Deutsche E-Auto-Offensive in China Volt geil!

In China boomen Elektroautos, aber die deutschen Hersteller VW, BMW und Daimler profitieren davon kaum. Mit drei auf E-Antrieb und digitalen Luxus getrimmten Geländewagen wollen sie das ändern.

Volkswagen

Von Matthias Kriegel


Das Publikum musste 28 Minuten warten, dann fuhr er auf die Bühne: 4,91 Meter lang, knallrot lackiert, das VW-Emblem unter der Motorhaube beleuchtet. Er war der fünfte nach vier SUV, die Volkswagen bei der "SUV Night" bei der Shanghai Auto Show präsentierte, drei davon waren Weltpremieren. Doch die Hoffnungen des Konzerns und die Aufmerksamkeit des Publikums galten der Nummer fünf: dem ID. Roomzz.

"Er ist die Spitze des Eisbergs für die Zukunft", hantierte VW-Marketingvorstand Jürgen Stackmann euphorisch mit einer nicht ganz ungefährlichen Metapher. "Die beiden großen Megatrends, elektrisches Fahren und SUV, kommen in diesem Fahrzeug zusammen", präzisierte er. 2021 soll das erste vollelektrische SUV von VW auf den Markt kommen. In China wird es produziert, in China geht es in Serie - denn China ist für VW der wichtigste Markt.

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Deutsche E-Autos in China: Die E-SUV-Lösung

Es wird höchste Zeit, dass sich die deutschen Hersteller in China elektrisch und mit anderen Konzepten als bisher positionieren. Eine Million E-Autos wurden 2018 in der Volksrepublik abgesetzt - ein Zuwachs von mehr als 50 Prozent. Elektrische Modelle von Volkswagen, BMW und Daimler sind zwar auch in China erhältlich, profitieren aber bisher fast gar nicht von dem Boom.

Die chinesische Regierung will das Land zum Vorreiter bei E-Autos machen. Etwa 50 Milliarden Euro hat der Staat seit 2004 für dieses Vorhaben ausgegeben. Prämien von umgerechnet bis zu 7000 Euro gab es bis Anfang des Jahres beim Kauf eines E-Autos für Kunden, 788.000 Ladestationen wurden im ganzen Land errichtet.

Diesen Zeitgeist will VW mit seinem E-SUV nun bedienen. Schon in sechs Jahren werde jedes zweite neue Auto in China ein SUV sein, dreißig Prozent davon würden elektrisch fahren, prognostiziert das Center of Automotive Management (CAM) an der Hochschule Bergisch Gladbach. Kein Wunder also, dass VW künftig auf elektrische SUV setzt - auch wenn sich große, schwere Autos und Nachhaltigkeit von E-Mobilität eigentlich widersprechen.

Lenkrad zieht sich ins Armaturenbrett zurück

Ein Blick in den Innenraum des ID. Roomzz verrät, wie VW die Chinesen umgarnen will: fehlende B-Säule, sich gegenläufig öffnende Schiebetüren, viel Variabilität im Innenraum. Außerdem soll der Roomzz schon ziemlich autonom fahren (Level 4). Der Fahrer kann die Kontrolle also immer wieder mal für längere Zeit an das Auto abgeben und muss die Hände nicht am Lenkrad lassen.

Wird das VW-Logo auf dem eckigen Lenkrad länger als fünf Sekunden berührt, zieht sich das Volant ins Armaturenbrett zurück, die Sitze können um 25 Grad gedreht oder in Liegeposition gebracht werden. Statt klassischer Seitenspiegel gibt es Kameras.

Digitalisierung schlägt Reichweite

Solche Fahrzeugeigenschaften findet CAM-Direktor Stefan Bratzel Erfolg versprechend. "Vernetzung und Digitalisierung sind in China wesentlich wichtiger als in Deutschland", sagt der Experte. "Dort wird beispielsweise schon massenhaft mit dem WhatsApp-Ableger WeChat bezahlt, das spiegelt sich auch beim Autokauf wieder. Ist der Digitalisierungsgrad in den Systemen der Autos nicht hoch genug, werden die Hersteller in Zukunft Probleme bekommen, Autos zu verkaufen." Reichweite und Leistung hingegen spielten eine geringere Rolle.

Auch deshalb gehen Marktbeobachter davon aus, dass der Elektroboom in China weitergeht. Der Staat hat die Subventionen inzwischen zurückgefahren, der Markt brummt von allein. Für dieses Jahr rechnen Branchenbeobachter mit 1,6 Millionen neuen Stromern in China.

Das Segment ist umso bedeutender, weil der Autoabsatz in China insgesamt nachlässt. Im Jahr 2018 schrumpfte der Markt um 3,8 Prozent - nach knapp 30 Jahren stetiger Zuwächse. Im ersten Quartal 2019 setzte sich der Abwärtstrend fort, und zwar um 13,7 Prozent bei Pkw mit konventionellem Antrieb. Das CAM prognostiziert für dieses Jahr ein Gesamtminus von fünf Prozent.

China-Geschäft der deutschen Hersteller brummt - noch

Um gut im Geschäft zu bleiben, ist die E-Offensive unabdingbar. China ist extrem wesentlich für den Erfolg deutscher Hersteller. BMW und Mercedes verkaufen dort rund 25 Prozent ihrer Neuwagen, Audi etwa ein Drittel und VW knapp 40 Prozent.

Auch Mercedes stellte daher einen E-SUV ins Rampenlicht der chinesischen Messe. Der EQC sieht allerdings nicht allzu innovativ aus, eher wie ein elektrischer GLC nach dem ersten Facelift. Im Innenraum dürfte den chinesischen Käufern jedoch das Multimediasystem MBUX gefallen, ein lernfähiges System, das Nutzern als Assistent zur Seite steht.

Auch intelligenter Luxus ist an Bord, etwa die Möglichkeit, den Innenraum im Sommer vor der Nutzung abzukühlen. Alles in allem setzt Mercedes jedoch auf Bewährtes. In Deutschland ist der Marktstart des EQC für Juni 2019 angekündigt.

Couchtisch statt Mittelkonsole

Anders als die Konkurrenz in Wolfsburg und Stuttgart hat BMW den Trend in China nicht verschlafen und bietet dort schon seit mehreren Jahren den i3 an. Der ist zwar - mangels Konkurrenz - das erfolgreichste deutsche E-Auto in Fernost, doch die Bilanz liest sich mager: 1021 Einheiten wurden 2018 verkauft.

Also wurde auf der Messe von Shanghai auch ein neues i-Familien-Mitglied vorgestellt: der BMW Vision iNext - ein E-SUV, wie sollte es anders sein. Vor allem der Innenraum der Studie dürfte die chinesische Kundschaft faszinieren. Ausgerichtet ist der iNext auf autonomes Fahren auf Level 4, der Innenraum wird auch hier zur Lounge. Dort, wo sonst die Mittelkonsole thront, befindet sich eine Ablagefläche, die an einen Couchtisch erinnert.

Die Holzoberfläche ist berührungsempfindlich und wird zum zentralen Steuerelement. "Shytech" nennt BMW diese versteckte Schaltzentrale. Auch über die Sitzbezüge im Fond können Kommandos eingegeben werden, denn die sind ebenfalls touch-sensitiv. 2021 soll der BMW iNext in Serie gehen und zum Flaggschiff der i-Familie werden.

Wie stark China als größter Automobilmarkt der Welt künftig den Takt angibt, offenbart eine kleine, unschuldige Frage: Ob der ID. Roomzz nach Europa kommen wird, können die Wolfsburger derzeit nicht beantworten.



insgesamt 93 Beiträge
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oli h 03.05.2019
1. Seltsam
wenn VW 40 % seiner Autos nach China verkauft und BMW 25, dann verwundert ist doch ein bisschen, dass anscheinend deutlich mehr BMW I3 als VW e-Golf verkauft werden.
ffmfrankfurt 03.05.2019
2.
Warum geht das in China und nicht bei uns?
whitemouse 03.05.2019
3. E-Autos
Die deutsche Automobilindustrie hat nur dann eine Zukunft, wenn sie nicht auf das E-Auto setzt. Benzin Diesel, Brennstoffzelle - diese komplexen Technologien fordern Ingenieure, da liegen Stärken in Deutschland. E-Autos kann man aus China oder USA kaufen.
sandnetzwerk 03.05.2019
4. Es ist symptomatisch
E-Autos sind lediglich Luxusartikel. Gebaut für die Klientel, der der Klimaschutz schon immer total egal ist. Wieder ein Totalversagen der deutschen Autoindustrie. Aber das passt so schön in die Flotten-CO2 Bilanz. Betrug würde man das nennen. Darf man aber nicht, denn die Wahrheit hat die Autoindustrie verboten.
rumans 03.05.2019
5. ist das so schwer: e-SUV, Gift wie Feuer und Wasser zu verkaufen
Es funktioniert nicht mehr, dass die dann billiger werdend was für's Volk was werden. Einfamilienhäuser zum Laden und e-Akkuwagen als Zweitwagen ist eine isolierte Welt für sich. Gegenüber Mietshäusern, wo eine Ladestruktur kostenmässig, daher zeitmässig und rein funktionell nicht möglich ist. Beispiel: 30% öffentliche Ladesäulen beseitigen 30% Dauerparkplätze, die die wegzustellenden Akkuautos nach dem Laden trotzdem noch brauchen. Die erste Silbe von Volkswagen ist zu streichen. Wasserstoffauto: drei Minuten und weg. Zeit und Raum gespart. Das ist Effizienz.
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