Volkswagen bei Tokyo Motor Show Verbeugemaßnahme

Die Tokyo Motor Show ist die erste Auto-Messe nach dem Abgasskandal, der VW-Auftritt wurde mit Spannung erwartet. Die Konzernvertreter übten Demut - doch hinter vorgehaltener Hand zeigte sich mancher auch erleichtert.

Sorry: Sven Stein, Japan-Chef von VW, zelebriert den traditionellen Kotau
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Sorry: Sven Stein, Japan-Chef von VW, zelebriert den traditionellen Kotau


Um diesen Auftritt ist VW-Chef Herbert Diess nicht zu beneiden. In Europa und den USA beherrscht der Abgasskandal immer noch die Schlagzeilen, am Morgen hat der Konzern zum ersten Mal seit Jahren einen Quartalsverlust vermeldet. Und was für einen: 3,5 Milliarden Euro.

Nicht leicht, da Zuversicht zu zeigen. Doch genau das ist von Diess auf der Tokyo Motor Show gefragt. "Gerade in der aktuellen Situation ist es mir wichtig, Ihnen persönlich die Zukunft von Volkswagen zu zeigen", sagt der Konzernvorstand tapfer.

Diess ist natürlich in Tokio, um über die Pläne für neue Modelle zu sprechen. Aber noch kann er nicht einfach zur Messeroutine übergehen, dafür ist der Abgasskandal zu frisch, der Vertrauensverlust in die Marke VW zu groß. Also sagt Diess: "Wir haben Dinge getan, die grundfalsch waren. Dafür möchte ich mich entschuldigen". Mit fester Stimme wiederholt er das VW-Versprechen, dass der Skandal lückenlos aufgeklärt und eine technische Lösung für die betroffenen Motoren gefunden werde.

VW-Chef Diess: Aufklärung gelobt, Dieselmodelle für Japan verschoben
DPA

VW-Chef Diess: Aufklärung gelobt, Dieselmodelle für Japan verschoben

Volkswagens Japan-Chef Sven Stein hat sogar den offiziellen Kotau zelebriert, sich gleich bei der Begrüßung demonstrativ verbeugt und allen Japanern versichert, dass ihre Volkswagen nicht von dem Skandal betroffen seien. Das Versprechen lückenloser Aufklärung muss erst eingelöst werden. Und technische Lösungen zur buchstäblichen Bereinigung der Misere müssen noch entwickelt werden. Aber immerhin steht das Bekenntnis von Stein auf soliden Füßen: VW hat in Japan gar keine Diesel im Angebot. Bis auf eine Handvoll Grauimporte sind die 600.000 Volkswagen auf japanischen Straßen mit Benzinmotoren ausgerüstet.

Ganz so einfach ist die Sache nicht

Vielleicht ist auch das der Grund, weshalb seine symbolträchtige Verbeugung seltsam mechanisch wirkt und so kurz ist, dass viele Japaner auf dem Messestand kaum merklich den Kopf schütteln und ziemlich indigniert dreinschauen. Zu sehr schmerzt sie offenbar die Erinnerung an den Auftritt von Toyota-Chef Akio Toyoda 2010 vor dem US-Kongress, als der Japaner für die Unfalltoten nach vermeintlich klemmenden Gaspedalen verantwortlich gemacht wurde. Gegen die Verbeugung in Washington war, so die einhellige Meinung am Messestand, Steins Auftritt in Tokio kaum mehr als ein tiefes Nicken.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Sache für Volkswagen doch nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Denn nachdem Japan Dieselmotoren jahrelang aus Pkw verbannt hatte, sind die Selbstzünder dort mittlerweile ebenfalls im Kommen. Mazda zum Beispiel bietet den CX-3 ausschließlich mit Diesel an und kommt in allen anderen Baureihen auf eine Ausstattungsquote von mehr als 50 Prozent.

Tiguan: In Tokio wurde der Kompakt-SUV als E-Mobil gezeigt
AFP

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VW hatte angesichts dieser Entwicklung ursprünglich für das Jahresende die ersten TDI für Japan angekündigt. Dieser Schritt wurde jetzt erst einmal aufgeschoben. "Wir halten an unserem Plan fest, aber prüfen die Situation und entscheiden den Zeitpunkt dann neu. Bevor wir den Diesel nach Japan bringen, müssen wir das Vertrauen wieder zurückgewinnen", lautet die offizielle Sprachregelung. "Wir warten, bis sich der Trubel gelegt hat und kommen ein Jahr später", die inoffizielle Übersetzung. Spätestens wenn Ende 2016 der neue Tiguan nach Japan exportiert wird, soll er auch Selbstzündertriebwerke beherbergen.

Alles auf E

Auf der Messe steht der kompakte Geländewagen aber natürlich nicht als TDI, sondern als GTE mit Plug-In-Technologie. Diess unterstreicht in Tokio noch einmal, dass die Niedersachsen gerade jetzt ihr Engagement bei der Elektrifizierung des Autos deutlich ausbauen wollen. Dazu zählt er nicht nur den Nachfolger des Flaggschiffs Phaeton, den es ausschließlich mit der Akku-Technik der IAA-Studien E-tron Quattro von Audi und Mission E von Porsche geben wird. Viel wichtiger noch ist ihm ein standardisiertes Technologiepuzzle namens "Modularer Elektrobaukasten", kurz MEB: So, wie der Modulare Querbaukasten MQB die Kompaktklasse des Konzern auf ein neues Niveau gehoben hat, soll er den Weg zum "Elektrofahrzeug für jedermann" ebnen.

Für alle VW-Töchter zugänglich, hochflexibel und ausgelegt für Reichweiten von bis zu 500 Kilometern, sollen aus ihm zahlreiche E-Mobile entstehen, sagt Diess und schwelgt schon wieder in großen Visionen: Nach der Krise werde VW, so sagt er es sinngemäß, stärker und smarter sein als je zuvor, und natürlich bessere Autos bauen. "Denn faszinierende Produkte sind die beste Basis, um das Vertrauen zurückzugewinnen."

Ob die Kriegskasse in Wolfsburg derlei Investitionen nach Rückrufen, Strafzahlungen und anderen finanziellen Folgen des Dieselgates hergibt, das muss sich erst zeigen. Und auch wenn Diess mit seiner Rede auf dem VW-Stand in Tokio Dieselgate für einen Moment vergessen macht, sei VW, so erzählen es die Manager auf der Messe, noch weit entfernt von dem, was man einen "normalen Geschäftsbetrieb" nennen könnte.

Immerhin können die ersten Mitarbeiter der Situation mittlerweile sogar etwas Positives abgewinnen: "Eine Krise hat schließlich auch eine reinigende Wirkung", sagt eine der Führungskräfte am Rande der Motorshow. "Manche Entscheidungen, für die wir vor Kurzem noch viele Monate gebraucht hätten, fallen jetzt plötzlich ganz schnell."

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Tokyo Motor Show 2015: Die Neuheiten



insgesamt 20 Beiträge
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Flachzwilling 28.10.2015
1. Tokyo liegt immer noch in Japan
Sehr geehrter Herr Grünweg, der von Ihnen unterstellte "traditionelle" bzw. "offizielle" Kotau ist die damals obligate Ehrerbietung und je nach Auffassung auch Unterwerfungsgeste gegenüber dem chinesischen Herrscher. Beim Kotau kniet man sich auf den Boden und berührt diesen auch mit der Stirn. Die japanische Verbeugung hingegen ist eine respektvolle Begrüßung des Gegenübers und erst bei für uns absurden Knickwinkeln eine Geste der Entschuldigung.
SR_77 28.10.2015
2. Recherche Qualität
Liebe SPON-Redaktion, merken Sie eigentlich wie oft sie sich in Ihren Beiträgen widersprechen und damit die Qualität Ihrer Recherche selbst in Frage stellen. In vielen vorherigen Artikeln waren die Japaner die innovativen Vorreiter, die den Diesel abgeschrieben haben und nur VW an der in Ihren Augen veralteten Technologie festhalten...weil sie sonst nichts können. Der ständige negative Unterton nervt! Schreiben sie doch mal wie sich VW nach so kurzer Zeit verhalten soll? Mitten in den Untersuchungen und der Neuausrichtung. Die Banken haben Monate gebraucht um überhaupt was zur Finanzkrise zu sagen. Auf eine Entschuldigung wartet man bis heute!
hgm2 28.10.2015
3. tiefe Reue
man kann sich so richtig vorstellen, wie ernsthaft es dem VW-Manager mit der zur Schau gestellten tiefen Reue war.
GTI Fahrer 28.10.2015
4. Autsch
"Er zelebriert den traditionellen Kotau..." Erstens verbeugt er sich einfach nur so wie man es in Japan höflicherweise macht, und nen Kotau gibts in Japan sowieso nicht. Anderes Land.
kinderkiebitz 28.10.2015
5. Recherche Qualität II
Der Japan-Chef von VW heißt mit Vornamen Sven und nicht Jens!!! Kein wirklich komplizierter Name.
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