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07. Juni 2017, 10:10 Uhr

VW-Abgasskandal

Erfolglos umgerüstet

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Mit einem einfachen Software-Update wollte Volkswagen manipulierte Diesel sauber machen. Experten waren skeptisch. Interne Dokumente belegen nun, dass auch umgerüstete VW Dreckschleudern bleiben - und VW das wusste.

Nicht nur VW-Kunden haben sich im November 2015 gewundert: Ein simples Update sollte reichen, um Diesel-Golfs, -Tourans oder -Passats, deren Abgassystem umfassend manipuliert worden war, sauber zu machen? Und zwar so, dass sie nicht nur beim Labortest die scharfen Stickoxid-Grenzwerte einhielten, sondern auch auf der Straße? Wenn das so einfach wäre, warum hatten die VW-Ingenieure dann nicht gleich die Autos mit dieser Software ausgeliefert?

Im Verkehrsministerium schien man sich diese Fragen nicht zu stellen, denn genau diese schnelle Software-Lösung hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) mit dem Vorstand des Wolfsburger Autoherstellers in der Hochphase des Abgasskandals Ende 2015 ausgehandelt. Fachleute haben allerdings damals schon Bedenken angemeldet, wie solch eine technische Verwandlung möglich sein soll.

Jetzt zeigt sich, dass die Zweifel der Experten in den Erfolg der Umrüstaktion, mit Kosten von nicht einmal 100 Euro pro Fahrzeug verdächtig günstig, berechtigt waren. Das jedenfalls legen interne Unterlagen nahe, die dem ZDF vorliegen und der SPIEGEL einsehen konnte. Demnach ist das Abgasproblem dieser VW Diesel noch lange nicht behoben.

900 mg NOx pro Kilometer - für VW kein Problem

Mit der neuen Software von Volkswagen bekamen die Dieselautos gleich mehrere Abschalteinrichtungen installiert, die zu hohen Stickoxidemissionen im Straßenverkehr führen. Abschalteinrichtungen können laut EU-Verordnung nur ausnahmsweise erlaubt sein. Doch das Kraftfahrt-Bundesamt KBA genehmigte die neue Software mit dem Hinweis: "Die vorhandenen Abschalteinrichtungen wurden als zulässig eingestuft", so das KBA in seinem Freigabeschreiben, das dem ZDF vorliegt und heute in der Sendung "ZOOM: Geheimakte VW - Wie die Regierung den Konzern schützt" (ZDF, 22:45 Uhr) präsentiert wird.

Das KBA selbst will dazu keine Stellung nehmen und verweist an das Verkehrsministerium, dem es unterstellt ist. Das Verkehrsministerium wiederum erklärt auf Nachfrage des ZDF, dass Freigaben der Updates von dem KBA erfolgen, "wenn das KBA sich von der Wirksamkeit der optimierten Emissionskonzepte überzeugt hat und keine Zweifel an der Zulässigkeit der optimierten Konzepte bestehen."

VW hatte offenbar von Anfang an nicht die Absicht, die Stickoxidemissionen durch das Update drastisch zu senken. Das legt ein vertrauliches Papier des VW-Konzerns vom November 2015 nahe. Darin definiert VW selbst "Zielwerte" für den Stickoxidausstoß nach dem Software-Update. Im Straßenbetrieb liegt dieser Zielwert bei dem "Faktor 3 bis 5" über dem Grenzwert. Anstatt der erlaubten 180 mg/km NOx sollte das Auto nach dem Update 540 bis 900 mg/km NOx ausstoßen. Nur im offiziellen Labortest sollte laut VW der Grenzwert eingehalten werden. Diese "Zielwerte Volkswagen" für das Software-Update sind laut dem vertraulichen Papier des VW-Konzerns "inhaltlich mit den Zulassungsbehörden (KBA) und dem Rechtswesen vereinbart".

Dobrindt wieder mal unter Druck

Volkswagen erklärt gegenüber dem ZDF, "dass die betroffenen Fahrzeuge alle gesetzlichen Anforderungen nach Umsetzung der technischen Maßnahmen vollumfänglich erfüllen". Außerdem gelten die Schadstoff-Grenzwerte nach Ansicht von VW nur für den offiziellen Labortest: "Dagegen sind die Grenzwerte nicht auf den regulären Straßenbetrieb anzuwenden", so VW in seiner Stellungnahme. Dem widerspricht der Umweltrechtler Martin Führ von der Hochschule Darmstadt. Er sagte dem ZDF: "Die Grenzwerte gelten beim Betrieb des Fahrzeugs, egal wo es betrieben wird, denn nur so lässt sich die Gesundheit der Bürger effektiv schützen, und genau das ist ja Ziel der Europäischen Verordnung."

Für Verkehrsminister Dobrindt kommen die Enthüllungen zur Unzeit. Er steht wegen seiner Handhabung der Dieselaffäre ohnehin unter Druck. Die Opposition im Deutschen Bundestag wirft ihm vor, den Gesundheitsschutz der Bürger zu ignorieren und die Interessen der Autoindustrie zu schützen. So hat sie es auch in den Abschlussbericht des Volkswagen-Untersuchungsausschusses des Parlaments geschrieben, der seinen Bericht in Kürze vorlegen wird. Vergangene Woche hatte Dobrindt versucht, sich der Kritik zu entledigen. Er preschte mit dem Befund seiner Prüfbehörden vor, wonach bei einem Audi A8 eine illegale Abschalteinrichtung gefunden worden war.

Bei der Behebung dieses Missstands greift Dobrindt allerdings auf ein so bekanntes wie umstrittenes Mittel zurück: ein Software-Update soll auch dieses manipulierte Abgassystem wieder in Ordnung bringen.

Die Sendung "Zoom: Geheimakte VW - Wie die Regierung den Konzern schützt" sehen Sie heute am Mittwoch, 7. Juni um 22:45 im ZDF

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