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10. Februar 2011, 12:16 Uhr

Vision Connected Drive

BMW spielt Zukunftsmusik

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Cloud-Computing, Car-to-Car-Kommunikation und immer online - die Vernetzung des Autos ist ein großes Zukunftsthema. Um der Vision ein Gesicht zu geben, bündelt BMW den aktuellen Forschungsstand auf dem Autosalon Genf in einer Studie. Die Serienchance? Gleich null.

Freitag Mittag in einer fremden Großstadt: Der Verkehr fließt zäh, die Situation ist unübersichtlich, und dann fallen auch noch die Ampeln aus. Was noch heute noch im Chaos enden würde, lässt vielleicht schon übermorgen Autofahrer kalt. Denn im Head-Up-Display mit 3-D-Darstellung wird er nicht nur auf die Ampelstörung hingewiesen, sondern die Elektronik seines Autos hat auch längst alles anderen Autos in der Nähe erfasst. Sobald sie im Sichtfeld des Fahrers auftauchen, werden sie im Head-Up-Display markiert und der Wagen bremst automatisch ab. Selbst einen in der zweiten Reihe parkenden Kurierlaster hat das Auto automatisch registriert, blitzschnell die Straßensituation ringsum ermittelt und dann die Aufforderung in die Scheibe gespiegelt, man könne gefahrlos um das Hindernis herum fahren.

So ungefähr stellen sich die Forscher von BMW das Autofahren der Zukunft vor. Und das bedeute vor allem: den Informationsfluss im Fahrzeug. Mit dem oben beschriebenen Szenario wird - in Form der messerscharfen Studie "Vision Connected Drive" - auf dem Autosalon in Genf (3. bis 13. März) der aktuelle Forschungsstand bei der Vernetzung des Autos mit seiner Umwelt demonstriert. Gleichzeitig werden neue Anzeige- und Bedienkonzept vorgestellt.

Die BMW-Designer kreierten als Technologieträger einen futuristischen Roadster, der die neuen Möglichkeiten rasant illustriert und illuminiert. Denn das Auto verfügt nicht nur über ein frei programmierbares Kombiinstrument, ein Head-Up-Display der übernächsten Generation und einen zweiten Bildschirm für den Beifahrer. Installiert ist darüber hinaus ein "Cone of Vision", eine transparente, sich kegelförmig zum Fahrer hin öffnenden Fläche in der Motorhaube. Dazu flimmern in manchen Blechfugen und rund um die beiden Passagiere verschiedenfarbige Lichtleiter, die je nach Farbe und Form die jeweilige Informationsebene verdeutlichen.

Die strahlend orangefarbenen Leuchten umschließen den Fahrer, verbinden ihn visuell mit den Sensoren in den Frontscheinwerfern und am Heck, die BMW als "Augen des Autos" bezeichnet und stehen für alle sicherheits- und fahrrelevanten Informationen. Die blaue Lichtinszenierung bedeutet Infotainment, geht von der unter Plexiglas montierten Antenne aus und umschließt beide Passagiere. Und die grünen Lichtleiter wiederum symbolisierten das Gesamtfahrzeug, das sich als Ganzes in die Datenkommunikation einbringt.

Sollte man beim Autofahren wirklich so viele Nebensächlichkeiten erfahren?

Neben dem Eingansszenario hat BMW in der Studie noch zwei weitere Visionen umgesetzt: Die Vernetzung von Fahrer und Fahrzeug illustrieren die Bayern mit einer Fahrt, bei der das Auto alle Navigationsinformationen automatisch aus dem Mobiltelefon des Fahrers zieht. Während die Elektronik Kurznachrichten vorliest und sich Emails diktieren lässt, ruft sie zugleich Ort und Termin des Geschäftsessens als Zieleingabe ab und führt den Fahrer pünktlich dorthin.

Teil zwei der Szene spielt nach der Zielankunft: Weil das Restaurant überfüllt ist, sucht die Bordelektronik auf Knopfdruck eine Alternative, dirigiert den Fahrer um, informiert auch alle Geschäftspartner und übernimmt die Routenführung bis zum nächstgelegenen freien Stellplatz in der Nähe des neuen Restaurants. Weil das Auto kurz vor dem Ausschalten noch alle wichtigen Informationen ans Handy schickt, funktioniert die Navigation bis zum Ziel auch für Fußgänger.

Das dritte Szenario soll die Informations- und Unterhaltungsmöglichkeiten vor allem für den Beifahrer illustrieren: Bei der Fahrt durch eine fremde Stadt startet der Mensch auf dem Beifahrersitz über einen Touchscreen den "Emotional Browser", und schon erscheint, nach eigenem Gusto sortiert, ein elektronisches Reisemagazin der Umgebung über den Extra-Bildschirm. Eine Geste genügt, dann spielt im Auto dieselbe Musik wie im Straßencafé nebenan, das Museum jenseits des Flusses wird automatisch als Zwischenziel in die Routenführung übernommen oder die Tickets für das zwischenzeitlich ausgewählte Theaterstück werden online gebucht.

Ein Auto, das es in dieser Form nur einmal geben wird

Für derartige Hightech-Verbindungen nutzen die BMW-Forscher das so genannte Cloud-Computing - die benötigte Rechenleistung wird nach außen verlagert, die Informationen anschließend an das Fahrzeug geschickt. Hinzu kommen Navigationssysteme mit vernetzten, ständig aktualisierten Informationsquellen und so genannte Location Based Services. Das sind sehr detaillierte und aktuelle Dienste wie etwa eine lokale Parkplatzabfrage oder die online abrufbare Playlist eines in der Nähe liegenden Cafés.

Vieles klingt noch nach Ingenieurs-Phantasie. Doch BMW meint es ernst: Die völlige Vernetzung des Fahrzeugs sei ein Trend, der die Zukunft des Autos ähnlich stark bestimmen werde wie die Effizienzsteigerung der Antriebe, sagt BMW-Sprecherin Katharina Singer. "Diesem Thema wollen wir mit dem neuen Showcar ein Gesicht geben." Das Genfer Schaustück werde jedoch definitiv ein Einzelstück bleiben, sagt Singer. "Die Karosserie ist leider nicht mehr als eine schöne Verpackung, die keine Serienperspektiven hat."

Die Formgebung könnte allerdings Hinweise dafür liefern, in welche Richtung die BMW-Designer bei der Gestaltung künftiger BMW-Sportwagen denken. Einzelne Elemente könnten also eines Tages in der einen oder anderen Form durchaus Eingang in die Serie finden - zumindest, so heißt es bei BMW, wenn die Resonanz auf der Messe entsprechend ausfällt.

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