Verkehrsübungsplatz Aller Anfang ist Schweiß

Wenn der Nachwuchs zum Steuer greift, kommen nicht nur Eltern ins Schwitzen. Das Spiel mit Kupplung und Gas ist für Einsteiger ein zähes Ringen mit der Technik. SPIEGEL ONLINE beobachtete das Treiben auf einem Verkehrsübungsplatz.


Anna, 16, guckt genervt. Schon seit einer Viertelstunde steht sie auf dem Parkplatz und bekommt das Auto nicht in Fahrt. Die Hände werden feucht, der Blick wird hektisch, das Stimmungsbarometer rutscht in Richtung Sturmtief. Immer und immer und immer wieder hat sie versucht anzufahren. Doch für mehr als ein paar kurze Hüpfer hat es nie gereicht.

Im Cockpit flackern die Kontrollleuchten wie das Game Over bei einem Computerspiel. Anna greift erneut zum Zündschlüssel. "Dabei sieht das vom Rücksitz alles so einfach aus", schimpft die sie. Heute sitzt sie zum ersten Mal selbst hinter dem Steuer und muss erkennen, dass das Wechselspiel mit Kupplung, Gas und Bremse so seine Tücken hat - von Schalten und Lenken und Verkehrsregeln-Behalten ganz zu schweigen.

Nur gut, dass sie bei ihrer Jungfernfahrt niemand hetzt - außer vielleicht ihre Schwester Eva, die selbst ihrer Feuertaufe entgegenfiebert. Beide sind weder in der Fahrschule, noch mogeln sie sich irgendwo jenseits der Legalität über einen Feldweg.

Sie versuchen ihr Glück auf einem von 17 Verkehrsübungsplätzen in Deutschland, die der ADAC eigens für Automobil-Novizen eingerichtet hat. Ab dem 16. Geburtstag kann der Nachwuchs für jeweils 75 Minuten Autofahren üben und sich in die Volljährigkeit träumen.

"Sich mit dem Fahrzeug vertraut machen, ein Gefühl für Gaspedal, Bremse oder Lenkung entwickeln - all das lässt sich hier gefahrlos und völlig legal ausprobieren", sagt ADAC-Mann Franz Schibalski. Dennoch mahnt er zur Vorsicht: Nicht selten lerne man an der Seite von Vater, Onkel oder Freund auch falsches Verhalten oder falsche Techniken, die der Fahrlehrer dem Schüler dann mühsam wieder abgewöhnen muss.

Fahrlehrer sehen Verkehrsübungsplätze kritisch

Entsprechend kritisch sieht die Zunft der professionellen Ausbilder und Anleiter die 17 Plätze, die laut ADAC-Sprecher Andreas Hölzel zum Teil mehr als 5000 Besucher im Jahr zählen und seit mehr als 40 Jahren mit freien Straßen ohne Führerschein locken. "Eltern sollen Ausbilder spielen?", zweifelt Karl Lieb aus dem Vorstand des Landesverbandes hessischer Fahrlehrer in Frankfurt.

Er bleibe da skeptisch, fürchte um Fehler, die von Generation zu Generation vererbt werden. "Das fängt bei der Einstellung von Sitz und Lenkrad an und hört beim vergessenen Schulterblick noch nicht auf", sagt er. "Nicht umsonst werden Fahrlehrer ein Jahr lang ausgebildet." Er frage sich manchmal, ob der Besuch eines Übungsplatzes überhaupt etwas bringt.

Doch für Mädchen wie Anna und Eva ist das alles eine Frage des Geldes: Auf dem Rebstockgelände in Frankfurt zahlen sie für 75 Minuten 15 Euro. Eine offizielle Fahrstunde von 45 Minuten kostet laut Lieb derzeit zwischen 32 und 34 Euro.

Die vorgeschriebenen Sonderfahrten - fünf Stunden über Land, vier Stunden auf der Autobahn und drei Stunden bei Nacht - müssen sie später zwar auf jeden Fall in der Fahrschule absolvieren. Doch zumindest von den normalen Fahrstunden wollen Anna und Eva einige einsparen - durch fleißiges Training auf dem Übungsplatz.

Ein Führerschein kostet locker 2200 Euro

Laut Lieb benötigen Fahrschüler heute im Durchschnitt 25 bis 35 Fahrstunden, bevor sie zum ersten Mal die praktische Prüfung absolvieren. Schon ohne Gebühren zahle man zwischen 1700 und 1800 Euro - und das decke nur die Rechnung der Fahrschulen. Addiere man den Preis für Prüfung und Papierkram, summiert sich der Betrag auf 2200 bis 2500 Euro - ein eventueller zweiter Anlauf nicht einkalkuliert.

Für Anna sind Fahrschule und Prüfungsstress indes noch weit entfernt. Sie kämpft weiter mit dem Anfahren, kann kaum glauben, dass es ihr plötzlich doch gelingt. Als der Peugeot nach der Ewigkeit von einer halben Stunde mit müffelnder Kupplung und gequält röchelndem Motor tatsächlich losruckelt und Anna vorsichtig ihre erste Runde dreht, steht nicht nur ihr der Schweiß auf der Stirn. Auch für ihre Begleitung, die der ADAC bei den Touren auf dem Übungsplatz vorschreibt, ist die Jungfernfahrt eine nervenzehrende Geduldsprobe.

Doch während sich Annas Stimmung mit jeder Runde aufhellt, das Tempo langsam steigt und später sogar das Anfahren am Trainingshügel auf Anhieb klappt, wird die Anspannung auf dem Beifahrersitz immer größer. Langsam schleicht sich die Erkenntnis ins Bewusstsein: Lange wird es nicht mehr dauern, bis Anna und Eva auf der Straße unterwegs sind. Mit Kupplung, Gas und Bremse werden sie dann besser zurechtkommen, doch das Risiko, das ihnen etwas zustößt, wird bestimmt nicht kleiner.

Jetzt allerdings sind die paar Leitplanken die einzige Gefahr für Mensch und Maschine. Viel Verkehr herrscht heute nicht auf dem Trainingsgelände, und die, die unterwegs sind, fahren, als hätten sie rohe Eier geladen. Unzählige Lackspuren an den wenigen Hindernissen zeugen von verpassten Kurven, manches Verkehrsschild hängt an einem merkwürdig verbogenen Pfosten, die Einparkübungen macht man zwischen Stapeln alter Reifen.

Hin und wieder stockt den Passagieren der Atem, weil Anna oder Eva jemandem die Vorfahrt genommen hat. Doch zu einer kritischen Situation kommt es für die beiden Mädels bei ihrer PS-Premiere nicht. Sie sehen gelassen aus, als die Zeit um ist und der Wagen zum Fahrerwechsel ans Tor des Trainingsgeländes rollt. Das Spiel gegen die Kupplung haben sie gewonnen, und bis zum Führerschein mit 17 hat der Platz im Fond plötzlich einen ganz neuen Reiz. Eva: "Ein Jahr lang lassen wir uns jetzt noch schön chauffieren."



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