VW Concept A Volkswagen erfindet sich neu

Volkswagen taut auf. Bei der Weltpremiere der Studie "Concept A" in Berlin tropfte es von den riesigen Eisblöcken der Bühnenkulisse. Dazwischen standen ein Auto, das die Phantasie erhitzte, und VW-Markenchef Wolfgang Bernhard, der eine neue Ära der Marke einläutete.

Von Jürgen Pander


Wasser spritzte, Flammen züngelten und die Eiswände schmolzen still vor sich hin, als Wolfgang Bernhard mit dem "Concept A" auf die Bühne gefahren kam. "Das ist die erste Kostprobe, wie die Zukunft bei VW aussehen könnte", sagte der Vorstandschef der Marke. Passend zum Auto trug er einen grauen Anzug und ein blaues Hemd mit offenem Kragen. Eine Krawatte hätte nicht zur Botschaft gepasst, die Bernhard den rund 700 Gästen mitzuteilen hatte. "Ab 2008", sprach der Topmanager aus Wolfsburg, "wird unsere Produktoffensive beginnen. Die Designer und Entwickler arbeiten bereits intensiv an insgesamt 20 neuen VW-Modellen, und mit zehn von ihnen wird die Marke Neuland betreten."

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Tiguan alias Concept A: Auftritt auf dem Genfer Autosalon

Eine starke Ansage. Sie zeigt zum einen, dass VW offenbar Ernst macht mit einer radikalen Neuausrichtung; und zum anderen, dass in der Vergangenheit wohl viel mehr schief gelaufen ist, als man ahnte. Warum sonst sollte man so vieles so gründlich ändern müssen? Neue Autos sollen nun helfen, Europas größten Autobauer wieder auf Kurs zu bringen. Ein Allradmodell in der Golf-Klasse sei "längst in Richtung Serienreife unterwegs", teilte VW gestern zum Beispiel mit. Und man dürfe ihn sich ruhig so ähnlich wie die Studie "Concept A" vorstellen. "Ein kleiner Bruder des Touareg", sagte Bernhard, "ein Cocktail aus Sportwagen und Geländewagen."

Neue Linienführung gegen die Langeweile

Nun darf man nicht erwarten, dass jemals ein Serienauto, das exakt so aussieht wie die Studie, ein VW-Werk verlassen wird. Vielmehr zeigen die Wolfsburger mit dem "Concept A", dass sie sich auch optisch bewegen wollen. Dass weiter am bereits bei Golf und Passat erkennbaren, neuen VW-Gesicht gefeilt wird, dass auch über unkonventionelle Lösungen wie etwa die gegenläufig öffnenden Türen aus der Studie nachgedacht wird und dass auch ein VW durchaus verwegen und sportlich aussehend darf.

Die Designer Marc Lichte (Exterieur) und Thomas Barchowski (Interieur) haben "Concept A" maßgeblich gestaltet. Auf die Frage, warum denn ein Neubeginn in optischer Hinsicht nötig gewesen sei, antwortet Lichte erfreulich offen. "Weil vorher viele Linien an unseren Autos parallel liefen, und das ist langweilig." In Zukunft sollen die Autos kraftvoller und spannungsreicher modelliert werden. "Schauen Sie sich das Heck des "Concept A" an, einfach geil", sagt Barchowski. Manchmal, ergänzt Kollege Lichte, müsse eben der Anspruch, das Kofferraumvolumen so groß wie möglich zu machen, zurückstehen und stattdessen dem Sexappeal der Vorzug gegeben werden.

Unter der Haube steckt der 1,4-Liter-TSI-Motor

Knackig, muskulös, kraftvoll, wuchtig - solche Adjektive flirrten gestern um das Auto, das VW für Film- und Fotoaufnahmen nach Island fliegen ließ. Dort wurde der Wagen am und auf dem Vatnajökull, Europas größtem Gletscher, inszeniert. "Manchmal hatte ich Sorge, schließlich ist das ein handgefertigter Prototyp", erklärt Lichte. Doch das 4,35 Meter lange Auto mit Allradantrieb, 1,4-Liter-TSI-Motor, 150 PS und 20 Zoll-Rädern schlug sich wacker auf Schnee und Eis. Es konnte auch kein anderes Ambiente sein, denn sämtliche Farben des Wagens sind auf die kühle Schönheit des Eises abgestimmt.

"Glacier metallic" heißt zum Beispiel der blau glimmende Lack, in den Glassplitterchen eingearbeitet sind. Im Innenraum dominieren die Farben Schwarz und Grau-weiß, genannt "Frozen Ice". Die Sitze sind mit einem Stoff namens "Antarktica" bezogen, und der Teppich im Fußraum trägt den Farbton "Icekristall". Das mag geografisch etwas durcheinander gehen, optisch aber fügt sich dieser Farbreigen zu einem stimmigen, blau-grau glänzenden Bild - in das sich ja sogar VW-Markenchef Bernhard mit der Wahl seiner Kleidung einfügte.

Coupé und SUV - beides steckt im "Concept A"

Was "Concept A" wirklich für VW bedeutet, wird man wohl erst in der Rückschau erkennen können. Ein Golf-Geländewagen kommt sicher, vermutlich auch ein Sportwagen in dieser Klasse. Den kann man sich übrigens besser vorstellen, wenn man die untere Hälfte des "Concept A" einfach mal abdeckt - schon erhält man die rassige Linie eines flotten Coupés. Und das Faltdach und die horizontal geteilte Heckklappe lassen den Schluss zu, dass es von VW weitere Cabriolets, moderne Crossover-Modelle und eventuell sogar einen Pick-up geben wird.

Darüber wurde in Berlin gestern Abend nach der Premiere noch lange gefachsimpelt. Stefan Marquard, der "Punk am Herd", und seine Küchenbrigade steuerten Kreationen wie Spaghetti mit Champagnerschaum, Ochsenfilet mit Jakobsmuschel oder Wildlachs mit Honig bei. Die Kamerateams lockten immer wieder prominente Gäste auf die Motorhaube des "Concept A", was die Security-Leute beinahe um den Verstand brachte. Denn schließlich gibt es dieses Auto, das die Zukunft von VW symbolisieren soll, nur ein einziges Mal. Im Hintergrund tropften unterdessen die Eisblöcke leise davon.



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