Autos verkauft. Selbst Nissan, drittgrößte japanische Marke in den USA, kommt auf eine höhere Verkaufszahl. Immerhin: Die deutschen Marken wiesen insgesamt ein Plus von 1,4 Prozent aus.

BMW ist die erfolgreichste deutsche Marke in den USA

Auf dem Treppchen in der deutschen Importwertung 2007 steht mit 335.840 Zulassungen BMW (mit der Kleinwagenmarke Mini) vor Mercedes (253.433) und VW (230.572). Audi kommt in der Jato-Statistik auf 93.506 und Porsche auf 36.095 Verkäufe. Und die Prognosen sind nicht schlecht. "Vor allem BMW, Mercedes und Audi werden langfristig weiter mit Zuwächsen rechnen können, obwohl der Wettbewerb mit den japanischen Premiummarken Lexus, Acura und Infiniti hart ist." Das stärkste Wachstum sieht der Experte für Porsche, wo im nächsten Jahre der Viertürer Panamera für einen Schub sorgen dürfte.

Die Amerikaner werden sich daran gewöhnen müssen, dass ihre Bedeutung für die Autowelt abnimmt. Kurzfristig musste der US-Markt bereits den Spitzenplatz räumen. Denn in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres wurden mit 14,827 Millionen Pkw erstmals in Europa mehr neue Autos verkauft als in den USA. "Das ist nicht nur ein einmaliges historisches Ereignis", sagte Auto-Analyst Peter Schmidt von Automotive Industry Data (AID) in der "Automobilwoche". "Nach unserer Prognose wird auch im nächsten Jahr und dauerhaft Europa vorn liegen."



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