Abgasaffäre Wie VW den Betrug perfektionierte

Erst schummelten die Ingenieure, dann vertuschten sie: Der Bericht der US-Justizbehörde über die VW-Abgasaffäre liest sich wie das Drehbuch eines Thrillers. Die wichtigsten Eingeständnisse des Autoherstellers im Überblick.

VW-Logo in den USA
REUTERS

VW-Logo in den USA


Leonardo DiCaprio wollte keine Zeit verlieren: Wenige Wochen nach Bekanntwerden des VW-Abgasbetrugs sicherte sich der Hollywoodstar die Filmrechte an einem geplanten Buch über die Machenschaften des Autokonzerns. Auch der Streamingdienst Netflix hat bereits angekündigt, das Dieseldrama zu verfilmen. Der Stoff taugt wohl für einen Wirtschaftsthriller, mindestens aber für eine Satireserie.

In der Realität hat die Abgasaffäre gerade einen weiteren Höhepunkt erreicht, das US-Justizministerium hat VW eine Geldstrafe von 4,3 Milliarden Dollar aufgebrummt. Ein Rekord, kein Autokonzern musste bis jetzt eine höhere Summe zahlen.

VW hatte sich zuvor schuldig bekannt. Im Zusammenhang mit den Vergleichszahlungen veröffentlichte das US-Justizministerium ein sogenanntes Statement of Facts. Darin, so heißt es in einer Pressemitteilung von VW, werden "die gewonnenen Erkenntnisse und Fakten über die Entstehung und Entwicklung der Dieselverfehlungen" wiedergegeben. Es handelt es sich also um ein Eingeständnis von VW. So, wie die Affäre in dem Dokument beschrieben wird, soll sie sich zugetragen haben.

Die wichtigsten Auszüge aus den "Dieselverfehlungen" im Überblick:

  • Mit dem Projekt "Clean Diesel" wollte VW ab dem Jahr 2006 seine Marktanteile in den USA ausbauen, Käufer sollten mit einer "umweltfreundlichen" Antriebsart gelockt werden. Aber die Ingenieure scheiterten an der Aufgabe. Ihre Motoren konnten nicht die vorgeschriebenen Stickoxid-Grenzwerte einhalten und gleichzeitig attraktiv für Kunden sein.
  • Einziger Ausweg für die Ingenieure und fünf namentlich genannte Manager schien die Verwendung einer Betrugssoftware. Durch sie erkannte das Auto, wenn es sich in einem Testbetrieb für die Ermittlung des Abgasausstoßes befand. Es reduzierte dann die Emissionen. In Wahrheit war der Stickoxid-Ausstoß auf der Straße um das 40-fache höher.
  • Das ursprüngliche Konzept für die Betrugssoftware stammte von Audi, einer Schwestermarke von VW. In den Jahren darauf kam die Software dann sowohl in den VW-Fahrzeugen mit 2-Liter-Dieselmotoren als auch in Autos von Porsche und Audi mit 3-Liter-Dieselmotoren in den USA zum Einsatz.
  • Im Jahr 2012 traten in den USA bei Dieselautos aus dem VW-Konzern Mängel an bestimmten Bauteilen auf. Die Ingenieure führten das auf die Betrugssoftware zurück; sie sorgte teils dafür, dass die Abgasbehandlung der Autos auch im Alltagsbetrieb korrekt funktioniert; dadurch wurden Bauteile überstrapaziert.
  • Daraufhin "perfektionierten" die Ingenieure (im Dokument der US-Behörde werden sie als "Mitverschwörer" bezeichnet) die Betrugssoftware. Fortan erkannte das Programm am Einschlagwinkel des Lenkrads, ob das Auto gerade einen Test durchläuft und sauber sein muss, oder ob es frei unterwegs ist und dreckig sein darf.
  • Im März 2014 stellten Umweltwissenschaftler des International Council on Clean Transportation (ICCT) bei Untersuchungen von VW-Dieselautos fest, dass diese im Alltagsbetrieb extrem viel Abgas ausstoßen. Das rief die kalifornische Umweltbehörde (CARB) auf den Plan.
  • Konfrontiert mit den verheerenden Testergebnissen leugnete VW zunächst die Verwendung einer Betrugssoftware. Der Autohersteller begründete die hohen Abgaswerte stattdessen mit technischen Problemen.
  • Über einen Zeitraum von 18 Monaten versuchte VW, das Lügengebilde aufrechtzuerhalten. So lange, heißt es in dem Statement of Facts, hat der Konzern die Behörden daran gehindert, die Wahrheit aufzudecken.

Erst am 19. September 2015 gab Volkswagen zu, in rund einer halben Million Dieselautos in den USA eine Betrugssoftware zu verwenden. Daraus wurden kurz darauf elf Millionen Autos weltweit. (Die darauffolgenden Ereignisse bis Ende des Jahrs 2016 sind in dieser Chronologie aufgelistet.)

Kein Ende in Sicht

Die in dem Statement of Facts festgehaltenen Erkenntnisse stützen sich auf bisherige Ermittlungen der US-Justiz und interne Investigationen von VW. Die Behörden sind sich indes sicher, dass noch mehr ans Tageslicht kommen wird. "Tausende Seiten" möglicherweise belastender Beweisdokumente seien von Mitarbeitern von VW und Audi im Vorfeld der Untersuchungen vernichtet worden. "Die Ermittlungen des Justizministeriums gegen Einzelpersonen", heißt es in dem Dokument, "werden fortgeführt".

DiCaprio wird noch einige spannende Szenen für seinen Film geliefert bekommen. Im Vorspann wird er einblenden können: "Nach einer wahren Begebenheit".

cst

insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
malu501 12.01.2017
1. Und in Deutschland
sorgt Herr Dobrindt dafür, dass das alles schön weiter unter dem Teppich bleibt, wo er es zuvor höchstpersönlich hingekehrt hat. Dieser Mann gehört nicht ins Parlament, sondern als Mittäter vor Gericht!
wokrei 12.01.2017
2. Betrugssoftware: Und davon will M. Winterkorn nichts gewusst haben?
"Das ursprüngliche Konzept für die Betrugssoftware stammte von Audi, einer Schwestermarke von VW": Dazu muss man nur in Wikipedia unter "Winterkorn" suchen und siehe da: "Nach Tätigkeiten im Forschungsbereich bei der Robert Bosch GmbH wechselte er 1981 als Assistent des Vorstands für Qualitätssicherung zu Audi. Anfang 1988 wurde er Bereichsleiter der "Zentralen Qualitätssicherung" und zwei Jahre danach zum Leiter der Audi-Qualitätssicherung. Am 1. März 2002 wurde Winterkorn Vorsitzender des Vorstands der Audi AG. Er leitete die zum 1. Januar 2002 neu gebildete Markengruppe Audi, zu der neben Audi die Marken Seat und Lamborghini gehörten. Außerdem leitete er dort seit dem 16. Januar 2003 den Geschäftsbereich "Technische Entwicklung". In seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender der Audi AG saß Winterkorn seitdem im Vorstand der Volkswagen AG. " und weiter: "Nach der Zustimmung des Aufsichtsrats vom 17. November 2006 trat er am 1. Januar 2007 die Nachfolge von Konzern-Chef Bernd Pischetsrieder als Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG an. Hier nahm er einen kompletten Stab an Mitarbeitern mit, darunter u. a. den Chefdesigner Walter Maria de Silva und den damaligen Entwicklungschef Ulrich Hackenberg. Als direkter Vorgesetzter leitete er weiterhin die Geschäftsbereiche Vertrieb sowie Forschung und Entwicklung im Volkswagenwerk Wolfsburg." NOCH FRAGEN???
Spiegelleserin57 12.01.2017
3. wie oft noch????
sollen wir diese Fakten lesen? Was soll damit bewirkt werden besonders vor dem Hintergrund dass auch viele andere Automobilhersteller das Gleiche getan haben? VW istwirklich nicht der einzige Autohersteller und nund sollte doch endlich mal das Thema zu wichtigeren gewechselt werden. Gibt es wirklich etwas Neues? Das kann ich nicht erkennen.
regula2 12.01.2017
4. Piech
Wenn doch nur Piech davon gewusst hätte, wer das alles nicht passiert. Viellecht aber auch nur deshalb.
H-Vollmilch 12.01.2017
5.
Zitat von Spiegelleserin57sollen wir diese Fakten lesen? Was soll damit bewirkt werden besonders vor dem Hintergrund dass auch viele andere Automobilhersteller das Gleiche getan haben? VW istwirklich nicht der einzige Autohersteller und nund sollte doch endlich mal das Thema zu wichtigeren gewechselt werden. Gibt es wirklich etwas Neues? Das kann ich nicht erkennen.
Sie haben Belege das andere Hersteller auch so eine Software verbaut haben? Bitte leiten sie das an die Behörden weiter!
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