Vorserienerprobung in Namibia Wüstenritt der Erlkönige

Auf dem Weg zur Serienreife kommen neue Autos weit herum. Immer häufiger führen die Tests, wie jetzt beim VW Tiguan, auch ins südliche Afrika. Wüstensand und Sonnenglut fordern die Technik, die Straßen sind exzellent oder miserabel – und neugierige Zaungäste selten.


Die Wüste bebt. Auf der schmalen Schotterpiste im Südwesten Namibias, über die sonst nur alle paar Stunden ein klappriger Geländewagen zuckelt, jagt jetzt ein Autopulk, der eine riesige Staubfahne aufwirbelt. Selbst wenn sich die graue Schleppe legt, bleiben die Wagen inkognito. Sichtbar wird nur, dass sie zu groß, zu neu und zu teuer sind für diese Region. Doch viel mehr geben die zur Unkenntlichkeit getarnten Autos nicht preis. Und die Fahrer erst recht nicht. Denn ihre Wagen sind sogenannte Erlkönige - streng geheime Erprobungsfahrzeuge für künftige Modelle, die beim Wüstenritt unter der Sonne des Südens getestet werden.

In diesen Tagen zum Beispiel war es der VW Tiguan, der wenige Monate vor seiner Weltpremiere auf der IAA in Frankfurt bei der sogenannten Abnahmefahrt von Chefentwickler Ulrich Hackenberg und seinen Kollegen über den Gamsbergpass am Rande der Namib-Wüste geprügelt würde. Auf steilen Schotter-Serpentinen, holprigen Klettersteigen und topfebenen Wüstenpisten mussten vor allem Fahrwerk und Elektronik des Kompakt-SUVs ihre Reife beweisen.

Jetzt veröffentlichte Fotos sollen offenbar beweisen, dass der maßgeblich aus dem Golf-Baukasten gefertigte Tiguan kein zahnloser Asphalt-Tiger ist, sondern sich auch abseits der Straße wohl fühlt. Für solche Einsätze wird es dem Vernehmen nach eine Version "Track & Field" geben, die eine spezielle Frontpartie sowie eine sogenannten Offroad-Taste bekommt, mit der per Knopfdruck die Fahrzeugelektronik auf Gelände gepolt werden kann.

Bis zur Produktionsfreigabe durchleiden Erlkönige einen Marter-Marathon, der sie in die unwirtlichsten Gegenden des Globus führt. Eisige Winterfahrten in Nordschweden, Sommerhitze in Phönix und Nevada oder schwüler Smog in asiatischen Großstädten stehen auf dem Reiseplan, sagt Jörg Heinrich, der bei Mercedes in Stuttgart die Dauererprobung leitet. "Unter extremen Belastungen simulieren wir dort ein Autoleben im Zeitraffer und stellen sicher, dass auch in Kuala Lumpur oder Kapstadt hält, was in Cannstatt zusammengebaut wurde."

Perfekte Geheimhaltung im Südwesten Afrikas

Immer häufiger führen Erprobungsfahrten auch nach Afrika. In Südafrika und im benachbarten Namibia finden die Hersteller ideale Bedingungen, sagt Frank Isenberg, der jahrelang für BMW eine eigene Testcrew in Südafrika leitete. Die Liebe zum "schwarzen Kontinent" kommt nicht von ungefähr. "Dort im Süden ist Sommer, wenn in Deutschland Winter herrscht. So können wir dem Wetter hinterherreisen und Hitzeerprobungen auch in der Skisaison fahren", sagt Isenberg. Außerdem sind die Straßen in einem überraschend guten Zustand und in der Regel eher leer. "Dort kann man auch konstant etwas schneller fahren als auf unseren staugeplagten Autobahnen", heißt es bei manchem Testfahrer.

Isenberg zum Beispiel erinnert sich an eine schnurgerade Landstraße bei Lüderitz, auf der sein Team vor ein paar Jahren in zwei Wochen mit zwei Autos exakt 50.000 Kilometer abgespult hat. "Bei uns wäre das undenkbar." Allerdings musste er damals den Sprit noch einfliegen lassen und per Pick-up zu den Autos bringen. "Heute ist die Benzinqualität in Namibia so gut, dass uns die Labors in München grünes Licht geben und die Testfahrer vor Ort tanken können."

Harte Offroad-Pisten aller Holprigkeitsgrade

An Namibia und Südafrika schätzen die Tester aber nicht nur den Teer. Denn wenn es bei der Erprobung um die Geländefähigkeit geht, verlangt dort schon eine Straße zweiter Ordnung von einem Allradler mehr, als jeder deutsche Autofahrer von seinem Fahrzeug erwarten würde. Und wenn Autos wie der VW Tiguan, der BMW X5 oder die Mercedes M-Klasse mehr zeigen sollen, gibt es allerorten ausgetrocknete Flussbetten oder steinige Gebirgspfade, auf denen man die extreme Geländegängigkeit auf testen kann. "Dabei machen auch die Entwickler gewöhnlicher Limousinen immer wieder wichtige Erkenntnisse", sagt Isenberg und erinnert an die Erprobung des letzten BMW 7ers. Bei dem beschädigte Steinschlag auf den Schotterstraßen Namibias regelmäßig den Tank. "Deshalb haben wir hier in Afrika eine Schutzleiste ausgetüftelt, die dann in Serie übernommen wurde."

Der Süden Afrikas bietet auch logistische Vorteile: Es gibt keine Zeitverschiebung, so dass man aktuelle Messergebnisse oder andere Erkenntnisse am Telefon umgehend mit den Kollegen in der Zentrale besprechen kann. Und während an den üblichen Teststrecken, etwa im amerikanischen Death Valley oder im schwedischen Arjeplog, mittlerweile nicht nur die professionellen Fotografen der Fachmagazine, sondern oft genug auch Urlauber mit großen Teleobjektiven auf der Lauer liegen, "gibt es hier in Südafrika noch nicht so viele neugierige Augen", sagt Isenberg. Außerdem sagt er: "Hier arbeitet man einfach effektiver. Auf der Teststrecke in Aschheim bei München gelten die normalen Arbeitszeiten, man fährt bis Feierabend und danach will jeder schnell nach Hause. In Afrika ist das Alternativprogramm weniger verlockend. Wenn es sein muss, fährt man hier von Sonnenauf- bis –untergang."

Dichtes Logistiknetz im Süden Afrikas

Die Autohersteller sind gerüstet. So nutzt zum Beispiel BMW das Werk in Südafrika als logistische Basis für Erprobungsfahrten, Mercedes kann seine Erlkönige in der Fabrik in East London in der Kap-Region aufbereiten, und Audi hat angeblich ein eigenes Testcenter in Namibia errichtet. Offizielle Angaben dazu gibt es in Ingolstadt zwar nicht. Doch die gerade einmal 80.000 weißstämmigen Einwohner im ehemaligen Deutsch-Südwest sind gut vernetzt und fast alle im Tourismus beschäftigt. Dort sprechen sich solche Informationen schnell herum.

Kein Wunder also, dass Fritz Flachberger, der nördlich der Hauptstadt Windhoek die Gästefarm "Okapuka" betreibt, zumindest ungefähr weiß, dass die Bayern mit großem Tross zum Testen kommen und teilweise mehr als hundert Autos auf den Straßen haben. Nur genau sagen will er es lieber nicht. Schließlich gehören die Autotester zu seinen besten Kunden. "Hier sind einfach alle unterwegs. Heute Mercedes, morgen Audi, übermorgen VW und dann wieder Porsche."

Ein Hersteller ließ sogar den Flughafen ausbauen

Ins Land kommen die Erlkönige aus Kostengründen meist mit dem Schiff. "Doch wenn es eilig ist oder man die Fahrzeuge nicht für solch lange Transportetappen entbehren kann, werden sie auch eingeflogen", erzählt Isenberg und berichtet von einem Wettbewerber, der dafür eigens den Flughafen der südafrikanischen Stadt Upington ausbauen ließ. "Jetzt können dort auch große Transport-Jumbos landen."

Natürlich geht es den Testern bei der sogenannten Heißland-Erprobung vor allem darum, rechtzeitig vor Beginn der Serienproduktion unter extremen Belastungen versteckte Mängel aufzuspüren, die auch Kunden in unter extremen Klimabedingungen stören könnten. Doch gelegentlich werden die Autos auch mit Herausforderungen konfrontiert, gegen die alle Entwickler machtlos sind. Sandstürme zum Beispiel, sagt Isenberg. Die seien bisweilen so aggressiv, dass die Autos danach bis aufs Metall blank geschliffen seien und die Frontscheibe aussieht, als wäre sie aus Milchglas. "Dagegen ist nun wirklich kein Kraut gewachsen."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.