Vespa wird 60 Insekt auf Rädern

Stattlicher Vorbau, dickes Hinterteil und schlanke Taille: Bei dieser Figur muss man doch zwangsläufig an eine Wespe denken. Zumindest ging es Enrico Piaggio so, als er vor 60 Jahren einen Motorroller entwickeln ließ. Dabei wollte sein Konstrukteur eigentlich Hubschrauber bauen.


Pontedera - Es ist wohl ein gutes Zeichen, wenn ein Fahrzeug mit einem Kosenamen aus der Tierwelt versehen wird. Ein rundliches Auto aus Wolfsburg wurde Käfer genannt - und schaffte es, das meistgebaute Auto überhaupt zu werden. Ein kleiner Wagen aus Frankreich bekam den liebevollen Namen Ente und gilt heute als automobile Legende. Doch die Sache funktioniert offenbar nicht nur dann, wenn vier Räder Bodenkontakt halten. In Italien wurde vor 60 Jahren ein Zweirad geschaffen, das schon vom Hersteller den Namen Vespa, also Wespe, mit auf den Weg bekam - und eine neuartige Fahrzeugkategorie zum Erfolg brachte: den Motorroller.

Man nehme einen Konstrukteur, der eigentlich Hubschrauber entwickeln will, eine vom Krieg ziemlich mitgenommene Fabrik und einen Fabrikbesitzer, der den Laden wieder in Schwung bringen möchte. Das ist das Rezept, aus dem im Endeffekt die Vespa entstand. Im Werk des Enrico Piaggio waren während des Zweiten Weltkriegs noch Flugzeuge gebaut worden, doch nach dem Ende der Kämpfe musste etwas anderes her, um wieder Geld in die Kassen zu bringen. Weil Geld aber nicht im Überfluss vorhanden war, sollte es etwas sein, das man ohne riesige Investitionen für neue Maschinen im Werk in Pontedera bei Pisa bauen konnte: ein einfaches und problemlos zu fahrendes Zweirad.

Den Auftrag zur Entwicklung eines solchen Gefährts gab Piaggio an Corradino D'Ascanio. Der Luftfahrtkonstrukteur hatte für Motorräder allerdings nicht viel übrig. Es heißt, er habe die damals bekannten Motor-Zweiräder für schmutzig, unhandlich und gefährlich gehalten.

Boomjahre vor allem am Anfang: In den ersten Produktionsjahren war die Nachfrage nach Vespas besonders groß
GMS

Boomjahre vor allem am Anfang: In den ersten Produktionsjahren war die Nachfrage nach Vespas besonders groß

Trotzdem machte er sich an die Arbeit. Im Grunde war von Anfang an klar, dass dabei nichts herauskommen konnte, das an gewöhnliche Motorräder erinnerte. Zudem war es in der Nachkriegszeit ohnehin notwendig, ausgetretene Pfade zu verlassen. So übernimmt etwa bei durchschnittlichen Motorrädern bis heute die Kette die Aufgabe, Kraft vom Motor auf das Hinterrad zu übertragen. So eine Kette ist aber aus Metall - und das war in der Nachkriegszeit teuer und schwer zu bekommen.

"Sieht aus wie eine Wespe"

D'Ascaniao löste das Problem auf ebenso simple wie geniale Weise: Warum den Motor nicht einfach direkt am Hinterrad platzieren? Das hatte zusätzlich den Vorteil, dass niemand mit einer glitschigen Antriebskette in Kontakt kommen konnte und weder Zahnräder noch andere bewegliche Teile für zusätzliche Gefahren sorgten. Dass der Motor versteckt unter dem Blech der Karosserie arbeitete, brachte zusätzlichen Schutz.

Auch an anderer Stelle ging der Konstrukteur eigene Wege, etwa bei der Befestigung des Vorderrades. Dieses sollte bei einem Wechsel nicht so viel Mühe machen, wie man es von Motorrädern gewohnt war. Also steckte das Vespa-Rad nicht in einer Gabel, sondern hatte eine einseitige Aufhängung, was Montage und Demontage erleichterte. Quasi als Dreingabe gab es eine ungewohnte Rahmenkonstruktion aus Blech. Diese Karosserie war außerdem so ausgeformt, dass sie den Fahrer vor aufgewirbeltem Straßenschmutz, Wind und Wetter schützte - jedenfalls im unteren Köperbereich.

Einen Namen erhielt das Gefährt während der Entwicklungszeit noch nicht - was sich änderte, als Enrico Piaggio die Neuschöpfung erstmals zu Gesicht bekam. Mag sein, dass er zunächst auf die massige hintere Hälfte des Zweirads schaute, dann die Schmutz abweisende Blechwand an der Front betrachtete und schließlich den schmalen mittleren Bereich in Augenschein nahm. Am Ende jedenfalls soll er den Satz gesagt haben: "Sembra una Vespa" - sieht aus wie eine Wespe.

Hollywood mehrte den Ruf

Dabei blieb es dann, und im Jahr 1946 wurden die ersten Exemplare des ungewohnten Zweirads fertig. Für Leistungshungrige war diese Ur-Vespa sicher nicht die richtige Wahl - immerhin hatte man aber aus den 98 Kubikzentimetern eine Leistung von 3,2 PS geholt, was für eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h reichte.

So ungewöhnlich die Vespa auch war - bei der Kundschaft kam sie gut an. Noch im ersten Jahr wurden rund 2500 Exemplare verkauft, danach produzierte man jährlich fünfstellige Zahlen. Die Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. 1948 erschien bereits die zweite, stärkere Vespa-Variante, die mit 4,5 PS aus 125 Kubikzentimetern auf nunmehr 70 km/h beschleunigte. Und bald schon interessierte man sich auch im Ausland für das günstige Zweirad. Um 1950 wurde die Vespa in Deutschland angeboten, in den Jahren danach auch hierzulande gefertigt. Zu zusätzlichem Ruhm verhalf der Vespa Hollywood: Gregory Peck, Audrey Hepburn und eine Vespa in "Ein Herz und eine Krone" - diese Kombination schrieb ein Stück Filmgeschichte. Bis heute wurden mehr als 17 Millionen Exemplare des Motorrollers gebaut.

Heiko Haupt, gms



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