Vergleich Mini von 2009 vs. Morris Minor 850
Heutzutage gelten neun Jahre alte Autos schon als unzeitgemäß. Es gibt 2500 Euro Belohnung, wenn man sie in die Schrottpresse steckt. Glücklicherweise war das früher anders, sonst wären Geschichten wie diese wohl unmöglich.
Zwei Autos, beide aus Oxford, beide tragen den Namen Mini - aber zwischen ihnen liegen 50 Jahre. Das ist eine lange Zeit. Damals gab es weder das Internet noch Farbfernsehen, bis zur Mondlandung dauerte es noch zehn Jahre, auf Platz eins der Hitparade in Deutschland hatte sich Freddy Quinn mit dem Lied "Die Gitarre und das Meer" festgesetzt. Und in England rollte am 26. August 1959 ein Auto auf die Straßen, wie es bislang noch keines gegeben hatte: der Mini.
Unsere Zeitreise im Morris Mini-Minor 850 aus dem Baujahr 1959 beginnt in Garching. Kurz darauf geht es auf die Autobahn und der Maßstab verrutscht prompt. Sind wir hier im Land der Riesen? Die Lkw türmen sich auf wie Steilklippen, Limousinen gucken mit wulstigen Stoßfängern zu den Seitenfenstern herein, und der Fahrstreifen wirkt auch viel zu groß für das filigrane Wägelchen in leuchtendem Himbeerrot.
Am dünnen, auffallend flach geneigten Steuerrad des Mini sitzt Jarek Mirecki, ein Oldie-Spezialist von BMW - später werde ich noch in den Genuss des Fahrens kommen. Bis dahin heißt es Eindrücke sammeln, und die generelle Erkenntnis dabei lautet: Mit so wenig Auto geht es also auch (es gibt zum Beispiel nur für den Fahrer eine kleine Sonnenblende). Teilweise geht es sogar besser. Die durchgehende Ablage unter der Windschutzscheibe, unterbrochen nur vom zentral plazierten Tacho, fasst viel mehr Kleinkram als ein Handschuhfach. Gleiches gilt für die riesigen Ablagefächer an den Türen, wo locker zwei, drei Bände der "Encyclopedia Britannica" Platz fänden.
Im alten Mini gibt es kaum Schalter oder Knöpfe
Es gibt kaum Schalter oder Knöpfe, folglich ist die Bedienung des Mini ähnlich einfach wie die eines Lichtschalters - an/aus. Eine einzige Extravaganz erlaubt sich der betagte Brite: Am Blinkerhebel sitzt ein grünes Lämpchen, das im Takt des Relais-Knackens aufleuchtet. Cool!
Kühl wird es auch im Innenraum, weil wir die Schiebefenster an beiden Seiten öffnen. Das ist nötig, im Mini macht sich penetranter Benzindunst breit. "Der Vergaser sitzt auf der anderen Seite gleich hinter dem Tacho", erklärt Mirecki die Ursache des Tankstellenaromas, das für die frühen Mini-Modelle typisch ist. Jetzt nervt zwar die Zugluft und ein Gespräch wird fast unmöglich, doch wenigstens verfliegt der beißende Geruch.
Und leise war es im Mini vorher auch nicht. Bei Tempo 90 schon veranstaltet der kleine Vierzylindermotor ein Spektakel, als sei die Kavallerie hinter ihm her. So war das eben zu einer Zeit, als Dämmmaterial im Kleinwagenbau noch nicht vorgesehen war.
Wie sehr Autos heute eingehüllt und nach außen abgeschottet werden, fällt gleich nach dem ersten Wechsel in einen nagelneuen Mini Cooper D auf. Türen, Armaturentafel, Sitze, Dachhimmel, Konsolen - alles wirkt im Vergleich zum alten Mini wie aus Hefeteig gebacken. Dafür dringt dann bei 130 km/h nur ein fernes Brummeln des Dieselmotors, ein sanftes Zischeln des Fahrtwinds ans Ohr der Insassen - was den Einsatz eines Autoradios zum Beispiel erst sinnvoll und erstrebenswert macht.
Der zweite Eindruck, nachdem man kurz hintereinander mit beiden Autos ein paar Kilometer gefahren ist: An der Größe des Innenraums hat sich fast nichts geändert. Obwohl der alte Mini mit einer Länge von 3,05 Meter, einer Breite von 1,41 Meter und einer Höhe von 1,35 Meter deutlich kleinere Außenabmessungen aufweist als die aktuelle Version (Länge 3,70 m, Breite 1,68 m, Höhe 1,40 m), sind die gefühlten Platzverhältnisse im Auto dem neuen Modell überlegen. Die Kopffreiheit ist enorm, der Bewegungsspielraum für Beine, Schultern und Ellbogen überraschend großzügig.
Im neuen Mini fühlt man sich mehr eingebaut. So entsteht eine körperliche Nähe zum Auto, die unter anderem auch das Sicherheitsempfinden unterstützt. Das aktuelle Modell schmiegt sich regelrecht an die Insassen an, im 59er-Mini hocken sie schlicht und einfach auf niedrigen Sitzen. Ergonomie war damals kein Kriterium - es ging um ein möglichst kleines, billiges und zugleich möglichst vollwertiges Auto.
Praktisch war der Mini obendrein. Der Zugang in den Fond gelingt beim alten Modell, wo sich der komplette Sitz nach vorn klappen lässt, tatsächlich leichter und bequemer als beim heutigen. Und die Bequemlichkeit auf den Rücksitzen war damals mindestens ebenso groß wie heute. Allerdings ließen sich die hinteren Seitenscheiben anfangs nicht bewegen, was beim neuen Mini glücklicherweise der Vergangenheit angehört.
Irgendwann während der Vergleichsfahrt bleibt der alte Mini auf einmal stehen. Die Benzinzufuhr stockt. Also geht es dem Kleinen unter das Motorhäubchen - und nach ein paar gelösten Schrauben ist der Defekt entdeckt: Der Schwimmer im Vergaser hat ein Leck. Das wird - gelobt sei die schlichte Mechanik - vom Kfz-Experten Mirecki, der unter anderem für solche Fälle mit von der Partie ist, rasch behoben. Dann schnurrt der Oldie wieder, die Zeitreise kann fortgesetzt werden.
Fahrerisch liegen Welten zwischen beiden Autos. Das Vierganggetriebe des Klassikers wird über einen gut einen halben Meter langen Schaltstab bedient. Erst fuhrwerkt man einigermaßen hilflos herum, dann aber funktioniert es ebenso glatt wie mit dem kurzen Schaltknüppel, über den das Sechsgang-Schaltgetriebe des neuen Modells befehligt wird. Die Trommelbremsen des Oldies sind weniger akkurat als die Scheibenbremsen des Neuen, aber dafür lässt sich der Alte auch beim Beschleunigen mehr Zeit. Und schließlich liegen zwischen dem beinahe zerbrechlich wirkenden Lenkrad des Modells von 1959 und dem wulstig-dicken Volant des 2009er-Wagens ergonomische Welten.
Gleichermaßen erfahrbar ist das viel zitierte Kart-Gefühl, sobald man den Mini alt oder neu über kaum befahrene Nebenstraßen dirigiert, die sich elegant in die Landschaft schmiegen und mit überraschenden Kuppen, Wellen oder Kurven erfreuen. Auf solchen Routen fühlt sich der Oldie so frisch und flink an, als sei er erst gestern vom Band gerollt. Selbst wenn man das Auto so zurückhaltend und respektvoll bewegt, wie es sich bei einem 50-Jährigen gehört, kommt eine Ahnung davon auf, welchen Spaß man damals mit diesen Wägelchen auch auf Rennstrecken hatte.
Übrigens: Zum Flirten eignet sich der Klassiker noch immer besser als das neue Modell. Denn der Anlasserknopf sitzt links vor dem Beifahrersitz. Wer dort drückt, kommt seiner Begleitung sehr nahe. Und dann geht die Fahrt ja erst los.