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01. Oktober 2015, 09:11 Uhr

Krise bei VW-Händlern

"Das Modell hätte ich gern, aber 5000 Euro günstiger"

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Der Abgasskandal bei VW trifft auch die Autohäuser. Aus Verkäufern werden Krisenmanager - ein Besuch bei zwei VW-Händlern.

Ein bisschen seltsam komme ich mir schon vor an diesem Vormittag. Ich stehe bei sonnigem Septemberwetter vor einem VW-Autohaus im Osten Hamburgs und bin im Begriff, mich gleich als Interessent für einen Golf mit Dieselmotor auszugeben. Vor dem Eingang wirbt ein Plakat mit einer Wechselprämie von bis zu 5000 Euro, wenn man sein altes Auto verschrotten lässt und gegen einen Neuwagen eintauscht - "Aktion verlängert". Ich frage mich, ob diese Abwrackprämie auch für alte Golf TDI gilt?

Die Angestellten im Autohaus könnten darüber bestimmt nicht lachen. Während ich interessiert um die ausgestellten Modelle kreise, versuche ich, die Stimmung zu sondieren. Hektik ist nicht zu spüren, es scheint, als hätte das Personal alles im Griff. Nichts, was den Kunden irritieren oder auf den Gedanken bringen könnte, das hier etwas nicht stimmt - ein Tag wie jeder andere könnte man denken. Aber der Schein trügt.

Alles kein Problem?

Ich steuere auf einen Berater zu und erzähle von meinem Plan, einen Golf mit Selbstzünder zu kaufen. Beruflich sei ich viel unterwegs und der Dieseltreibstoff günstig. Doch die Sache mit dem Abgasskandal verunsichere mich jetzt schon ein wenig. Ob ich denn problemlos ein Diesel-Modell kaufen könne, frage ich den Verkäufer. "Da müssen Sie sich keine Sorgen machen", sagt mir Herr Jakobs*, ein Mittfünfziger im dunklen Anzug. Bei diesem Thema wirkt er sichtlich angespannt und erklärt: "Das betrifft nur ältere Autos, die bei der Zulassung andere Abgasnormen erfüllen mussten." Die Modelle, die hier im Autohaus stünden, entsprächen alle der Abgasnorm Euro 6 und seien damit nicht betroffen. Keine Manipulationssoftware in den Neuwagen, versichert mir Herr Jakobs.

Und der Wiederverkaufswert? Ob Jakobs denkt, dass sich die Selbstzünder in ein paar Jahren vielleicht zum Auslaufmodell entwickeln könnten, die dann keiner mehr haben will, frage ich. "Glaube ich nicht", antwortet er schulterzuckend. Überhaupt wisse er selbst nicht mehr als das, was er aus Wolfsburg höre. "Am 7. Oktober gibt es aber eine offizielle Entscheidung von VW. Dann wissen wir alle etwas mehr", sagt der Verkaufsberater noch. Bis dahin nämlich soll entschieden sein,

was mit den vom Abgasskandal betroffenen Autos passiert.

Beschwerden im Minutentakt

Auch im zweiten Autohaus, diesmal im Hamburger Westen, in dem ich mit meinen Verkaufsabsichten vorstellig werde, beruhigt man mich und versichert mir, dass die neuen Modelle nicht von den Manipulationen betroffen seien. Im Beratungsgespräch erfahre ich, wie es derzeit tatsächlich bei den VW-Händlern zugeht. Herr Fischer*, dem ich an seinem Schreibtisch gegenüber sitze, erzählt mir, dass der Konzern in den nächsten Wochen enorm viel Geld in die Hand nehmen werde, um den Schaden so gut wie möglich zu begrenzen. "Da wird eine Maschinerie in Gang gesetzt werden, die es so bei VW noch nicht gegeben hat", sagt Fischer. Ich könne sicher sein, dass derzeit alles Mögliche getan werde. Dann klingelt sein Telefon. "Darf ich da kurz rangehen, das ist wichtig", fragt er.

Ich nutze die kleine Pause und schaue mich um, es wird viel telefoniert. Nachdem Fischer den Hörer aufgelegt hat, frage ich, ob er selbst Auswirkungen des Betruges spüre. Er erzählt mir, er höre den ganzen Tag von nichts anderem mehr. "Es rufen ständig Kunden an, die sogar solche Kaufverträge stornieren wollen, die mit den aktuellen Geschehnissen gar nichts zu tun haben", sagt er. Firmenkunden beschwerten sich bei ihm und sprächen von einem massiven Imageschaden für ihr Unternehmen, weshalb man die Autos von VW nicht mehr fahren könne. Auch Anwaltsschreiben mit Entschädigungsforderungen seien schon angekommen.

"Ich wurde schon als Lügner beschimpft"

"Am Telefon wurde ich sogar schon als Lügner beschimpft", berichtet Fischer, der es dieser Tage wirklich nicht leicht zu haben scheint. Wieder klingelt das Telefon. Nach einer weiteren Pause erzählt er mir noch von Kunden, die jetzt als Trittbrettfahrer des Skandals auf ihr persönliches Schnäppchen hoffen. "Die kommen hier rein und holen zu einem Rundumschlag aus mit allem, was sie so aus den Medien aufgeschnappt haben", berichtet der VW-Mann frustriert. "Und dann sagen sie: Das Modell hätte ich gerne, aber bitte 5000 Euro günstiger, ist ja ein Diesel", stellt er die Szenerie nach. Das Telefon klingelt wieder, Fischer schaltet auf stumm.

Mit einem persönlichen Angebot - 5311 Euro "Aktionsrabatt für Selbstständige" inklusive - für einen VW Golf TDI verlasse ich mit gemischten Gefühlen das Autohaus. Mit Herrn Fischer oder Herrn Jakobs möchte ich dieser Tage nicht tauschen. Eigentlich wollen sie nur Autos verkaufen, jetzt aber sind sie Krisenmanager geworden.

* Name von der Redaktion geändert

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