Korrektur von CO2-Werten Das Verwirrspiel um Volkswagen

Wie jetzt? Vor einem Monat gab VW bekannt, dass bei 800.000 Autos des Konzerns die CO2-Werte verfälscht wurden. Nun heißt es: Alles halb so schlimm, die Angaben stimmen doch - meistens jedenfalls.

Verdrehtes VW-Logo: "Es gab anfangs Unplausibilitäten"
DPA

Verdrehtes VW-Logo: "Es gab anfangs Unplausibilitäten"


In einer Reihe von schwarzen Tagen für VW war der 3. November ein ganz besonders schwarzer: Der Autohersteller hatte da bereits zugegeben, bei Abgasmessungen betrogen zu haben, weltweit elf Millionen Fahrzeuge seien betroffen - dann, am 3. November, gab VW zudem bekannt, dass bei 800.000 Fahrzeugen auch die Angaben zu CO2-Werten nicht stimmten.

Die Zahl der betroffenen Autos war zwar viel geringer als beim Stickoxid-Skandal der Diesel-Fahrzeuge, doch VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh befürchtete trotzdem schlimmere Folgen. Schließlich bedeuten höhere CO2-Werte einen höheren Verbrauch, zudem dienen sie in Deutschland zur Bemessung der Kfz-Steuer. Am Mittwoch jetzt die Überraschung: Das Desaster ist laut VW doch nicht so groß, das CO2-Problem habe sich erledigt.

Diese Entwicklung wirft Fragen auf - hier sind die Antworten:

Warum gibt der Konzern jetzt Entwarnung?

Laut VW haben interne Messkontrollen ergeben, dass fast alle verdächtigen Modellvarianten "doch den ursprünglich festgestellten CO2-Werten entsprechen". Der Verdacht auf rechtswidrige Veränderung der Verbrauchsangaben habe sich somit nicht bestätigt.

Die internen Messergebnisse sollen nun bis Weihnachten nochmals unter behördlicher Aufsicht bei einem neutralen technischen Dienst überprüft werden. Anschließend könnten alle Fahrzeuge, bei denen die Richtigkeit der Angaben bestätigt werde, "uneingeschränkt angeboten und verkauft werden".

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat bereits erklärt, unabhängig von den VW-internen Überprüfungen wie geplant Nachmessungen durchzuführen.

Sind damit alle Verdächtigungen ausgeräumt, VW habe falsche CO2-Angaben gemacht?

Nein. VW hat mitgeteilt, dass bei neun Modellen und insgesamt 36.000 Autos die Werte tatsächlich höher sind als bisher angegeben. Laut der internen Messungen stoßen diese neun Modellvarianten entsprechend des gültigen europäischen Prüfzyklus auf dem Prüfstand "im Mittel wenige Gramm CO2" mehr aus, etwa drei bis sechs Gramm. Dies entspreche zugleich einer Erhöhung des Verbrauchs im Messzyklus von etwa 0,1 bis 0,2 Liter auf 100 Kilometer.

Die Abweichungen sind laut VW so gering, dass die EU-Vorgaben zu Grenzwerten für den Ausstoß des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid eingehalten werden. Bei den Konzerntöchtern Audi, Skoda und Seat seien keine Abweichungen festgestellt worden.

Das sind die neun betroffenen VW-Modelle:

Liste aller VW-Fahrzeuge des Modelljahr 2016, bei denen Anpassungen der CO2-Werte vorgenommen werden

Fahrzeug Motor Getriebe
Polo 1,0l TSI BlueMotion 70kW EU6 7-Gang-DSG
Scirocco 2,0l TDI BMT 135kW EU6 6-Gang-Schaltgetriebe
Jetta 1,2l TSI BMT 77kW EU6 6-Gang-Schaltgetriebe
Jetta 2,0l TDI BMT 81kW EU6 5-Gang-Schaltgetriebe
Golf Cabriolet 2,0l TDI BMT 81kW EU6 5-Gang-Schaltgetriebe
Golf 2,0l TDI BMT 110kW EU6 6-Gang-Schaltgetriebe
Passat Alltrack 2,0l TSI 4MOTION BMT 162kW EU6 7-Gang-DSG
Passat Variant 2,0l TDI SCR 4MOTION BMT 176kW EU6 7-Gang-DSG
Passat Variant 1,4l TSI ACT BMT 110kW EU6 6-Gang-Schaltgetriebe
Was bedeutet das für die Besitzer dieser Modelle?

Für den Einsatz auf der Straße bleibt laut VW aber alles beim Alten: "Die Realverbrauchswerte der Kunden ändern sich nicht, zudem sind keine technischen Maßnahmen an den Fahrzeugen notwendig." Damit wird sich auch an der Höhe der Kfz-Steuer nichts ändern.

VW kündigte an, dass für das nächste Modelljahr die betroffenen Modellvarianten neue Katalogwerte erhalten würden.

Warum hatte VW Anfang November überhaupt mitgeteilt, dass bei 800.000 Fahrzeugen falsche Emissionsangaben gemacht worden seien?

"Es gab anfangs Unplausibilitäten", sagte ein VW-Sprecher, "und es gab Mitteilungen von Mitarbeitern, die sich nicht sicher waren, ob bei Messungen alles mit rechten Dingen zugegangen war." Eine Hochrechnung habe dann ergeben, dass 800.000 Autos betroffen sein könnten. Der Verdacht habe sich aber nun nicht bestätigt.

Welche finanziellen Auswirkungen hat die angebliche Entwarnung für VW?

Die von dem Konzern zunächst auf zwei Milliarden Euro geschätzten Kosten für die CO2-Unregelmäßigkeiten dürften deutlich geringer ausfallen. Die ursprünglich erwartete Ergebnisbelastung habe sich damit nicht bestätigt, betonte VW. Unklar sei aber, ob dennoch wirtschaftliche Belastungen entstünden. Dies hänge von den Nachmessungen ab. Momentan sieht es so aus, als käme VW um die Rückzahlung von Kfz-Steuern herum.

Zumindest am Aktienmarkt stieß die Nachricht umgehend auf positives Echo: Die Aktie legte zwischenzeitlich um knapp fünf Prozent zu. Anfang November war die VW-Aktie nach Bekanntwerden des Verdachts auf CO2-Falschangaben um zeitweise annähernd elf Prozent abgesackt.

cst/mhu/dpa/Reuters



insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
BellSouth 09.12.2015
1. Veritas
Ein Verwirrspiel sind die vielen chaotischen Berichterstattungen zu diesem wie auch dem NOx-Thema. Wenn Verlage genauso schnell in ihrer Anlayse darin wären warum ihnen die Kunden wegen mangelhafter Glaubwürdigkeit wegbrechen, dann wäre sicherlich auch manche Berichterstattung gleichzeitig ein Leser- und Abogewinn für diese! Aber man drischt natürlich lieber auf VOLKSWAGEN herum, da das natürlich einfacher ist. Anstatt sich die Frage zu stellen wieviel Prozesse für solche eine Analyse abgefragt werden müssen, damit ein braucbares Ergebnis kommt! Natürlich ist den Herren Journalisten es lieber Daten sofort zu bekommen, da diese natürlich nicht annährend genau sein können und somit sofort wieder Stoff für die nächste abenteuerliche Headline liefern würden!
raber 09.12.2015
2. Bei den 11 Millionen wurde aber betrogen?
Es ist tatsächlich ein Verwirrspiel, das sie da treiben. Anscheinend wissen sie wirklich nicht was sie machen und sagen. Wird jetzt auf die 800.000 fokussiert um die Diskussion über den millionenfachen Betrug zu verniedlichen. Es ist schon unanständig wie wegsehend die deutschen Behörden sich bei dem Fall verhalten.
Findus_1 09.12.2015
3. Ist die neue Erkenntnis wirklich glaubwürdig?
ich fand es bereits beachtlich, wie die Maßnahmen zur Beseitigung des NOX-Problems in Zusammenhang mit der Betrugssoftware vom KBA und BMVI anstandslos durchgewunken wurden. Jetzt bezichtigt sich VW zunächst der betrügerischen Manipulation von CO2-Werten und dann soll es doch halb so schlimm sein. Ich hoffe, dass hier keine Absprachen getroffen wurden (bei beiden Fällen). Am liebsten wäre es mir, wenn neutrale Stellen (gibt es die überhaupt?) alles im Zusammenhang mit NOX und CO2 noch einmal gründlich prüfen. Irgendwie ist das KBA für mich nicht vertrauenswürdig.
jujo 09.12.2015
4. ...
Zitat von BellSouthEin Verwirrspiel sind die vielen chaotischen Berichterstattungen zu diesem wie auch dem NOx-Thema. Wenn Verlage genauso schnell in ihrer Anlayse darin wären warum ihnen die Kunden wegen mangelhafter Glaubwürdigkeit wegbrechen, dann wäre sicherlich auch manche Berichterstattung gleichzeitig ein Leser- und Abogewinn für diese! Aber man drischt natürlich lieber auf VOLKSWAGEN herum, da das natürlich einfacher ist. Anstatt sich die Frage zu stellen wieviel Prozesse für solche eine Analyse abgefragt werden müssen, damit ein braucbares Ergebnis kommt! Natürlich ist den Herren Journalisten es lieber Daten sofort zu bekommen, da diese natürlich nicht annährend genau sein können und somit sofort wieder Stoff für die nächste abenteuerliche Headline liefern würden!
Verwirren tun hier nur die Ingenieure, denen es anscheinend nicht möglich ein objektives und überprüfbares Messverfahren zu haben, welches den Anforderungen genügt. Den Journalisten ist dasVerwirrspiel nicht anzulasten. Wenn das alles stimmt ist Winterkorn zurecht zurückgetreten, nicht wegen Betrug, sondern wegen versagen im Job! Der Herr Professor Ing.
tartarin 09.12.2015
5. Alles doch in Ordnung
Nach einigen Recherchen wurde offenbar festgestellt, dass die zugeklebten Karosseriespalte, abgeklemmten Lichtmaschinen, superhart aufgepumpten Reifen, verdünnten Motoröle beim NEFZ-Verbrauchstest nicht wie irrtümlich angenommen illegal sind. Also sind die Messwerte gültig! Ich habe bis jetzt nicht erfahren, wie denn nun sonst gemogelt wurde.
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