Verkehrslärm Beruhigt euch!

Brüssel will brüllenden Motoren einen Maulkorb verpassen. Per EU-Verordnung sollen Autos leiser werden. Aber nicht alle: Von einigen Fahrzeugen wird sogar mehr Krach erwünscht.

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Mit Lärm kennt sich Antonio Tajani aus: Mitte der neunziger Jahre war der Italiener Pressesprecher von Silvio Berlusconi - bekanntlich kein Leisetreter. Jetzt möchte Tajani aber mehr Ruhe schaffen, und zwar auf den Straßen Europas. Unter seiner Leitung setzt sich eine EU-Kommission dafür ein, die Geräuschemissionen von Fahrzeugen innerhalb der nächsten sieben Jahre zu verringern.

Bereits im vergangenen Dezember hat die Kommission einen Vorschlag ausgearbeitet. An diesem Donnerstag soll nun im EU-Parlament darüber diskutiert werden. Er sieht folgende drei Hauptpunkte vor:

  • Die Geräuschgrenzwerte von Fahrzeugen sollen gesenkt werden. Derzeit darf ein Auto höchstens 74 Dezibel, ein Lkw bis zu 80 Dezibel laut sein. Bis 2019 sollen Autos, Lieferwagen und Busse stufenweise um insgesamt sechs Dezibel leiser werden, Lkw um drei Dezibel.
  • Ein neues Prüfverfahren zur Messung der Dezibelwerte soll eingeführt werden, um die typische Lärmentwicklung von Fahrzeugen im Stadtverkehr realitätsnäher nachahmen zu können. Das bisherige Verfahren ist nach Ansicht der EU-Kommission nicht mehr praxistauglich.
  • Elektro- und Hybridautos sollen lauter werden und die nahezu geräuschlosen Fahrzeuge damit von Fußgängern, Radfahrern und besonders von Menschen mit Sehbehinderungen besser wahrgenommen werden können.

Ziel des Vorschlags, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, sei es, "ein hohes Maß an Gesundheits- und Umweltschutz zu gewährleisten und den Binnenmarkt für Kraftfahrzeuge in Bezug auf deren Geräuschpegel zu schützen". Von den Maßnahmen erhofft sich die EU-Kommission eine Lärmreduzierung um 25 Prozent. Als Faustregel gilt, dass zehn Dezibel Unterschied etwa als halbe Lautstärke wahrgenommen wird.

Laut Bundesumweltamt herrscht Handlungsbedarf: Der Straßenverkehr sei die dominierende Geräuschquelle für den überwiegenden Teil der Bevölkerung, heißt es dort. Für knapp die Hälfte aller Bundesbürger sei der Verkehrslärm in ihrer Umgebung sogar so laut, dass sie an Körper und Geist darunter litten.

Technisch sei eine Lärmreduzierung bei Autos kein Problem, sagt Frank Volk vom TÜV Süd. Vor allem durch bessere Reifen ließen sich die Werte senken: "Eine der größten Lärmquellen am Auto sind die Abrollgeräusche." Aber auch eine dichtere Kapselung der Motorinnenräume reduziere die Lautstärke.

Die Bremser sitzen mal wieder beim VDA

Dem Verband der Automobilindustrie (VDA) geht das alles dagegen viel zu schnell. "Die scharfe Grenzwertsenkung innerhalb eines so kurzen Zeitraumes ignoriert die notwendigen Entwicklungs- und Produktionszyklen", teilt der Verband in einer Stellungnahme zum EU-Vorschlag mit. Eine Umstellung des Lautstärkemessverfahrens werde dagegen begrüßt.

Die Bundesregierung hatte sich im vergangenen Jahr ebenfalls ihre Gedanken zum Verkehrslärm gemacht und ein eigenes Positionspapier verfasst. Einig ist sich Berlin mit Brüssel, dass der Grenzwert für Autos auf 68 Dezibel sinken soll. Mit Kraftprotzen will man aber großzügiger umgehen: Je höher das Leistungsgewicht eines Autos, desto geringer sollen die Geräuschgrenzwerte gesenkt werden. Profitieren würden vor allem Modelle mit starken Motoren, von denen die deutschen Hersteller bekanntlich ein sattes Sortiment haben. Der VDA hat sich jedenfalls bereits lobend über den Vorschlag der Bundesregierung geäußert.

Mitarbeit: Christian Frahm

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insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
superpuper 24.01.2012
1. Endlich!
Zitat von sysopBrüssel will brüllenden Motoren einen Maulkorb verpassen. Per EU-Verordnung sollen Autos leiser werden. Aber nicht alle: Von einigen Fahrzeugen wird sogar mehr Krach erwünscht. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,811019,00.html
Ich hatte schon immer das Gefühl, wenn ich mit meinem Fiat 600 mit 80 im fünften Gang flüsterleise durch die Gegend rolle, dass ich die Umwelt mehr belästige als die mich mit brüllenden Motoren überholenden "starkmotorisierten" Aggressivonauten. Zusammenfassend: Die Schwachen haben noch stiller zu sein, die Starken dürfen weiter brüllen.
uli_g. 24.01.2012
2. Autos sind doch kaum ein Problem...
Wenn ich nachts vom Verkehrslärm wach werde, dann ist es fast immer ein Motorrad gewesen. Ich finde, da sollte man erst mal ansetzen. Ich sehe meinen gesunden Schlaf jedenfalls im Vergleich zum Spaß an einem fetten Motorensound als höheres Rechtsgut an.
flujo 24.01.2012
3. Verkehrslärm
Motorräder und LKW sind doch das eigentliche (Lärm) Problem. AN dieser Stelle muss entsprechend angesetzt werden.
FoxhoundBM 24.01.2012
4. ...
Was für ein Schwachsinn ... Von modernen Autos hört man garnichts vom Motor, wenn Sie vorbei fahren. Was man hört sind Abroll- und Windgeräusche. Sicher gibt es immer noch Leute, die im 3. Gang durch die Stadt orgeln und Billig-Soundtuning. Das sind aber Ausnahmen. Und wer mal die richtigen Krachmacher hören will, sollte vielleicht mal genau hinhören, wenn mal wieder die Straßenbahn über schlecht gewartete Schienen vorbeirumpelt.
Tjoffke 24.01.2012
5.
Zitat von superpuperIch hatte schon immer das Gefühl, wenn ich mit meinem Fiat 600 mit 80 im fünften Gang flüsterleise durch die Gegend rolle, dass ich die Umwelt mehr belästige als die mich mit brüllenden Motoren überholenden "starkmotorisierten" Aggressivonauten. Zusammenfassend: Die Schwachen haben noch stiller zu sein, die Starken dürfen weiter brüllen.
Auch wenn Sie mit Ihrer Schlussbemerkung vielleicht nicht unrecht haben: Mit 80 fahren Sie - leider - alles andere als flüsterleise, jedenfalls nicht für Leute, die sich außerhalb Ihres gut schallgedämmten Fahrzeugs befinden. Das ist unabhängig von Fahrzeugmodell, Motorisierung, Gang und Drehzahl und selbst dann der Fall, wenn Sie während der Fahrt den Motor ausschalten. Ab ca. 40 km/h sind bei modernen Personenwagen Abroll- und Windgeräusche nämlich lauter als das Motorengeräusch.
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