Volkswagen-Abgasskandal Führungskräfte sollen an Manipulationen beteiligt gewesen sein

Bislang hieß es stets, im VW-Abgasskandal sei nur eine kleine Gruppe für Manipulationen verantwortlich. Manager wiesen jede Schuld von sich. Ein Kronzeuge hat diese nun schwer belastet. Nahezu alle hätten von dem Schwindel gewusst.
Dieselmotor im VW Touran: In der Entwicklungsabteilung soll ein "Schweigegelübde" geherrscht haben

Dieselmotor im VW Touran: In der Entwicklungsabteilung soll ein "Schweigegelübde" geherrscht haben

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Von den Abgasmanipulationen bei Volkswagen hätten Medienberichten zufolge zahlreiche Manager und Mitarbeiter des Wolfsburger Konzerns gewusst. Das habe ein nicht namentlich genannter Kronzeuge ausgesagt, von dem "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR berichten.

Demzufolge hätten nahezu alle mit den Abgasproblemen befassten Führungskräfte in der Motorenentwicklung von den Manipulationen Kenntnis gehabt oder seien sogar daran beteiligt gewesen. In der betreffenden Abteilung sei es kein Geheimnis gewesen, dass VW bei den Abgastests der Behörden in den USA und Europa nur so die Schadstoff-Grenzwerte für Stickoxid offiziell habe einhalten können, hieß es.

In den vergangenen Monaten habe dieser Kronzeuge, der selbst an den Manipulationen beteiligt gewesen sein soll, bei internen Befragungen im Autokonzern umfassend ausgesagt, berichtet der Rechercheverbund. Der Mann habe zudem ausgesagt, dass er selbst hochrangige Manager außerhalb der Abteilung auf die Manipulationen aufmerksam gemacht habe, darunter Heinz Jakob Neusser, späterer VW-Markenvorstand, dieser habe aber nicht reagiert. Gegen den Kronzeugen ermittle auch die Braunschweiger Staatsanwaltschaft.

"Schweigegelübde" in der Motorenentwicklung

Viele Mitarbeiter und Manager in dieser Abteilung seien eingeweiht gewesen. Um sich zu schützen, habe in der Abteilung ein Schweigegelübde geherrscht. Andere Abteilungen im Konzern hätten davon nichts wissen sollen, von Ausnahmen abgesehen. Ein VW-Sprecher sagte, es handele sich um Spekulationen, zu denen sich das Unternehmen nicht äußere. Zudem gelte die Unschuldsvermutung.

Die Manipulationen hätten im November 2006 begonnen. Laut den Erkenntnissen soll damals ein größerer Kreis von Mitarbeitern in der Motorenentwicklung den Einsatz der Betrugssoftware besprochen haben. Nach Angaben eines der Mitwirkenden habe es sich um eine Art "Verzweiflungstat" gehandelt. Statt dem Vorstand zu berichten, dass man die Vorgaben nicht einhalten könne, sei entschieden worden, zu manipulieren.

Wie bereits bekannt, war der Ausgangspunkt des Skandals eine strategisch groß angelegte Diesel-Offensive von VW in den USA in den Jahren 2005 und 2006. VW hatte damals massive Absatzprobleme in dem wichtigen Absatzmarkt. VW wollte die Hybridtechnik des Erzrivalen Toyota mit einem "Clean Diesel" ausstechen. Diese Technik sollte sauber, aber nicht zu teuer sein. Dies aber war nur mithilfe der Manipulationssoftware zu erreichen.

Die VW-Spitze hatte stets beteuert, dass von den Manipulationen in der Motorsteuerung nur eine kleine Gruppe von Mitarbeitern gewusst habe, nicht aber Vorstand und Aufsichtsrat. VW hatte als Reaktion auf den Abgasskandal mehrere Mitarbeiter beurlaubt.

In Deutschland sind etwa 2,4 Millionen Autos von den Manipulationen betroffen. Laut Volkswagen wird der Konzern Ende nächster Woche damit beginnen, diese Autos zurückzurufen. Die EU-Kommission fordert den Autohersteller auf, auch Kunden in Europa zu entschädigen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugsverdachts gegen mehrere VW-Mitarbeiter. Bei VW laufen außerdem interne Untersuchungen. Volkswagen hatte angekündigt, zur Hauptversammlung im April einen Bericht zum Skandal vorlegen zu wollen. Der Autohersteller hatte mit Hilfe einer Software Abgastests bei Dieselfahrzeugen manipuliert. Dies hatte den Konzern in eine schwere Krise gestürzt.

brt/dpa/Reuters