Protokoll des VW-Rückrufs, Teil 2 Ein Trauerspiel

Volkswagen muss wegen der Schummel-Software rund fünf Millionen Autos in die Werkstatt rufen. Eines davon gehört Michael Müller, wie er nach einigen Hindernissen herausfand. Nun kommt erster Verdruss auf.

SPIEGEL ONLINE

Michael Müller* ist SPIEGEL-Mitarbeiter. Er fährt einen VW Touran 1,6 TDI mit 105 PS, Baujahr 2011. Sein Wagen ist mit der betrügerischen Software des VW-Konzerns ausgestattet und muss nachgebessert werden. In loser Folge wird er für SPIEGEL ONLINE berichten, wie VW jetzt mit seinen Kunden umgeht. Was bisher geschah, lesen Sie hier.

Seitdem ich die Fahrgestellnummer auf der Internetseite von VW eingegeben habe, weiß ich, dass in meinem Touran die Schummel-Software steckt. Für mich hat der Wagen jetzt einen Defekt - auch wenn er noch problemlos fährt.

Nach einer Diagnose sollte möglichst schnell die Behandlung folgen. Ich will, dass mein Auto spätestens bis Weihnachten technisch einwandfrei ist. Die Ankündigung von VW, erst im September die 1,6-Liter-Motoren nachzubessern, finde ich deshalb inakzeptabel. Dass erst Ende 2016 alle Fahrzeuge wieder die gültigen Abgasnormen einhalten sollen, geht aus meiner Sicht gar nicht.

Gibt es einen Ersatzwagen?

Natürlich ist mir bewusst, dass der Rückruf für den Konzern eine riesige Aufgabe ist. Aber je schneller er das schafft, desto zügiger wäre das Thema vom Tisch und VW könnte sich von dem Skandal erholen - intern, an der Börse und im Ansehen der Kunden.

Jetzt zählen Taten und Fakten: Wann bekomme ich einen Werkstatttermin? Gibt es einen Ersatzwagen? Schließlich brauchen wir das Auto fast täglich.

Von der Werkstatt habe ich noch nichts gehört. Anrufen will ich aber auch nicht. Das mache ich erst, wenn ich in ein paar Wochen immer noch kein Schreiben mit einem Terminvorschlag für die Nachbesserung erhalten habe. Momentan kann ich den Prozess ohnehin nicht beschleunigen, was soll ich da rumnerven?

Einen Leistungsverlust, wie ihn viele Experten nach einem Software-Update erwarten, will ich nicht hinnehmen. Mit 105 PS zieht unser Wagen ohnehin nicht den Hering vom Teller. Fallen jetzt noch zehn Prozent des Drehmoments weg ist der letzte Funken Fahrspaß dahin!

Was sollte diese Traueranzeige?

Auf Schadensersatz werde ich aber bestimmt nicht klagen, so weit geht mein Ärger dann doch nicht. Findet VW keine Lösung für den Touran, würde ich auch auf ein anderes Modell umsatteln, zum Beispiel auf einen Golf. Die Kinder fahren schließlich immer seltener mit und es darf eine Nummer kleiner sein. Dazu müsste mir VW aber ein gutes Angebot unterbreiten. Ein Diesel wird es eher nicht mehr. Nicht wegen des Abgasskandals, aber wir fahren mittlerweile zu wenige Kilometer im Jahr.

Ich möchte VW eigentlich treu bleiben. Ich mag es einfach, dass sich die Bedienung von selbst erklärt. Reinsetzen, wohlfühlen, losfahren. Die ganzseitigen Werbeanzeigen, die Volkswagen am Wochenende als Entschuldigung in Zeitungen geschaltet hatte, kamen bei mir nicht an. Ich fand eher, die Darstellung erinnerte an eine Traueranzeige.

VW schaltete diese Anzeige am vergangenen Wochenende
Volkswagen

VW schaltete diese Anzeige am vergangenen Wochenende

* Der Name wurde von der Redaktion geändert, um sicherzugehen, dass VW den Kollegen nicht anders behandelt als andere betroffene Kunden.

Aufgezeichnet von Margret Hucko



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Seite 1
omop 08.10.2015
1. Nachvollziehbare Reaktion..
allerdings sollte man schon bedenken welch enormer Aufwand dahintersteckt einen Rückruf für solche eine extrem hohe Anzahl an Fahrzeugen durchzuführen. Das diese Aktion eine sorgfältige Planung voraussetzt und damit einige Zeit in Anspruch nimmt, sollte eigentlich klar sein.
mozzihh 08.10.2015
2.
...da hätte ich eine Alternative für Herrn Müller, wenn er sich denn zukünftig vom Diesel abwenden will und das vielleicht nicht nur aus Gründen des Diesel-Skandals sondern auch der Umwelt zuliebe: Erdgas. Ich fahre seit gut 5 Jahren damit - sehr sauber, preiswert, sicher(er als Benzin und Flüssiggas, wie Abbrenntests der Feuerwehr eindrucksvoll gezeigt haben). Vielleicht wäre es für den SPIEGEL auch eine Gelegenheit, auf die schwächelnden Marketingaktivitäten der Autohersteller und der Politik für diese *einzige* ernst zu nehmende Übergangstechnologie zum ausschließlich von "sauber" gewonnenem Strom geladenen E-Auto einzugehen.
Pusteblume68 08.10.2015
3. Schräge Artikelserie
Die Serie hat das Potenzial, eine der schrägsten Veranstaltungen hier bei SPON zu werden. VW wird sicher erleichert sein, dass sein Alleinstellungsmerkmal "das Auto erklärt sich von selbst" hier den Kunden zur Markentreue verleitet. Andere Kunden hätten ja vielleicht ein bisschen rebellischer reagiert, nachdem die Informationspolitik nicht so zackig war, der Nachbesserungsplan nicht schnell genug ist, eigentlich ist Herr Müller (Name von der Redaktion geändert) doch mit nichts am bisherigen Krisenmanagement zufrieden. Aber der nächste wird wieder ein VW... so treudoof können auch nur Deutsche sein. Sich über 10% Drehmomentverlust Sorgen machen, obwohl das Dieselauto allenfalls sieben Kilometer (siehe Teil 1) bewegt wird und dabei der Motor gar nicht richtig warm wird und damit auch die meisten Schadstoffreduktionsmaßnahmen gar nicht greifen, selten so den Kopf geschüttelt.
Sixpack, Joe 08.10.2015
4. 2016-Modelle
Zwischendurch sollen dann die 2016 Modelle noch mal umgerüstet werden, oder steckt da 100% neu geschriebene Software drinnen? Es geht ja nur um ein paar millionen Softwareregeln...
twister13 08.10.2015
5. Relativ
Natürlich ist das Vorgehen von VW eine Katastrophe. Für Alle. Aber sollten wir den Skandal nicht als das nehmen was er ist. Ein technischer Trick der für etwas mehr schlechte Luftbsorgt, Punkt. Es wurden keine Menschen gefährdet, verletzt oder gar getötet. Und jetzt erzähle mir bitte keiner dass es bestimmt 1000 Krebsfälle mehr gegeben hat, so rein theortisch jedenfalls. VW hat bei der Messung von Stickoxiden geschummelt. DAS ein Konzern schummelt ist der eigentliche Skandal. Bei was er geschummelt hat ist keiner. BP hat Millionen Liter Erdöl auslaufen lassen, hat Menschenleben, Millionen Tierleben, berufliche Existenzen und Umweltschäden allergrössten Ausmasses auf dem Gewissen. Und VW? Schlechte Luft. In den USA gibt es einen Trend die Autos zu Coal Rollers umzubauen. Sie stossen danach schwarze Abgasfahnen aus. Dagegen mokiert sich irgendwie keiner. Nein, ich bin kein VW Mitarbeiter, kein Aktionär und auch kein Lobby Mitarbeiter. GM hat über hundert Tote eingestanden die durch defekte Zündschlösser ums Leben kamen. Die Anwälte haben verdient, die Angehörigen Entschädigungen bekommen und alle haben weitergemacht. Und bei VW wird das zur existentiellen Frage hochgejazzt. Ja geht's denn noch? Können wir das Ganze nicht mit etwas mehr Gelassenheit sehen und als das was es ist. Ein Betrug in einem besonders schweren Fall aber keine Morde die so einen Hype vielkeicht rechtfertigen würden.
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