Dieselfahrverbote Deutsche Autobauer bremsen - Volvo prüft Katalysatoren zum Nachrüsten

Am Abend verhandeln die Koalitionsspitzen über ein Konzept gegen Dieselfahrverbote. Deutsche Hersteller sperren sich weiterhin gegen Nachrüstungen, Volvo-Kunden dürfen nach Informationen des SPIEGEL hoffen.
Volvo XC60

Volvo XC60

Foto: Volvo

Es ist ein unscheinbarer Verwaltungsakt, der sich da am vergangenen Freitag abgespielt hat. Ein kleines Autozulieferunternehmen namens Dr. Pley hat beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg den Antrag auf Allgemeine Betriebserlaubnis gestellt. Doch das Schreiben, das bei den Beamten vergangene Woche auf dem Tisch landete, war alles andere als Routine. Es dürfte am Montagabend sogar politische Wirkung im Bundeskanzleramt in Berlin entfalten, wo Union und SPD über die drängende Frage verhandeln, wie Dieselfahrverbote in deutschen Städten noch zu verhindern sind.

Während sich die deutschen Hersteller gegen Hardware-Nachrüstungen sperren, bereitet Volvo nach Informationen des SPIEGEL und des Bayerischen Rundfunks (BR)für seine Kunden ein Nachrüstungsangebot vor - zusammen mit dem Bamberger Katalysatoren-Hersteller Dr. Pley. Es basiert auf jener Technik, die Bundesumweltministerin Svenja Schulze von den Herstellern für die Autobesitzer kostenlos fordert, auch Angela Merkel ist dieser Lösung zugeneigt.

Die Kooperation des Bamberger Abgasexperten mit Volvo konzentriert sich offensichtlich auf jene Version des Geländewagens XC60, die bis zum Jahre 2017 mit der damals gültigen Schadstoffnorm Euro 5 verkauft worden ist. Das KBA wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL und BR nicht äußern.

Volvo spricht von einem rein internen Vorgang

Der Ingenieur Martin Pley hat bereits eine Reihe von Autos zu Versuchszwecken mit sogenannten SCR-Katalysatoren ausgestattet. Dort wird Harnstofflösung eingespritzt, um das giftige Stickoxid unschädlich zu machen. Einer seiner Versuchswagen ist eine B-Klasse von Mercedes. Der ADAC in Baden-Württemberg hat seine Wirksamkeit in einem Feldversuch überprüft.

Es sei "ein rein interner Vorgang", sagte ein Volvo-Sprecher auf Anfrage des SPIEGEL. Sobald der Koalitionsausschuss eine Entscheidung getroffen habe, werde Volvo sich die "Rahmenbedingungen ansehen und für die Kunden individuelle Lösungen anbieten". Zu Fragen des Preises für das Nachrüstsystem oder einem möglichen Zeitpunkt, wann es angeboten werde, gab Volvo keine Stellungnahme ab.

Der Sprecher verwies darauf, dass sein Unternehmen schon vor einigen Monaten Autos mit der modernsten Abgasnorm Euro 6d-Temp angeboten hat. "Damit hat unser Unternehmen grundsätzlich eine andere Position und Ausgangslage, als verschiedene andere Wettbewerber", erklärte der Volvo-Sprecher. Volvo hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, keine neuen Dieselmotoren mehr zu entwickeln.

Zuletzt führten die Hersteller Haftungsprobleme ins Feld

Würde der Premiumhersteller das Nachrüstsystem tatsächlich auf den Markt bringen, brächte er die deutschen Autokonzerne in Zugzwang. Die hatten stets behauptet, Umrüstungen seien kompliziert und technisch kaum machbar. Bislang hat sich nur Volkswagen öffentlich bereit erklärt, für einige Modelle wie den Passat eine Nachrüstung mit SCR-Katalysatoren anbieten zu wollen. Zuletzt führten die Hersteller Haftungsprobleme ins Feld, um die Bundesregierung davon abzubringen, Hardware-Nachrüstungen von den Unternehmen zu verlangen.

Bundesverkehrsminister Scheuer hatte sich dieser Argumente der Autokonzerne bislang reichlich bedient. Auch beim Spitzentreffen der Bundesregierung vergangenen Freitag im Bundeskanzleramt erneuerte er seine Kritik an der Nachrüstlösung. Scheuer behauptete bislang auch, es lägen noch überhaupt keine Anträge beim KBA auf Genehmigung eines solchen Nachrüstsystems vor. Das hat sich seit Freitag offensichtlich geändert.

Neben einer technischen Genehmigung für den Einbau des Systems braucht es auch gesetzliche Regelungen, damit das umgebaute Auto dann auch tatsächlich in die Fahrverbotszonen einfahren darf. Angeblich, so Scheuer, brauche es bis April 2020, bis eine geeignete Vorschrift erlassen sein dürfte.

Autofahrer sollen nicht zahlen

Derzeit konzentriert sich Scheuer auf das Aushandeln von möglichst lukrativen Umtauschprämien, mit dem Besitzer älterer Fahrzeuge neue Pkw kaufen sollen. Im Gespräch sind Prämien im Wert von mehreren Tausend Euro. Dies hilft allerdings Kunden nicht, die für einen Neukauf nicht genügend Erspartes haben. Die Umrüstung könnte ihnen die Gelegenheit bieten, weiterhin mit ihrem Auto in die Fahrverbotszonen zu fahren.

Insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel und der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier wollen die gesetzlichen Bedingungen für diese Umrüstungen von Scheuer; auch wollen sie, dass die Autofahrer dafür nicht bezahlen.

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