Antriebe im Vergleich Diesel-Golf schadet dem Klima mehr als Benzin-Golf

Von wegen klimafreundlicher Diesel: Mit Benzinmotor stößt der VW Golf jetzt weniger Kohlendioxid aus als mit Selbstzünder. Dieses Studienergebnis steht für einen Trend.

Mitarbeiter montieren Kotflügel an einen VW-Golf
Julian Stratenschulte/ DPA

Mitarbeiter montieren Kotflügel an einen VW-Golf

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Trotz Abgasskandal halten Autoindustrie und Politik am Diesel fest. "Wir brauchen den Diesel, um Klimaschutzziele zu erreichen" - das sagte unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Weil sie vergleichsweise wenig Sprit verbrauchen, gelten Dieselfahrzeuge vielen als unverzichtbar im Kampf gegen steigende Emissionen.

Die Zeiten des überlegenen Diesels sind einer Studie zufolge jedoch vorbei - zumindest bei Deutschlands meistverkauftem Auto. Die durch den Abgasskandal bekannt gewordene Umweltorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT) und das Joint Research Center der Europäischen Kommission hatten die CO2-Emissionen von zwei VW Golf-Varianten mit beinahe identischen Fahrleistungen verglichen:

  • Das Euro-6-Dieselmodell 2.0 TDI mit einer Leistung von 110 kW, einer Höchstgeschwindigkeit von 214 km/h und einer Beschleunigung von null auf 100 km/h in 8,6 Sekunden aus dem Modelljahr 2016.
  • Den Euro-6-Benziner 1.5 TSI mit 96 kW Leistung, einer Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h und einer Beschleunigung von null auf 100 km/h in 9,1 Sekunden aus dem Modelljahr 2018.
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Schon bei den Herstellerangaben liegen der Kohlendioxidausstoß und damit auch der Verbrauch beider Autos nah beieinander. Im alten NEFZ-Prüfzyklus schlägt der Benziner mit 113 Gramm Kohlendioxid je Kilometer den Diesel (117 Gramm). Für die Studie wurden jedoch auch die Verbrauchswerte im realitätsnäheren WLTP-Zyklus ermittelt - wodurch sich die Lücke von vier Gramm auf 13 vergrößerte (siehe Grafik).

Es sind offenbar vor allem technische Innovationen, die den Benziner effizienter gemacht haben. So ist der 1,5 Liter große TSI-Motor mit einem Turbolader mit variabler Turbinengeometrie ausgestattet, die bei Ottomotoren bisher wenig verbreitet war. Zusätzlich sorgt der sogenannte Miller-Zyklus, bei dem das Einlassventil früher schließt, für einen höheren Wirkungsgrad des Benziners bei einem geringeren Verbrauch.

Während der Benziner in den vergangenen Jahren immer sparsamer wurde, beeinträchtigen ein höheres Gewicht und die immer aufwendigere Abgasreinigung die Effizienz des Diesels. Hinzu komme, dass das Doppelkupplungsgetriebe im Diesel weniger effizient sei als das im Benziner, erklärte eine Sprecherin des Automobilklubs ADAC gegenüber dem SPIEGEL.

Der neue WLTP-Prüfzyklus begünstige den Benziner, weshalb dessen Vorteil gewachsen sei, erklärte die ADAC-Sprecherin. "Der kleine Benziner wird schneller warm und läuft dann im Vergleich effizienter." Bei längerer Fahrt und vor allem bei höheren Geschwindigkeiten sei der Diesel sparsamer.

Auch der stärkere Benziner verbraucht nicht mehr als ein Diesel

Der ICCT prüfte beide Autos nicht nur auf dem Prüfstand, sondern auch auf der Straße. Auf allen drei Teststrecken im realen Verkehr verbrauchte der Benziner weniger und stieß weniger CO2 aus. Auf der ersten Strecke - mit hohem Stadtverkehrsanteil - lagen seine Kohlendioxidemissionen (151 Gramm pro Kilometer) sieben Gramm unter denen des Diesels, auf den Strecken zwei (hügelige Strecke) und drei (hoher Autobahnanteil) mit 157 beziehungsweise 140 Gramm fünf beziehungsweise acht Gramm.

Die Ergebnisse der Studie decken sich weitgehend mit den Daten des Portals "Spritmonitor", auf dem Fahrer die Verbräuche der eigenen Autos protokollieren. Dort liegt der Benziner-Golf mit 150 Gramm CO2 pro Kilometer sogar zwölf Gramm unter dem Wert der Dieselvariante. Der nächststärkere Benziner mit 110 kW Leistung liegt gleichauf mit dem Diesel - trotz besserer Fahrleistungen.

Der Benziner wird sparsamer, der Diesel hat sein Potenzial ausgereizt - dieser Trend ist auch in der Mittelklasse sichtbar. So stößt der BMW 330i, ein 190 kW starker Benziner, laut offiziellen Angaben mindestens 132 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Sein Diesel-Pendant, der 195 kW starke 330d, liegt mit mindestens 130 Gramm nur minimal darunter. Bei großen SUV sind Diesel hingegen oft noch klimafreundlicher als Benziner.

Ein Steuersatz für alle Kraftstoffe gefordert

Der ICCT fordert dennoch, Dieselkraftstoff steuerlich nicht länger besserzustellen als Benzin, da "moderne Diesel-Pkw keine nennenswerten CO2-Vorteile aufweisen". Vielmehr entgingen dem Staat durch das Dieselprivileg Einnahmen von rund sieben Milliarden Euro im Jahr. Deutschland solle deshalb dem Beispiel Großbritanniens folgen, das beide Kraftstoffe gleich besteuert.

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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
binnenfuchs 08.05.2019
1. Sensation! Ach nee, doch nicht..
Ohne jetzt ansatzweise ein Experte für Motorentechnik zu sein, aber werden da nicht Äpfel mit Birnen verglichen? Motorleistung 110kW zu 96kW, zwei Jahre Differenz in den Modelljahren, 2,0 zu 1,5 Liter Aggregat. Hat man da nicht einfach zwei Motoren gesucht, so dass die CO2 Werte annähernd gleich sind, um damit einen Aufhänger für die Forderung nach gleicher Besteuerung für Diesel und Benziner zu haben? Mit solchen Spielchen macht man sich sicher keine Freunde, unabhängig davon, ab man die Zielsetzung der Kampagne für gut oder schlecht erachtet. Anstatt über ±10 Gramm Vorteile/Nachteile zwischen Diesel und Benzin zu streiten, sollte man besser den SUV Unfug auf Deutschlands Strassen stoppen und die Steuern für diese unsinnigen Spritfresser überproportional anheben - Ausnahmen für Forstfachangestellte inbegriffen.
markus333 08.05.2019
2. Warum nicht gleich eine Besteuerung nach CO2?
Der Kohlenstoffgehalt der Kraftstoffe ist bekannt und daher leicht auf CO2 umrechenbar. Da würde auch gleich Erdgas begünstigt, ohne dass man immer an den Steuersätzen herumpfuschen müßte.
jenoc 08.05.2019
3. Diesel wird bereits seit Langem überschätzt
Interessanter Bericht. Vor sicher mehr als zehn Jahren war der "Diesotto" ja prognostiziert worden. Die aktuellen, downgesizten Ottomotoren haben zwar noch Fremdzündung, aber ihre Verdichtung (und damit ihr Wirkungsgrad) konnte erheblich in Richtung der Werte eines Diesel erhöht worden. Zusammen mit dem geringeren Gewicht des Benziners erledigt sich der bisherige Verbrauchs- und damit CO2-Vorteil von Dieselmotoren. Da im aktuellen Straßenverkehr mitnichten 150 PS starke Golfs benötigt werden bleibt nur noch die Erkenntnis, dass es der Einliter-Dreizylinder mit 85 PS ganz locker tut, nochmal weniger verbraucht und emittiert und ziemlich viele Tausend Euro spart. Oder man geht gleich konsequent in Richtung vierfachen Wirkungsgrad und entscheidet sich gleich für den Elektroantrieb.
eckhardbremer 08.05.2019
4. Vergleich Äpfel mit Birnen ?
Was an dem Diesel/Benziner-Vergleich auffällt idt, dass hier ein Diesel (Baujahr 2016) mit einem Benziner (Baujahr 2018) verglichen wird. Da die Diesel nach meiner Kenntnis gerade nach dem Angasskandal weizerentwivkelt wurden, ist es glaube ich fair, wenn man einen Äpfel/Birnenvergleivh nicht für bare Münze hlt.
foje1 08.05.2019
5. Ähhhh.....
Wenn ich richtig lese vergleicht man hier ein Vorgängermodell eines Golf Diesel mit einem aktuellen Golf Benziner. Zudem hat der Diesel deutlich mehr PS und höhere Leistungsdaten. Dann stellt man fest, dass beide ökologisch gleichauf liegen und feiert das als Sensation, im Sinne, der Diesel sei nun doch nicht klimafreundlicher als der Benziner... Ähhh...Warum vergleicht man nicht gleich einen zehn Jahre alten Touareg Turbodiesel mit einem neuen Polo Benziner? Dann fällt das Ergebnis noch „gewünschter“ aus. Also ich fahre sowohl einen Diesel als auch einen Benziner. Ich bin neutral zum Thema eingestellt. Aber ich lasse mich ungern veralbern. Wie kann eine Redaktion mit gesundem Menschenverstand so einen hanebüchenen Unsinn veröffentlichten
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