Auf der A7 bei Göttingen ist der Frust gerade groß. Dort staute sich seit Montag wegen eines Erdrutsches der Verkehr, nichts ging mehr. Dies war für die beteiligten Autofahrer natürlich ärgerlich.
Manchmal ist es in solchen Situationen aber tröstlich zu wissen, dass es anderen noch viel schlechter geht.
Im Vergleich zu dem, was derzeit in der chinesischen Provinz Hebei passiert, ist der Göttinger Rückstau nicht einmal Killefitz.
Auf der Expressroute Peking-Tibet hat sich ein wirklich beeindruckender Stau gebildet. Mehr als hundert Kilometer misst er, vor allem Lkw stecken zwischen Jining (Innere Mongolei) und Huai'an (Provinz Hebei) fest - einige von ihnen seit nunmehr neun Tagen. Und täglich wird der Blechlindwurm ein bisschen länger.
Schuld an der Misere sind weder Erdrutsch noch Vulkanausbruch - sondern Bauarbeiten. Wegen zahlreicher Nadelöhre geht auf der vielbefahrenen Strecke deshalb überhaupt nichts mehr. Die Straßenreparaturen, sagt Zhang Minghai, Direktor der Verkehrsbehörde von Zhangjiakou, würden noch bis in den September andauern. Vermutlich. So ganz genau möchte er sich da nicht festlegen.
Abwarten und Jasmintee trinken
China hat ohnehin ein Verkehrsproblem, aber auf der Expressroute Peking-Tibet ist die Lage besonders prekär. Der Grund sind große Kohlevorkommen in der Inneren Mongolei, die seit einigen Jahren verstärkt ausgebeutet werden. Die Kohle wird größtenteils per Laster in Richtung Hauptstadt transportiert. Deswegen hat das Verkehrsaufkommen in der Region um jährlich rund 40 Prozent zugenommen.
Und während die Autofahrer vor Göttingen bereits nach lächerlichen fünf oder sechs Stunden Stop & Go ungeduldig werden, legen Chinas Trucker eine beeindruckende Langmut an den Tag: Die Gestrandeten vertreiben sich die Zeit mit Spaziergängen, spielen Mahjong, machen das eine oder andere Nickerchen. Darben müssen sie nicht: Geschäftstüchtige Anrainer verkaufen inzwischen Instantnudeln und Tee - zu deutschen Tankstellenpreisen, versteht sich.
Ein Kilometer - pro Tag
Wann genau sich der Stau auflöst, weiß derzeit niemand. Solange er fortbesteht, dauert die Fahrt von Jining nach Peking etwa drei Monate. 99 Tage für die ersten qualvollen hundert Kilometer, einen Tag für die restlichen 260.
Doch es besteht Hoffnung. David Fang von der China Coal Transport & Distribution Association sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg, wenn erst einmal die geplante innermongolische Bahntrasse fertig sei, komme die ganze Kohle auf die Schiene. "In drei oder vier Jahren", so stellt er in Aussicht, "könnte sich die Situation entspannen."
Bis dahin schaffen es die Chinesen möglicherweise noch ins Guinness-Buch der Rekorde. Den bisher dort verzeichneten Rekordstau von 176 Kilometern (auf der Strecke Paris-Lyon) sollten sie toppen können. 1000 Kilometer müssten locker drin sein. In diesem Fall empfehlen sich die Nebenstraßen über Kalkutta.
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Nichts geht mehr: Auf der Autobahn aus der Inneren Mongolei Richtung Peking hat sich ein hundert Kilometer langer Stau gebildet, der bereits seit neun Tagen besteht.
Truckerfete: Vor allem Kohletransporter stecken auf der Autobahn fest.
Nickerchen unterm Auto: Die meisten Lkw-Fahrer nehmen die Misere gelassen hin.
Zeitvertreib: Wegen etlicher Baustellen ist der Beijing-Tibet-Expressway verstopft. die Gestrandeten vertreiben sich mit Kartenspielen die Zeit.
Morgentoilette: Ein Trucker wäscht sich notdürftig. Wann sich der Megastau wieder auflöst, ist bisher unklar.
Rekordverdächtig: Der längste im Guinness-Buch der Rekorde verzeichnete Stau betrug 176 Kilometer (Paris-Lyon). Nahe Sao Paolo soll es laut Wikipedia 2009 allerdings einen mehr als 290 Kilometer langen Stau gegeben haben.
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