Fotostrecke

VW Bulli: Die Chancen stehen nicht schlecht

VW Bulli Cool, aber vielleicht zu teuer

Beim Autosalon in Genf stahl er den meisten anderen Modellen die Schau: Die Microbus-Studie Bulli eroberte die Herzen der Autofans im Nu. Jetzt schreit das Volk nach dem Auto, ebenso wie VW-Händler. Doch der Konzern gibt sich ungewohnt zögerlich - die Controller rechnen noch, heißt es.

Das grelle Licht und die ohrenbetäubend laute Musik übertünchten jede Nuance, als VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg gemeinsam mit seiner Designer-Truppe die Studie des Bulli präsentierten. Hätten sie auf das Spektakel verzichtet, dann hätten sie vielleicht die ehrfürchtige Stille wahrgenommen, die sich unter den Anwesenden ausbreitet - denn kaum einer der anwesenden Journalisten konnte sich der Faszination dieses Autos entziehen.

Das Publikumsecho draußen im Lande war ähnlich positiv. Gut messen ließ sich das zum Beispiel an den Zugriffszahlen auf die ersten Bilder bei SPIEGEL ONLINE. Mehr als 170.000 Leser informierten sich über die näheren Details - und bewunderten die Bilder.

"Sehr, sehr positiv" seien die Reaktionen gewesen und überhaupt habe es ein "enormes Feedback" auf die Studie Bulli gegeben, heißt es auch bei VW. Beim Autosalon in Genf hatten die Wolfsburger einen sechssitzigen Minivan enthüllt, der schnörkellos designt und mit iPad-Bedienung modern eingerichtet war, zugleich aber auch durch eine Zweifarblackierung und den klangvollen Namen Bulli die VW-Nostalgiker zum Schwärmen brachte. Denn der Ur-Bulli, das VW-Modell T1, gebaut von 1950 bis 1967 in rund 1,8 Millionen Exemplaren, war einer der Motoren des Wirtschaftswunders in Deutschland.

Das neue Modell hätte eine ganz andere Aufgabe: Im boomenden Segment der so genannten Minivans, also der kleinformatigen Familienautos mit variablem Innenraum, ist VW bislang nicht vertreten. Knapp 180.000 Fahrzeuge dieses Typs wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt im vergangenen Jahr in Deutschland neu zugelassen, in den ersten beiden Monaten dieses Jahres kletterten die Minivan-Neuzulassungen hierzulande gar um rund 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Marktführer ist bislang das Modell Opel Meriva, ein variabler Fünfsitzer mit ungewöhnlichen Portaltüren und einem Einstiegspreis von derzeit 16.150 Euro.

"Wir sehen gute Vermarktungschancen für ein Auto wie die VW-Studie Bulli", sagt Michael Lamlé, Geschäftsführer des Audi- und VW-Händlerverbands. "Der Wagen würde eine Lücke im VW-Modellprogramm füllen." Es ist also wie so oft: VW entdeckt neue Marktnischen erst mit immenser Verzögerung. Das war bei Kompaktvan Touran so, das galt ebenfalls für den Kompakt-SUV Tiguan. Dann aber rollten beide Modelle die jeweiligen Segmente von hinten auf und sind heute Marktführer.

Im Minivan-Segment könnte mit dem VW Bulli Ähnliches gelingen. Doch bislang gibt es noch keine Entscheidung, ob das Auto gebaut werden soll. Wie man hört, sei die Frage der Rentabilität eines solchen Modells noch nicht geklärt. Der Minivan-Markt sei ein "sehr preissensibles Segment", sagen VW-Mitarbeiter, daher müsse noch viel gerechnet werden.

Vor zehn Jahren träumte VW schon einmal von einem coolen Van

Schon einmal ging eine solche Rechnung nicht auf. 2001 stellte VW die Studie Microbus vor, ebenfalls ein Bulli-Remake, allerdings mit 4,75 Meter Länge deutlich größer als das jetzige Modell (3,99 Meter) und auch das Original aus den fünfziger Jahren (4,15 Meter). Der coole Retro-Van von vor zehn Jahren war im kalifornischen VW-Designstudio gestylt worden und sollte vor allem die US-Kunden mit Hippie- und Flower-Power-Anklängen betören; gebaut werden aber sollte das Auto in Hannover - und damit war das Projekt schon aus Währungsgründen gestorben. 2004 wurde der Microbus vom damaligen VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder offiziell beerdigt.

Die Chancen des neuen Bulli scheinen jedoch besser zu stehen, vor allem, weil er sich im Wesentlichen aus dem VW-Konzernbaukasten zusammensetzen ließe. Die technische Basis des Autos ist der so genannte modulare Quer-Baukasten (MQB), zu dem sämtliche Komponenten aller Modelle mit quer eingebauten Frontmotoren gehören. Der MQB wird im kommenden Jahr erstmals auf die Straße kommen, und zwar in den neuen Modellgenerationen von Audi A3 und VW Golf. Für den Bulli also müsste nichts Grundsätzliches neu entwickelt werden.

Ein Bulli mit Elektromotor? Oder doch mit den bekannten VW-Antrieben?

Auf der Messe in Genf stand die Studie übrigens mit Elektroantrieb. Ein 115 PS starker Elektromotor vor der Vorderachse sowie ein 40 kWh großes Lithium-Ionen-Akkupaket bilden bei dem Prototypen die Antriebseinheit. So bestückt, seien eine Reichweite von 300 Kilometern, ein Spurtvermögen von 0 auf 100 in 11,5 Sekunden und eine limitierte Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h möglich, teilte VW mit. Zugleich würde der Bulli als Elektromobil nach heutigen Maßstäben nahezu unerschwinglich für ein Auto dieser Größe. Es würden aber auch, beeilte sich VW mitzuteilen, die bekannten Verbrennungsmotoren von 1,0 bis 1,4 Liter Hubraum in den Vorderwagen passen.

Deutet das schon darauf hin, dass eine Serienfertigung des Bulli "in Konzernkreisen als wahrscheinlich" gelte, wie die Branchenzeitschrift "Automobilwoche" schreibt? "Derzeit ist alles zu diesem Thema noch Spekulation", sagte ein VW-Mann zu SPIEGEL ONLINE. Eine Entscheidung zum Bulli soll, so heißt es, noch in diesem Jahr fallen. Fiele sie positiv aus, käme das Serienmodell vermutlich 2014 auf den Markt.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.