Verkehrsgerichtstag Unfälle mit selbstfahrenden Autos - müssen Programmierer ins Gefängnis?

Für Unfälle mit selbstfahrenden Autos sollen nicht die Insassen verantwortlich gemacht werden - darauf pochen Experten auf dem Verkehrsgerichtstag. Große Probleme könnten dagegen die Programmierer bekommen.

Selbstfahrendes Auto (Symbolbild)
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Selbstfahrendes Auto (Symbolbild)


Fahrer dürfen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, wenn es beim autonomen Fahren kracht - darin sind sich die meisten Experten auf dem Deutschen Verkehrsgerichtstag einig. Strafrechtliche Verantwortung müssten sie nur tragen, wenn sie das Fahrsystem kontrollieren können, teilte der Deutsche Verkehrssicherheitsrat in Goslar mit.

Ähnlich sieht es der ADAC: Fahrzeugführer dürften nur belangt werden, wenn sie das Auto eigenhändig gelenkt oder das Steuer zu spät übernommen haben, sagte ein Sprecher.

Für Autohersteller, Konstrukteure und Softwareprogrammierer könnte es in Zukunft jedoch riskant werden. Möglicherweise werden sie strafrechtlich zur Verantwortung gezogen, wenn selbstfahrende Autos einen Unfall mit Verletzten verursachen.

Anwälte warnen vor Risiken für Programmierer

Neue Technologien verlagerten die Verantwortung zunehmend, meint der Rechtsexperte des Automobilclubs ACE, Hannes Krämer. Er forderte Klarheit für Nutzer automatisierter Fahrfunktionen: Ihm müsse "klar sein, welche rechtlichen Konsequenzen drohen." Ähnlich äußerte sich der Automobilclub AvD: Das Strafrecht sei überholt, da Autos immer selbstständiger fahren, sagte ein Sprecher.

Bedenken meldete der Deutsche Anwaltverein (DAV) an. Ein schärfere Haftung für die Hersteller könne bedeuten, "dass man mit der Berufswahl des Programmierers den ersten Fuß im Gefängnis hat", erläuterte Daniela Mielchen von der DAV-Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht.

ene/dpa



insgesamt 79 Beiträge
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ctreber 24.01.2019
1. Bei Deep Learning ist das nicht so einfach
Da wissen zum einen die Programmierer gar nicht mehr, wie Entscheidungen getroffen werden oder wurden (so viel zur Analyse von Unfällen), zum anderen hängt das Verhalten der Maschine vom Lernmaterial ab - und wer hat das ausgewählt und eingefüttert? Die Kette ist so lang: Sensoren, deren Art, Anzahl, Ausrichtung, Reichweite, Empfindlichkeit; Signalkomprimierung/ -aufbereitung/ -vorverdichtung, Algorithmen beim Lernen und beim Fahren etc etc. Außerdem gibt es bei solchen Maschinen nicht den einen Programmierer, sondern in Summe über alle Aspekte eher hunderte. Da werden Firmen (Hersteller der Autos) haften müssen, nicht Einzelpersonen. Weiter: Es wäre Unsinn, in jedem Unfall einen Fehler mit dem Auto zu sehen oder beim autonomen Fahren Unfallfreiheit zu erwarten. Das Kriterium müsste "weniger Unfälle" oder "weniger gravierende Folgen" pro km sein, und das scheint z.B. bei Fahrzeugen von Tesla heute schon so zu sein.
ramuz 24.01.2019
2. Ja - na und?
"Bedenken meldete der Deutsche Anwaltverein (DAV) an. Ein schärfere Haftung für die Hersteller könne bedeuten, "dass man mit der Berufswahl des Programmierers den ersten Fuß im Gefängnis hat", erläuterte Daniela Mielchen von der DAV-Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht." Wenn Sie sich entscheiden, Heroinverkäufer zu werden, wird es auch so sein, dass Sie bei dieser "Berufswahl [...] den ersten Fuß im Gefängnis" haben - bei beiden werden Sie sehr wahrscheinlich irgendwann mindestens einen Menschen getötet haben. Warum der DAV da aber Bedenken hat - Mensch, da ist doch mal wirklich Geld zu verdienen - so viele angeklagte Programmierer! Ich fahre selbst u.a. ein "teilautonomes" Auto, ich nutze - und kontrolliere ständig - die Systeme, und ich halte genau deswegen das Risiko für Programmierer "autonomer" Systeme, damit einen schweren Unfall zu verursachen oder auch Menschen zu töten, für hoch bis sehr hoch bis unbeherrschbar hoch.
cervo 24.01.2019
3. Wer wird im Fall eines Konflikts
geopfert? Die Oma, der Radfahrer oder das Kind? Ethisch fragwürdige Programmierungen werden uns beschäftigen.
at.engel 24.01.2019
4.
Als Käufer eines Wagens unterschreibe ich nur einen Vertrag, und zwar mit dem Hersteller, der auch für die Funktionsfähigkeit der Wagens zu haften hat. Mich interessiert weder, an welchem Zulieferer oder Programmierer die Ursache liegt, noch kann ich mir jahrelange Prozesse leisten, weil der Herteller die Schuld auf andere schiebt. Entweder der Hersteller übernimmt die Verantwortung, sobald der Wagen "autonom" fährt, oder die Sache ist gegessen - allerpätestens nach dem ersten Prozess. Ich kann ja als Laie z.B. beuteilen, wie abgefahren oder nicht das Profil eines Reifens ist, aber nicht, wie gut oder nicht ein Programm ist.
mpigerl 24.01.2019
5. seltsame Sichtweise
Bei einem Softwarefehler in der Software eines Flugzeuges trägt der Hersteller die Verantwortung (bzw dessen Qualitätssicherung), aber nicht der einzelne Programmierer und darüber hinaus ist es Aufgabe des Pilotes das System zu überwachen und ggf. einzugreifen. Bei einem Softwarefehler in der Software eines Navigationssystems in der Chirurgie trägt der Hersteller die Verantwortung (bzw dessen Qualitätssicherung), aber nicht der einzelne Programmierer und darüber hinaus ist es Aufgabe des Chirurgen das System zu überwachen. Nur beim Automobil will man den einzelnen Programmierer verantwortlich machen und darüberhinaus den Fahrer komplett entlasten! Warum?
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