Spektakuläre Lackierung Schwarzes Loch auf Rädern

Vanta-Schwarz ist das schwärzeste Schwarz der Welt. Jetzt wurde erstmals ein Auto mit diesem Material beschichtet. Der Effekt: Konturen, Linien, Wölbungen, Kanten - alles verschwindet.

Jürgen Pander

Tintenschwarz, rabenschwarz, pechschwarz, kohlschwarz - alles Worte um auszudrücken, wenn etwas so richtig schwarz ist. Und alle Umschreibungen sind falsch, denn der richtige Name für das schwärzeste Schwarz ist: Vanta-Schwarz. So heißt eine aufwendig hergestellte Farbe, die nahezu das gesamte auftreffende Licht schluckt und dadurch alles Dreidimensionale verschwinden lässt. Gegenstände, die mit Vanta-Schwarz überzogen sind, wirken wie ausgeschnitten aus der Wirklichkeit, eine lichtlose Leerstelle.

Das ist kein Zufall, genau zu diesem Zweck wurde Vanta-Schwarz erfunden: um unerwünschte Lichteffekte, Reflexionen, Schattierungen zu eliminieren. Teleskope, mit denen Wissenschaftler sehr schwache Lichtsignale aus weit entfernten Galaxien beobachten wollen, sind deswegen auf der Innenseite damit beschichtet. Militärs tarnen Waffensysteme mit dem Lack. Mit einer Beschichtung aus Vanta-Schwarz wird das auftreffende Licht absorbiert, Spionagesatelliten erkennen dann nur schwarze Löcher, aber nicht, was sich tatsächlich dort verbirgt.

Würde man ein Auto mit Vanta-Schwarz überziehen, kämen beide Effekte zur Geltung. Die Plastizität des Karosseriekörpers würde verschwinden, die Lichtquellen jedoch würden umso stärker auffallen. Seit Kurzem ist das nachprüfbar: BMW ließ ein SUV-Modell vom Typ X6 in Vanta-Schwarz beschichten.

Die Arbeit der Autodesigner wird unsichtbar

Die Anwendung der Hightech-Farbe auf ein Auto bietet einen irritierenden Anblick: Sämtliche Konturen verschwinden, die Karosserie erscheint nicht mehr drei-, sondern nur noch zweidimensional. Selbst die Fugen erscheinen unsichtbar. Man könnte auch sagen: Die Arbeit der Designer war für die Katz'. Denn all die "muskulösen" Blechbeulen und "skulpturalen Wölbungen", von denen Autogestalter normalerweise schwadronieren, werden mit Vanta-Schwarz unsichtbar.

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Vanta-Schwarz: Der Lichtschlucker

Entwickelt wurde Vanta-Schwarz von der britischen Firma Surrey Nano-Systems in Newhaven. Vanta ist ein Akronym für "Vertically Aligned Nanotube Array" (vertikal angeordnete Nanoröhrchen). Im Grunde ist der Name eine Art Bauplan für das Superschwarz. Salopp gesagt handelt es sich bei Vanta-Schwarz um einen Wald aus Kohlenstoff-Nanoröhrchen, also einen Mikrokosmos, der fast alles auftreffende Licht verschluckt. Die Kohlenstoffröhrchen haben einen Durchmesser von 20 Nanometer, sie sind also fünftausendmal dünner als ein menschliches Haar. Und sie ragen zwischen 0,02 und 0,03 Millimeter hoch auf. Auf einem Quadratzentimeter befinden sich rund eine Milliarde solcher Röhrchen.

Wie das Superschwarz einen Unfall verursachte

Fällt Licht in ein solches Kohlenstoff-Dickicht, findet es nicht mehr heraus. Es wird in und zwischen den Nanoröhrchen reflektiert, gefangen und geschluckt. Exakt sind es 99,96 Prozent des auftreffenden Lichts, die von dieser mikroskopisch kleinen Struktur absorbiert werden. Es gibt also so gut wie keine Reflexion. Man blickt auf ein schwarzes Loch.

Die Metapher mit dem schwarzen Loch hat offenbar auch den indisch-britischen Künstler Anish Kapoor inspiriert. Kapoor beschichte ein 2,40 Meter tiefes Loch mit Vanta-Schwarz. Als das Objekt im vergangenen Jahr im Serralves Museum im portugiesischen Porto gezeigt wurde, stürzte ein Ausstellungsbesucher hinein und verletzte sich. Er hatte das Loch für einen schwarzen Fleck auf dem Betonfußboden gehalten. Auch hier unterdrückte das Vanta-Schwarz jegliche Reflexionen. Dass es sich tatsächlich um ein Loch handelte, war zwar auf etlichen Hinweistafeln angeschrieben, aber eben optisch nicht zu erkennen.

Als Autolack ein Gag - für Sensoren eine gute Idee

BMW hat das Vanta-Schwarz vor allem als Marketing-Gag auf den neuen X6 auftragen lassen. Zudem solle durch die nahezu verschwundene Karosserie die Aufmerksamkeit auf die LED-Scheinwerfer, die Rücklichter und die beleuchtete BMW-Niere gelenkt werden, teilt ein Sprecher des Unternehmens mit. Als Autofarbe hat Vanta-Schwarz wohl keine Zukunft - das Material ist zwar unempfindlich gegen extreme Temperatur- und Druckschwankungen sowie gegen Vibrationen, es ist aber nicht kratzfest. Und darüber hinaus extrem teuer und aufwendig zu verarbeiten.

Dennoch könnte es in Zukunft auch in Autos hie und da kleine Vanta-schwarze Löcher geben. Zum Beispiel in lichtempfindlichen Sensoren, damit deren Messergebnisse unabhängig von Streulichteinflüssen stets korrekte Daten liefern. Oder an den Einfassungen von Head-up-Displays. Vanta-Schwarz könnte an dieser Stelle helfen, die Anzeigen besser erkennbar und frei von irritierenden Lichtreflexen zu machen.

Vielleicht wird dazu aber auch künftig eine andere Farbe verwendet: Zwei Wissenschaftler des MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Boston haben einen Werkstoff hergestellt, der noch ein wenig düsterer ist als das Vanta-Schwarz. Die Entwicklung von Kehang Cui und Brian Wardle verschluckt 99,995 Prozent des Lichts, schreiben die Forscher in einer aktuellen Studie.



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Seite 1
quark2@mailinator.com 24.09.2019
1.
Nein, Vanta-Schwarz ist nicht mehr das schwärzeste Schwarz, nachzulesen im aktuellen Spektrum der Wissenschaft: https://www.spektrum.de/news/schwaerzer-als-das-schwaerzeste-schwarz/1674982
Speedwing 24.09.2019
2. Wäre doch auch
mal etwas für Leichenwagen, fallen dann nicht mehr so sehr auf :-) :-)
michaelXXLF 24.09.2019
3. Endlich!
Ein unsichtbares Auto, das man nicht kommen sieht. Genau das, was wir im Jahr 2019 brauchen.
pepe-b 24.09.2019
4. Nicht das schwärzeste Schwarz
Vantablack ist nicht (mehr) das schwärzeste Schwarz. Ihr habt doch selbst erst vor drei Tagen darüber berichtet *kopschüttel* https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/wissenschaftler-entwickeln-neues-superschwarz-a-1287978.html
Alm Öhi 24.09.2019
5. Es ist keine Farbe!
Nochmals schwarz ist ein Effekt und keine Farbe.
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