VW Golf 8 Der Golf ist vom Aussterben bedroht

VW hat in Wolfsburg die neue, achte Generation des Golf enthüllt. Der Deutschen liebstes Auto macht in seiner Neuauflage einen echten Technologiesprung - und könnte trotzdem scheitern.

Volkswagen

Von Thomas Geiger


Es war ein für VW fast schon unerhörter Vorgang: Deutschlands wichtigste Automesse, die IAA, ist in vollem Gange; bei Volkswagen, Deutschlands wichtigstem Autohersteller, steht der neue Golf, sozusagen das Deutschland-Auto, in den Startlöchern; doch Volkswagen zeigt ihn bei der Autoschau in Frankfurt nicht. Statt des Bestsellers präsentieren die Wolfsburger dort den elektrischen ID3. Der neue Golf wird erst jetzt in Wolfsburg der Öffentlichkeit vorgestellt. Wochen später.

Diese Premierenplanung macht deutlich, wie VW aktuell die Prioritäten setzt: Der Golf ist mit 45 Jahren Laufzeit und einer Gesamtproduktion von 35 Millionen Fahrzeugen VWs meistverkauftes Auto. Seine Zukunft sieht der Konzern aber offensichtlich trotzdem im ID3, den Entwicklungsvorstand Frank Welch bei ersten Testfahrten in Südafrika bereits als Golf einer neuen Generation apostrophiert hat. Der wahre Golf wirkt dadurch allerdings schon bei der Premiere wie ein Altmeister auf Abruf.

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Neuer VW Golf: Der letzte seiner Art

Verschärft wird dieser Eindruck durch das - nun ja - eher evolutionäre Design. Klar: In Wolfsburg heißt es im schönsten Prospekt-Sprech, die Kanten seien wieder ein bisschen schärfer und die Linien noch präziser geworden. Doch weil der Golf möglichst vielen Kunden gefallen muss und er wie bisher die im Grunde unveränderte MQB-Architektur nutzt, ändern sich Form und Format kaum.

Nagelneues Altmetall?

"Volkswagen vollführt mit der Neuauflage des Golf und der parallelen Einführung des ID3 einen diffizilen Spagat zwischen alter und neuer Automobilwelt," urteilt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Sollte mit dem ID3 tatsächlich ein neues Zeitalter bei Volkswagen eingeleitet werden, könnte der Dauerbrenner Golf in dieser Form sogar in seine letzte Runde gehen. Zwar räumt Bratzel ein, dass der schnelle Siegeszug der Elektromobilität keineswegs sicher sei. "Sollte dieser jedoch gelingen, könnte der neue Golf schon bald zum alten Eisen zählen", urteilt der Professor.

Nagelneu und schon Altmetall? Entwicklungsvorstand Welsch mag das natürlich nicht gelten lassen: "Der Golf ist auf seine Art genauso modern wie der ID3", verteidigt er seine Schöpfung und sieht bei Generation Acht einen größeren Sprung als bei den meisten Vorgängern. Auch eine Konkurrenz zwischen den beiden Modellen will er nicht erkennen. "Der Golf ist vom ID3 nicht abgehängt, sondern mitgezogen worden, der eine wäre ohne den anderen nicht möglich gewesen." Schon aus Kostengründen mussten die Ingenieure die einzelnen Autos nahe beisammenhalten, sagt Welsch. "Auch wenn man es ihnen nicht ansieht, haben Golf und ID3 abgesehen von Design und Antrieb deshalb überraschend viele identische Teile und gleiche Technologien."

Besonders groß ist der Entwicklungssprung für den Golf bei der Elektronik:

  • Es gibt ein völlig neues Bediensystem mit digitalen Instrumenten serienmäßig, mit einem großen Touchscreen, einem vollwertigen Head-Up-Display, mit mehr Sensorfeldern als Schaltern und einer Sprachbedienung, die an Apples Siri erinnert.
  • Es gibt mehr Assistenzsysteme, die größere Befugnisse haben. So übernimmt der TravelAssist das Lenken und Gas geben nun bis 210 Km/h und macht den Fahrer zum Statisten, der nur noch gelegentlich die Hände ans Lenkrad legen muss.
  • Und es gibt eine bislang beispiellose Vernetzung. Der Golf ist permanent Online, lässt sich mit dem Handy öffnen und integriert Smartphones ebenso wie Amazons Alexa. Außerdem nutzt er erstmals auch die so genannte Car2X-Technlogie und verbindet sich mit seiner unmittelbaren Umgebung. Vorausfahrende Autos zum Beispiel werden mithilfe dieser Technologie zu Sensoren und weisen beispielsweise hinterher fahrende Fahrzeuge frühzeitig auf Gefahren hin.

Runderneuerung auch bei den Motoren

Und auch bei den Triebwerken hat VW noch einmal viel investiert, um die Verbrenner fit für die Zukunft zu machen. Wenn die insgesamt acht neue Antriebsvarianten in die Modellreihe eingeführt sind, wird die Leistungsspanne von 90 bis 300 PS reichen, der Effizienzsprung liegt im Vergleich zu den Vorgängerantrieben bei bis zu 17 Prozent.

  • Bei den Benzinern haben die Niedersachsen den 90 oder 110 PS starken Dreizylinder an der Basis sowie die 130 PS-Version des 1,5 Liter großen Vierzylinders auf das so genannte Miller-Cycle-Brennverfahren umgestellt, das als besonders sparsam und sauber angepriesen wird.
  • Bei den Dieseln - zunächst einem 2,0-Liter mit 115 und 150 PS - führt VW zur Abgasnachbehandlung das so genannte Twin-Dosing ein und spritzt gleich zwei Mal AdBlue in den Auspuff. So sollen die Stickoxid-Emissionen gegenüber dem Vorgänger um angeblich 80 Prozent reduziert werden.
  • Als einziger deutscher Hersteller setzt VW weiterhin auf Erdgas zur CO2-Minderung und bietet deshalb auch den Golf wieder mit einem TGI-Motor an, der Benzin oder Gas verbrennt.
  • Die Niedersachsen rollen den Hybridantrieb breit aus. Als erstes VW-Modell überhaupt wird es den Golf gleich mit fünf elektrifizierten Antrieben geben. Drei Benziner setzen dabei auf einen elektrischen Startergenerator mit 48-Volt-Technologie, der zwar keinen elektrischen Vortrieb ermöglicht, im Alltag durch längere Segelphasen und mehr Rekuperation aber bis zu zehn Prozent Treibstoff sparen soll. Wer tatsächlich elektrisch fahren will, kann zwischen zwei Plug-In-Hybriden wählen: Beide haben eine 13 kWh große Batterie und unterscheiden sich nur in der Systemleistung: Mal gibt's 204 und mal 245 PS. Was es dagegen nicht mehr gibt, ist einen reinen Elektro-Golf. Wer nur mit Strom fahren will, der muss noch die paar Wochen warten und dann einen ID3 kaufen.
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Der VW Golf: Ein Auto, sieben Generationen

Der Golf kommt voraussichtlich im Dezember in den Handel und wird in der Basisausstattung um 20.000 Euro kosten. Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer sieht die Erfolgsgeschichte des Golf trotz aller Anstrengungen in Wolfsburg dem Ende entgegen gehen. "Erstens ist er kein SUV und zweitens ist der ID3 als sein charmanter elektrischer Nachfolger kurz nach ihm im Rennen."

In der nahen Zukunft wird dem Golf der SUV-Boom zu schaffen machen. Danach werde ihm der ID3 zunehmend die Kunden abziehen. "Damit wird der neue Golf der letzte Golf sein, der als Bestseller in die -Geschichte eingeht", prognostiziert Dudenhöffer, der an der Universität Duisburg-Essen lehrt. „Es ist eine paradoxe Entwicklung: in Zukunft sind es die SUV-Vorlieben und der Klimawandel, die den Golf vom Thron stoßen werden.



insgesamt 335 Beiträge
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Seite 1
sandiro 24.10.2019
1. Elektronik
So ein Quatsch. Wer will düse ganze Elektronik. Hat VW wirklich verstanden was der Kunde will? Leichte komfortable einfache Fahrzeuge ohne schnick-schnack.
morkfromork 24.10.2019
2. @1
Den Minderwertigkeitskomplex haben wohl Sie, weil Sie sich keinen leisten können.
ebbe1sand 24.10.2019
3. Kommentar Nr. 1
Was stimmt mit ihnen nicht? Woher der ganze Frust und der Neidkomplex auf jegliche Individualität?
Mertrager 24.10.2019
4. Treu
spon bleibt sich treu. Die Golf-Serie liegt. bei den am häufigsten hergestellten Autos auf Platz 3. Aber hier kommt ein einziges Genöle. Und dann noch der ewige Duddi. Fragt sich, wer hier das Auslaufmodell ist. Eure Autoberichte sind nicht die Sahne.
sandnetzwerk 24.10.2019
5. Das bisschen "Technologie"
ist schlicht unverschämt teuer. Startpreis ohne alles 22000€. VW soll daran eingehen.
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