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Vegane Autos: So ersetzen Hersteller Leder und Wolle

Foto: Fisker

Alternativen zu Lederausstattung Das vegane Auto

Die Autoindustrie verbrauche etwa 20 Prozent der weltweit verfügbaren Tierhäute für die Innenausstattung, kritisiert Frank Schmidt von der Tierrechtsorganisation Peta. Doch immer mehr Hersteller denken um.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, Kleidung oder Kosmetik ohne Tierversuche kann man heute problemlos kaufen, vegane Lebensmittel sowieso. Warum gibt es noch kein veganes Autohaus?

Schmidt: Es gibt in Deutschland rund eine Million Veganer und gut neun Millionen Vegetarier - sie fragen verstärkt auch beim Autokauf nach komplett lederfreien Innenausstattungen. Die Hersteller verwenden jedoch häufig in alter Tradition Lenkräder oder Schaltknüppel mit Leder. Das erschwert Tierfreunden den Autokauf unnötig.

Zur Person
Foto: PETA Deutschland

Frank Schmidt, Jahrgang 1985, ist Head of Corporate Affairs bei der Tierrechtsorganisation Peta in Stuttgart. Er nutzt gern Fahrrad und Bahn. Weil er in der Innenstadt wohne, brauche er kein eigenes Auto, sagt Schmidt. Für Wochenendausflüge mietet er sich aber gern mal einen Wagen - "dann aber ohne Lederinterieur".

SPIEGEL ONLINE: Was spricht gegen die Verwendung von Leder und anderen tierischen Produkten im Auto?

Schmidt: Die Klimabilanz von Leder ist verheerend. Kühe produzieren tonnenweise Methan und Kohlendioxid, benötigen jahrelang Futter und riesige Weideflächen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt das Leder?

Schmidt: Die Automobilleder-Zulieferer haben unterschiedliche Quellen. Die Hauptlederlieferanten sind Länder mit großen Rinderbeständen wie Indien, Brasilien, China, die USA, aber auch die EU.

SPIEGEL ONLINE: Leiden die Tiere?

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Vegane Autos: So ersetzen Hersteller Leder und Wolle

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Schmidt: Peta hat bei Ermittlungen - auch in deutschen Schlachthöfen - aufgedeckt, dass Kühe häufig bei Bewusstsein sind, wenn ihnen die Kehle durchgeschnitten wird. Die Tiere zappeln am Haken hängend mit ihren Beinen, während sie qualvoll verbluten. Hinzu kommen lange Tiertransporte. In Indien reibt man Kühen Chili in die Augen oder bricht ihre Schwänze, um sie zum Weitermarschieren anzutreiben.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann das sein - in Indien gelten Kühe doch als heilig?

Schmidt: In den meisten indischen Bundesstaaten steht das Schlachten von Kühen unter Strafe. Dennoch werden Tausende illegale Schlachthöfe betrieben. Für die Lederindustrie Indiens sind die Häute alter Kühe aus der Milchindustrie - neben den Bullen - ein lukratives Geschäft. Kühe werden oft Hunderte Kilometer in illegale Schlachthäuser oder in Bundesstaaten ohne Schlachtverbot getrieben oder ins muslimische Bangladesch geschmuggelt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es außer Leder noch andere tierische Materialien, die im Autobau verwendet werden?

Schmidt: In den Sitzen können auch Wolle oder Kleber tierischen Ursprungs stecken. Hinzu kommen Öle, Fette oder Farbpigmente.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie von den Autoherstellern?

Schmidt: Die Automobilfirmen müssen in Zukunft nicht nur beim Antrieb, sondern auch bei der Innenausstattung nachhaltiger werden. Tierfreie Textilmaterialien im Innenraum sind hierfür ein Schlüssel. Immerhin haben dies bereits einige Hersteller erkannt.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Schmidt: Aufstrebende Marken wie Tesla beziehen den Innenraum mit ein, wenn sie den ökologischen Fußabdruck eines Autos berechnen. Insofern ist es wegweisend, dass Tesla bereits 2017 Interieurteile mit Leder ausgelistet hat. Unternehmenschef Elon Musk hat auf Bitten der US-Aktionäre versichert, dass beim Model Y das Lenkrad nicht mehr wie bisher standardmäßig aus Leder besteht oder gar ganz verschwindet. Der noch für 2019 geplante EMotion von Fisker soll ebenfalls mit einem lederfreien Innenraum erhältlich sein.

SPIEGEL ONLINE: Was tun die deutschen Hersteller?

Schmidt: Sie haben dringenden Nachholbedarf. Eine lederfreie Serienausstattung ist häufig nur mit Aufpreis erhältlich. So hat Opel keine ernsthaften Bemühungen erkennen lassen, den Einsatz von Leder in neuen Modellen zu reduzieren. Die Lenkräder in neuen SUV-Modellen sind trotz Appellen von Peta weiterhin standardmäßig mit Leder bezogen, auch wenn im Innenraum schon Stoffsitze angeboten werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es positive Beispiele?

Schmidt: Bei Mercedes-Benz können Sie die A-, B- und C-Klasse komplett lederfrei bestellen. Bei der C-Klasse ist allerdings eine Sonderanfertigung eines Lenkrads vonnöten. Auch die Volkswagen-Gruppe bietet viele Modelle ohne Tierhäute an - vom VW Golf über den Skoda Octavia bis zum Seat Alhambra.

SPIEGEL ONLINE: Meistens wird Leder aber durch Plastik ersetzt - das ist der Stoff, der als Abfall unsere Meere verseucht. Was soll daran besser sein?

Schmidt: Leder ist eines der umweltfeindlichsten Produkte der Welt. Für die Rinderzucht werden Regenwälder gerodet. Die Tiere tragen durch ihre methanhaltigen Ausscheidungen massiv zur Klimaerwärmung bei. Krebserregende Chemikalien wie Formaldehyd und Chrom, die zur Herstellung benötigt werden, werden in Entwicklungsländern ungeklärt in der Natur entsorgt. Deshalb setzen viele Autobauer auf recycelte Kunstfasern und testen Ananasleder, wie beim Skoda Vision RS. Audi möchte den E-Tron Sportback auch mit Bambusfasertextil anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Bambusfaser - das ist Liebhabern von Luxusschlitten vermutlich ein Gräuel. Wie sieht es in der automobilen Oberklasse mit veganer Ausstattung aus?

Schmidt: Der Fortschritt kommt im Luxusbereich besonders gut voran. So hat man bei Bentley mehrfach mit dem Gedanken an vegane Autos gespielt. Viele wohlhabende, erfolgreiche Geschäftspersonen oder Prominente, die vegan leben, wollen nicht auf 15 Bullenhäuten sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Neuwagen ohne Leder ist also heute schon möglich. Und was mache ich, wenn ich ein Taxi bestelle?

Schmidt: Glücklicherweise wird das klassische Taxi, die Mercedes-Benz E-Klasse, inzwischen standardmäßig mit Artico ausgestattet. Dieses hochwertige Kunstleder ist bei Dauernutzung mit guter Pflege sogar strapazierfähiger als Leder.