Vorurteile im Straßenverkehr "Porschefahrer sind schlechte Liebhaber"

Frauen können nicht einparken? Alle Audi-Besitzer haben Dackel? Vorurteile über Autofahrer gibt es mindestens so viele wie Ampeln an deutschen Straßen. SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten augenzwinkernd von ihren Erkenntnissen.

Von Florian Harms


Hamburg - Das Schöne an Vorurteilen ist, dass man sie nicht begründen muss. Wenn der Nachbar nach seinem Urlaub auf die chaotischen Autofahrer in Italien schimpft, nickt man beifällig und steuert gern eine ähnliche Reiseerfahrung bei. Wenn eine Lokalzeitung berichtet, dass "laut einer repräsentativen Umfrage" vier Fünftel aller deutschen Männer das andere Geschlecht für Dilettantinnen hinterm Steuer halten, lächeln sogar Frauen - wenn auch müde.

Doch am schönsten ist ein Vorurteil dann, wenn man sich an ihm reiben kann. Dazu muss man entweder ganz persönlich vom Spott betroffen sein oder man hört - was leider nur selten vorkommt - ein bestimmtes Stereotyp zum ersten Mal. SPIEGEL ONLINE hat seine Leser gefragt, zu welchen pauschalen Erkenntnissen sie im deutschen Straßenverkehr gelangt sind. Die Ergebnisse bestätigen zum Teil Bekanntes, liefern aber auch überraschende Einsichten.

Eher zu den gängigen Fällen gehört, was Leser Willy beschreibt: "Alle Fahrer eines (getunten) VW Golf drängeln, fahren zu schnell und aggressiv, hängen ständig mit der Birne mittig unter dem Innenspiegel, tragen auch früh morgens oder spät abends eine Sonnenbrille und halten dabei mit der linken Hand das Lenkrad mit ausgestrecktem Arm am höchsten Punkt fest. Meistens sind sie gerade mal 18 Jahre alt und ziehen ein ganz ernstes Gesicht, so als ob Nadeln im Sitz stecken würden." Auch Oliver Kirwa dürfte mit seiner Meinung nicht allein stehen, wenn er schreibt: "Wenn ein Auto auf der Autobahn dicht auffährt oder drängelt, ist es fast immer ein BMW. Das ist kein Vorurteil, das ist einfach so."

Ralf Devree hat seine Beobachtungen ganz generell auf die Fahrer von Oberklassewagen ausgeweitet: "Je größer das Auto (Mercedes, BMW, Audi), desto schlechter die Blinker. Es ist wirklich nicht zu fassen, wie oft Fahrer dieser Fahrzeuge an Kreuzungen oder im fließenden Verkehr das Blinken vergessen." Auch über eine Lösung für das Ärgernis hat Herr Devree nachgedacht: "Vielleicht sollten die Hersteller eine Blinker-Automatisierung realisieren. Im Gegensatz zu Regensensor und Co. nutzt diese Erfindung dem restlichen Straßenverkehr."

Hilfe, sie kommen!

Besonders beliebte Vorurteile machen sich an Nummernschildern fest. Wenn der Vordermann auf der Autobahn abrupt bremst, kühlt man seinen Ärger, indem man sein Kennzeichen verspottet. So wird das COE für Coesfeld schnell zum "Chaos ohne Ende", das Aschaffenburger AB zu "Alles Blinde" und das DGF für Dingolfing-Landau zu "Das Gehirn fehlt".

SPIEGEL-ONLINE-Leser Dirk Lenzen hat noch mehr Beispiele gesammelt: "Als Bürger einer Stadt, die von vielen ländlich geprägten Kreisen umgeben ist, deren Einwohner regelmäßig zum Wochenende in die Stadt einfallen, muss ich feststellen, dass die teilweise chaotische Fahrweise dieser 'Landeier' zu einigen amüsanten Beschreibungen geführt hat. Hier ein paar Beispiele aus der Kennzeichenschule des geplagten Städters: HSK für Hochsauerlandkreis meint 'Hilfe, sie kommen!' EN für den Ennepe-Ruhr-Kreis heißt eigentlich 'Europas Narren' und BOT für Bottrop steht für 'Bauer ohne Traktor'."

Auch Markus Ferdinand, der sich selbst augenzwinkernd als "Schnurrbartträger" beschreibt, hat einschlägige Erfahrungen gesammelt. "Nach 20 Jahren unfallfreien Fahrens zog ich von Köln nach Bergheim", schreibt er und übersetzt das dortige Kennzeichen kurzerhand mit "bereifte Mörder". "Einen Tag nach der Zulassung verursachte ich meinen ersten verschuldeten Unfall. Beim nächsten Auto, einer 'Rentnerschüssel' namens Audi 80, legte ich mir ein BM-Nummernschild zu. Nun fahre ich so, wie es mir Spaß macht, und kann alles auf Auto und Nummernschild schieben. Denn ich erfülle ja nur die gängigen Vorurteile."

Mit dem Fiesta noch in die kleinste Parklücke - als Frau

Noch bemerkenswerter sind die Erfahrungen von Markus Böttner, die er nicht hinterm, sondern neben dem Steuer gesammelt hat: "Ich bin zwar, weil ich seit zirka sieben Jahren blind bin, selbst kein Autofahrer, aber als Beifahrer bin ich recht professionell. Auf diese Art und Weise kann ich mich gut auf die Fahrkünste der jeweiligen Fahrer konzentrieren." Dass nur Frauen Schwierigkeiten mit dem Einparken haben sollen, hält er für eine falsche Beobachtung. "So pauschal kann man das nicht vom Geschlecht abhängig machen. Ein Beispiel: Meine Ex-Freundin hat mich mehrfach dazu 'gezwungen', durch die Fahrertür auszusteigen, weil sie ihren Fiesta ohne Servolenkung in der Tat irgendwie überall eingeparkt hat. Sowohl die weiblichen als auch die männlichen Mitglieder meiner Familie fragten regelmäßig: 'Wie hast du den denn da hineinbekommen? Wurden die Mauer und die beiden daneben geparkten Autos im Nachhinein um dein Auto herumgestellt?' Da kann man sich also nicht beschweren."

Ein anderes Mal habe ein männlicher Bekannter das rechte Vorderrad seines BMW 3 beim Ausparken auf einem Supermarkt-Parkplatz auf einen Beton-Abgrenzungsstein gerammt. Doch damit nicht genug: "Der Fahrer sprang hinaus, rannte nach vorne, schimpfte und schrie - als ihm plötzlich auffiel, dass er beim Aussteigen vergessen hatte, die Handbremse festzuziehen. Das Auto rollte rückwärts von dem Klotz hinunter, und selbst mein Festziehen der Handbremse konnte nicht verhindern, dass der rechte Nebelscheinwerfer fortan bis zum nächsten Werkstattbesuch im Freien hing…" Die hohe Kunst des Ein- und Ausparkens scheint also gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt zu sein.

Ein Vorurteil allerdings betrifft laut SPIEGEL-ONLINE-Leserin Ella ausschließlich Männer, und unter diesen auch nur eine ganz spezielle Spezies: "Eine Umfrage unter Freundinnen hat empirisch bewiesen, was ich schon immer vermutet hatte: Porsche-Fahrer sind schlechte Liebhaber."



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