VW Bus Chameleon Retrochic trifft Hightech

Er sieht aus, als wäre er von gestern. Doch seine Technik ist von morgen: Im Electronic Research Laboratorium (ERL) im kalifornischen Palo Alto haben die Forscher von VW einen wunderschönen Samba-Bus gebaut, dem man den Forschritt erst auf den zweiten Blick ansieht.


Technik ist nur gut, wenn man sie nicht sieht. Dieses Credo hatten offensichtlich die Forscher des Electronic Research Laboratorium in Palo Alto im Sinn, als sie ihr jüngstes Konzeptauto auf die Räder stellten. Denn obwohl das Team in Kalifornien für den VW-Konzern eigentlich weit in die Zukunft blicken soll, hat es diesmal die Vergangenheit bemüht und statt eines futuristischen Vans einen Samba-Bus aus dem Jahre 1964 gebaut.

Aber der erste Eindruck täuscht: Die alte Hülle steckt voller neuer Errungenschaften. "Mit dem Ziel, den klassischen Look des Oldtimers zu bewahren, haben wir uns für dieses Konzeptfahrzeug 'Hidden Technologies', versteckte Technologien, auf die Fahnen geschrieben", erläutern die VW-Forscher. "Das passt auch zum Ansatz von Volkswagen, wonach der technische Fortschritt zwar das Fahrvergnügen steigern soll, den Fahrer aber nicht ablenken darf."

Also sieht der Forschungsbus mit dem bezeichnenden Beinamen "Chameleon" zunächst genau so aus, wie Tausende andere VW Busse auch, die in den Hochzeiten der Flower-Power-Ära zum Sinnbild für das freie Lebensgefühl an der US-Westküste wurden. Man meint, Scott McKenzie zu hören, wenn der 64er Samba-Bus vor der Golden Gate Bridge in San Francisco in der Sonne glänzt, das Licht durch die 21 Fenster flutet, eine leichte Brise zu den nach außen geöffneten Frontscheiben hereinweht und die Surfbretter auf dem Dach das Verlangen nach dem nächsten Wellenritt schüren.

Ein Forschungsmobil in der Haut eines Kultautos von 1964

Aber runter mit der rosa Brille. Dieses Auto ist kein Oldtimer, sondern ein Stück Zukunft, mit dem die Forscher knapp 20 neue Technologien ausprobieren. Um das zu erkennen, muss man ihm nur genau in die großen, treuen Scheinwerferaugen schauen. Dann sieht man in den breiten Chromringen keine Glühlampen, sondern Leuchtdioden - übrigens auch in den Rücklichtern. Die halten ein Autoleben lang, besitzen mehr Strahlkraft und können besser gesteuert werden – wenn die Technik demnächst serienreif ist. Auch die Surfbretter auf den Dach sind nur Attrappe: In ihnen haben die Forscher zwei große Sonnenkollektoren versteckt, die gemeinsam mit den Lithium-Polymer-Batterien im Wagenboden den Strom für einen Elektromotor liefern, der das Knattern des Boxers im Heck ablöst.

Noch größer wird der Schritt in die Zukunft im Cockpit. Zwar sieht auch der Tacho auf den ersten Blick noch genau so aus wie immer. Doch wer genau hinschaut, sieht statt alter Skalenringe ein modernes Runddisplay, auf dem viel mehr angezeigt werden kann als Tempo und Drehzahl. Und dort, wo im elfenbeinfarbenen Lenkrad früher einmal der Knopf für die Hupe war, sitzt jetzt ein winziges Touchpad als zentrales Bedienelement.

Ein Navigationssystem mit Old-School-Symbolik

Mit viel Liebe zum Detail haben die Amerikaner zum Beispiel auch eine spezielle Navigation programmiert, auf der sogar die Symbole für die Sonderziele im Stil der sechziger Jahre gehalten sind. Allerdings nutzt das System keine Landkarten, sondern zeigt die Ziele online und dreidimensional mit Bildern aus Google Earth. So sieht der Fahrer auch von oben auf die Golden Gate Bridge, während er das Baudenkmal gerade überquert. Ebenfalls über das neue Kombiinstrument laufen der MP3-Spieler mit Spracherkennung, der Einparkassistent und natürlich die Rückfahrkamera.

Aber nicht nur die erste Reihe haben die Forscher umgebaut. Auch im Fond hält die Moderne Einzug. Dafür steht ein gewaltiges Home-Entertainment-System mit einem 80 Zoll großen Flachbildschirm, der den Bus zum Kino auf Rädern macht. Weil allerdings in Kalifornien immer die Sonne scheint und die Landschaft viel zu schön ist, um sie mit Vorhängen auszusperren, nutzen die Entwickler auch dafür neue Technik.

Ein Flachbildschirm im Fond - und ein "Aufkleber" am Heck

Der Spezialbildschirm aus den Labors von Sony wurde eigens für helle Räume entwickelt und soll auch bei voller Sonneneinstrahlung gute Kontraste zeigen. In dieses Kino darf allerdings nicht jeder rein. Denn an den Türen sind spezielle Sensoren montiert, die statt der Fingerabdrücke gleich die ganze Handfläche scannen. Daraufhin entscheiden sie im Abgleich mit der Datenbank des Zentralrechners ob die betreffende Person das Auto fahren oder zumindest hereinkommen darf oder aber ganz draußen bleiben muss.

Aber nicht nur das Auto haben die Entwickler zurück in die Zukunft geholt. Sogar an die klassischen Aufkleber am Heck haben sie gedacht. Damit man sich nicht ein für allemal auf einen Spruch festlegen muss, prangt auf der Stoßstange nun eine haudünne Spezialfolie, die wie ein Monitor Texte und Bilder darstellen kann. "So kann jeder seinem Hintermann nach Lust und Laune deutlich machen, was er gerade zu sagen hat", schwärmen die Forscher. Wo gestern noch gegen den Krieg in Vietnam protestiert wurde, kann auf diese Weise heute schon gegen den Einsatz am Golf gewettert werden. Oder man lässt es beim guten alten Peace-Motiv – das passt immer.



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