Voiture Minimum Le Corbusiers Auto-Idee

Den Namen Le Corbusier verbindet man mit Architektur, Stadtplanung oder Möbeldesign - nicht aber mit dem Automobil. Dabei entwarf der gebürtige Schweizer Mitte der dreißiger Jahre ein außergewöhnliches Fahrzeug - wie der dickleibige Band "Voiture Mininum" dokumentiert.

courtesy of The MIT Press

Er steht wie kaum ein Zweiter für die neue Sachlichkeit in der Architektur, entwickelte revolutionäre Ideen, wie eine moderne Stadt aussehen könnte - und schuf ganz nebenbei Möbel, die inzwischen Klassiker-Status genießen: Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als Le Corbusier.

Doch der berühmte Designer hatte noch ein ganz anderes Steckenpferd: Le Corbusier galt als regelrechter Auto-Enthusiast und darüber hinaus als draufgängerischer Fahrer, der für die Modelle des französischen Herstellers Voisin schwärmte. Immer wieder tauchen auch Auto-Analogien in Le Corbusiers theoretischen Überlegungen auf. "Wenn Häuser industriell gebaut werden, in einer Massenproduktion wie Karosserien, wäre das die Schaffung einer Ästhetik mit überraschender Präzision", schrieb er zum Beispiel. Oder: "Eine Stadt, die für die Geschwindigkeit erbaut wird, wird für den Erfolg erbaut."

Umso erstaunlicher ist es, dass das Universaltalent eher zögerlich war, wenn es darum ging, seine Vorstellungen in konkretes Automobildesign umzusetzen. Sein einziger Ausflug in diese Gefilde war ein Wettbewerb, an dem er sich 1936 gemeinsam mit seinem Cousin Pierre Jeanneret beteiligte. Es ging um einen Kleinwagen, genauer: ein "minimalistisches Fahrzeug mit maximaler Funktionalität".

Der spanische Architekturprofessor Antonio Amado hat die Geschichte dieses Kleinwagen-Entwurfs jetzt im 350 Seiten starken, reich bebilderten Band "Voiture Minimum. Le Corbusier and the Automobile" beschrieben und dokumentiert. Normalerweise kommt dieses Projekt, wenn überhaupt, dann nur als Fußnote in den Texten über Le Corbusier vor. Die breite Darstellung Amados aber zeigt, wie das Voiture Minimum zumindest für einige Zeit das Wirken des zu dieser Zeit in Paris lebenden Architekten beeinflusste.

Mit dem Autoentwurf reihten sich Le Corbusier und sein Cousin zunächst in die lange Reihe jener Architekten ein, die sich als Fahrzeugdesigner ausprobierten. Walter Gropius etwa entwarf die Limousine Adler Standard 6, Adolf Loos zeichnete einen Prototypen für Lancia, der nie verwirklicht wurde, und auch Jean Prouvé, Buckminster Fuller und Frank Lloyd Wright versuchten sich an Autodesigns, wie Autor Amado in einem Kapitel zeigt.

Der Wettbewerb um den französischen Volkswagen

Im Mittelpunkt des Buches jedoch steht das Voiture Minimum von Le Corbusier. Den Anstoß hatte der Designwettbewerb der französischen Société des Ingénieurs de l'Automobile (SIA) im März 1935 gegeben. Insgesamt hatten 78 Designer Vorschläge für eine Art Jedermannauto - ähnlich dem späteren Volkswagen in Deutschland - eingereicht. Unter anderem sollte das Auto höchstens 8000 Francs kosten; das billigste französische Auto zu dieser Zeit kostete 15.000 Francs. Außerdem sollte der Wagen zwei Sitzplätze bieten, 75 km/h schnell sein und maximal fünf Liter Benzin je 100 Kilometer konsumieren.

Die Vorgaben kümmerten Le Corbusier und seinen Cousin Pierre Jeanneret allerdings wenig. Nicht nur, dass sie ihren Entwurf zu spät einreichten. Das Voiture Minimum entsprach auch nicht ganz den Vorgaben. Es bot beispielsweise vier Sitzplätze: drei jeweils 45 Zentimeter breite Sitze vorn in einer Reihe, und dahinter ein quer zur Fahrtrichtung platzierter weiterer Sitz. Die vorgegebenen Außenabmessungen jedoch hielten die Cousins ein. Weitere wesentliche Kennzeichen des Voiture Minimum waren die tropfenförmige Silhouette der Karosserie, der Heckmotor und die streng geometrische Aufteilung, die Le Corbusiers technisch-mathematisch orientierten Grundsätzen für Architektur entsprach. Sogar der Fahrer ist in die Gestaltung mit einbezogen.

Obwohl Le Corbusier emsig für sein Auto warb und auch mit einigen Pkw-Fabrikanten jener Zeit Kontakt aufnahm, kam das Voiture Minimum nie über das Planungsstadium heraus. Ein Modell in Originalgröße entstand sogar erst 1987. Anlass war die Ausstellung "L'Aventure Le Corbusier: 1887-1965" im Centre Pompidou in Paris zum hundertsten Geburtstag des Architektur-Allrounders. Den Auftrag zur Fertigung des ersten Voiture Minimum erhielt die italienische Karosseriefirma Italdesign von Giorgio Giugiaro. Ein zweiter Prototyp wurde zwei Jahre darauf für die Eröffnung des Design Museum in London hergestellt.

Radikale Funktionalität statt ausschweifender Statussymbolik

Die geringe Resonanz auf den Entwurf ist nach Auffassung von Giugiaro kein Wunder: "Die Idee, ein Auto zu entwerfen, dessen Form sich vor allem an der Funktionalität orientiert, war geradezu eine Häresie in einer Ära, die das Automobil als Statussymbol verehrte", schrieb der Designer 1999 in einem Aufsatz. Grundsätzlich mag das richtig sein, doch stand Le Corbusier mit seiner Idee für ein Massenautomobil oder eben einen Volkswagen nicht allein. Beispiele dafür sind der Fiat Topolino, der Mini und der Citroen 2 CV. Im Prinzip war bereits das Ford Model T ein solches Gefährt, das zwischen 1908 und 1927 mehr als 15 Millionen Mal gebaut wurde. Später überflügelte der VW Käfer den Ford als meistgebautes Automobil der Welt.

Le-Corbusier-Kenner Amado ist denn auch überzeugt, dass das Voiture Minimum eine ähnliche Durchschlagskraft hätte entfalten können: "Wenn das Konzept von einem der großen Hersteller übernommen worden wäre, hätte dieses Design zu einem der meistgebauten Automobile der Welt führen können", schreibt der Wissenschaftler. Dazu kam es nicht - immerhin aber zu einem ebenso originellen wie umfassenden Buch über dieses einzigartige Autoprojekt.

Antonio Amado: "Voiture Minimum. Le Corbusier and the Automobile", The MIT Press, 350 Seiten, 36,95 £.



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Jonny_C 09.06.2011
1. Wie man...
....aber heute weiss, waren die Modelle und Entwürfe zwar besonders aerodynamisch, aber nicht wirklich genial. Es fehlte der Abtrieb, oder der Anpressdruck um die Leistung des Motors auf die Strasse zu bringen. Bei geringer PS Leistung zählt eher das Praktische, und nicht die Aerodynamik. Deswegen war der Renault R4 mit seinen 5 Türen dem VW-Käfer IMMER überlegen. (Bin beide Fahrzeuge jahrelang gefahren.) Der Käfer hat IMMER mehr Sprit als der R4 verbraucht. ;-) Allerdings konnte man dafür den Käfer auf 300 PS aufblasen und er war damit immer noch "einigermaßen" fahrbar....für die 1/4 Meile. ;-)
muhammaned 09.06.2011
2. durchaus genial
Zitat von Jonny_C....aber heute weiss, waren die Modelle und Entwürfe zwar besonders aerodynamisch, aber nicht wirklich genial. Es fehlte der Abtrieb, oder der Anpressdruck um die Leistung des Motors auf die Strasse zu bringen. Bei geringer PS Leistung zählt eher das Praktische, und nicht die Aerodynamik. Deswegen war der Renault R4 mit seinen 5 Türen dem VW-Käfer IMMER überlegen. (Bin beide Fahrzeuge jahrelang gefahren.) Der Käfer hat IMMER mehr Sprit als der R4 verbraucht. ;-) Allerdings konnte man dafür den Käfer auf 300 PS aufblasen und er war damit immer noch "einigermaßen" fahrbar....für die 1/4 Meile. ;-)
ein Crossover, das Käfer, Ente und selbst aktuellere Entwürfe vorausahnte - Sinn vieler heutiger Studien als Testlauf für wirkliche Entwicklungen, im Gegensatz zu den Massen an Bullshit, für den u.a. im vorherigen Artikel das New-Mini-Coupé steht ..
jäätelötötterö 09.06.2011
3. Humbug
Völliger Humbug, diese Konstruktion. Von wegen "funktional" -- das wird nur vorgegaukelt. Statt dessen sind, wie in der Bildstrecke gezeigt, die Funktionen einem ästhetischen Konzept untergeordnet, genau wie Le Corbusier es bei seinen "Wohnmaschinen" getan hat (da hat er z.B. "Module" für 1,75 m große Menschen entworfen, wer 1,90 war, hatte eben Pech, dem fiel dann die Decke auf den Kopf).
herrwestphal 09.06.2011
4. naja....
in anderen Bereichen war Le Corbusier sicherlich ein großartiger Designer. Der gestalterische Ansatz ist sicherlich sehr minimalistisch aber eben nicht wirklich zukunftsweisend und bezogen auf heutiges Automobildesign kann ich wirklich keine Parallelen finden. Mir ist auch nicht klar wie dieses Fahrzeug Kurven hätte fahren sollen. Auch der mögliche Radeinschlag scheint sehr minimalistisch bemessen gewesen zu sein. Ein Buch für 37€ mit diesem eher überschaubaren Inhalt zu füllen wirkt auf mich lächerlich. Was mich immer wieder wundert ist das SPON nicht weiß was ein 3D Rendering ist und aus diesem Grunde gezeigte Images von dem Fahrzeug mit Tonmodell untertitelt. Viel schlimmer wäre es aber wenn SPON davon ausgeht, dass die Mehrheit der interessierten Besucher des Artikels, nicht wüssten WAS eine 3D Darstellung ist.
Peter Ellerich, 10.06.2011
5. Alles schon mal da gewesen.....
Jetzt weiß man auch wo der Smart abgekupfert wurde. Bedenkt man den Fortschritt in der Materialtechnologie, z.B. waren in dieser Zeit gewölbte Scheiben nicht herstellbar, reimt sich das ganz gut. Schaut man heute auf die Designekzesse für die Elektro- und Hybridautos ist das sicher auch nicht viel ästhetischer. Mir fehlt eigentlich der Hinweis, dass der unübertroffene Citroén ID 19 (La Déesse) auch von Le Corbbusier entworfen wurde.
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