Logistik-Projekt  VW will Umweltprobleme mit dem ersten modernen Segelfrachter der Welt umschiffen

VW steckt mitten im Dieselskandal. Die Glaubwürdigkeit des Konzerns in Umweltfragen ist weg. Ein Schiff soll jetzt dabei helfen, das Image von VW zu reparieren.
Konventionelles Transportschiff am VW-Autoterminal in Emden

Konventionelles Transportschiff am VW-Autoterminal in Emden

Foto: Ingo Wagner/ picture alliance / dpa

Die Eckdaten klingen gigantisch: 5000 Quadratmeter Segelfläche bei 78 Meter Masthöhe und 170 Meter Länge. Übersetzt wären das gut 2000 aneinandergenähte Bettlaken, die von einem Gebäude herunterwehen, das dreimal so hoch ist wie das Brandenburger Tor.

Der Hightech-Stoff soll an einem Segelschiff zum Einsatz kommen. Der Frachter mit dem Super-Segel könnte eines der größten Probleme der Zukunft lösen: die dreckigen Nebenwirkungen der Handelsschifffahrt.

Allein die 15 größten Schiffe der Welt stoßen pro Jahr so viele Schwefeloxide aus wie 760 Millionen Autos, hat der Naturschutzbund (NABU) errechnet. Jahr für Jahr sterben 50.000 Menschen an Schiffsabgasen, vor allem an Partikeln, ermittelte die Weltgesundheitsorganisation. Das sind mehr als 800-mal so viele wie durch den VW-Dieselskandal angenommen.

Alte Technik für die Zukunft

Warum der VW-Vergleich? Das erste Cargo-Segelschiff der Welt, das sich derzeit noch im Prototypenstatus befindet, könnte nach Informationen von SPIEGEL ONLINE künftig ausgerechnet im Auftrag des vom Abgasskandal geplagten Konzerns aus Wolfsburg fahren. Ein Vorstandsbeschluss dazu steht noch aus, heißt es aus VW-Kreisen. Ein Konzernsprecher wollte sich nicht dazu äußern.

Für Volkswagen käme der Einsatz des Segelschiffes gerade recht, um das ramponierte Umweltimage wieder aufzupolieren. Allein durch einen Segelfrachter würden jährlich 30 bis 40.000 Tonnen Kohlendioxid (CO 2 ) eingespart. Nicht schlecht, aber zum Vergleich: Das entspricht dem CO 2 -Ausstoß von etwa 22.600 VW-Modellen pro Jahr. Bei etwa zehn Millionen produzierten Fahrzeugen pro Jahr müsste VW demnach etliche Segelfrachter einsetzen, damit das ganze Projekt nicht einfach nur eine Greenwashing-Maßnahme bleibt.

Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik beim Naturschutzbund, würde den Einsatz eines solchen Segelschiffs bei VW begrüßen: "Schiffe mit Windantrieb wären ein enorm wichtiger Baustein für eine Dekarbonisierung der Schiffsantriebe. Die Technik ist vorhanden, sie wird bisher jedoch kaum eingesetzt. Es braucht nun mutige Akteure, die solchen Projekten mit Know-how und Umweltengagement endlich zum Durchbruch verhelfen", sagt der Umweltschützer.

Hinter dem Projekt steckt eine Hamburger Firma

Das Prinzip des für VW im Gespräch befindlichen Segelschiffs geht zurück auf eine alte Technik. In den Sechzigerjahren konzipierte ein Schiffsingenieur aus Hamburg, Wilhelm Prölss, das sogenannte Dyna-Rigg - ein Segelsystem, das er eigens für Frachtschiffe entwickelte. Doch umgesetzt wurde die Technik für kommerzielle Schifffahrt bis heute nicht.

Das Prölss-Prinzip zeichnet sich durch rechteckige oder trapezförmige Segel aus, die an drehbaren Masten eine geschlossene Fläche bilden. Die Segel werden dabei wie Jalousien aus der Mastmitte herausgerollt. Jedes einzelne Segel ist steuerbar. Heute erledigen das computergesteuerte Elektromotoren, die von der Kommandobrücke des Schiffs durch den Kapitän kontrolliert werden. Eine zusätzliche Crew ist nicht erforderlich, die Betriebskosten vergleichsweise gering: "Der Wind kostet bekanntlich nichts", sagte schon Prölss.

Die Segelyacht Maltese Falcon

Die Segelyacht Maltese Falcon

Foto: Perini Navi / Roddy Grimes-Graeme

Dass seine Erfindung tatsächlich funktioniert und keine Spinnerei eines verwirrten Tüftlers ist, beweist seit wenigen Jahren die 88-Meter- Segelyacht "Maltese Falcon". Das Luxusschiff wurde im Auftrag des Internet-Milliardärs Tom Perkins gebaut und braucht nur sieben Minuten, bis die Segel stramm im Wind stehen. Genau diese Technik will sich der erste Segelfrachter mit dem Projektnamen Ecoliner zu Nutzen machen, um Autos über den Atlantik zu transportieren.

Auch diesmal - wie im vorigen Jahrhundert - kommt der entscheidende Impuls für das Segelfrachtschiff aus Hamburg. Hinter dem Projekt steckt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE die noch junge Firma Sailing Cargo, die auf ihrer Internetseite  bekannte Namen aus der Schifffahrtbranche als Partner angibt - darunter die Reederei Döhle, eine der Größten weltweit. Sailing Cargo wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Verhandlungen mit VW äußern.

VW will bis 2018 mindestens 25 Prozent CO 2 einsparen

Für VW müsste der Ecoliner vom Autoport Emden in See stechen - nach Bremerhaven und Zeebrügge der drittgrößte Pkw-Umschlaghafen Europas und für den Autokonzern eine der zentralen Drehscheiben für den Im- und Export von Neuwagen. Alleine im vergangenen Jahr wurden dort 1,41 Millionen Fahrzeuge be- und entladen. Zu den Zielhäfen gehört auch der Hafen in Veracruz in Mexiko, den der Ecoliner mit Hilfe des Windes ansteuern müsste. VW besitzt in Mexiko mehrere Produktionsstandorte, in Puebla wird unter anderem der Beetle gebaut.

Für den Notfall besitzt das Schiff noch einen diesel-elektrischen Hilfsmotor an Bord, der später durch einen batterie-elektrischen Antrieb ausgetauscht werden könnte. 80 Prozent der Zeit soll das Schiff mit elf bis 14 Knoten (20 bis 25 km/h) die 6340 Seemeilen (11760 Kilometer) nach Mexiko zurücklegen.

Bis auf das Risiko, ein bisher so in dieser Art noch nie gebautes Schiff auf eine Weltreise mit 1700 bis 2000 Autos im Bauch zu schicken, gibt es wenig, was gegen den Ecoliner spricht. Ein großer konventioneller Motor Carrier transportiert bis zu 4500 Fahrzeuge, verbrennt täglich ca. 80 Tonnen Schweröl, und produziert Feinstaub, Schwefel und CO 2 in großen Mengen. Die geringere Ladekapazität eines Ecoliners könnte durch ein zusätzliches Schiff ausgeglichen werden, und würde so ein schwerölbetriebenes Schiff für den transatlantischen Verkehr komplett ersetzen.

Für die Pazifikroute eignet sich der Ecoliner aufgrund der dort herrschenden Windverhältnisse ideal, nur im Mittelmeer kann der Frachtsegler nicht eingesetzt werden - dort herrscht zu oft Flaute.

Doch nicht alle Abteilungen bei VW befürworten das Projekt, das dabei helfen könnte, die eigens gesetzten Umweltziele zu erreichen. Bis 2018 will der Konzern unter anderem in der Produktion nicht nur Energie und Wasser einsparen, sondern auch 25 Prozent Kohlendioxid im Vergleich zu 2010. Wäre doch zu blöd, wenn VW erneut an Emissionszielen scheitern würde.

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