VW Golf GTI 53+1 Geisterfahrt im Dienst der Forschung

Im Rennen Mensch gegen Maschine geht die Technik mal wieder in Führung - zumindest bei den VW-Entwicklern. Sie haben einen Golf GTI gebaut, der ohne Fahrer schneller durch eine Pylonen-Gasse fegt als mit. SPIEGEL ONLINE jedenfalls musste sich geschlagen geben.


Es hat mal wieder nicht gereicht. Da haben wir uns richtig Mühe gegeben, den Handlingparcours förmlich mit dem Messer zwischen den Zähnen - oder wie man in diesen Zeiten wohl sagt: mit der Leidenschaft im rechten Fuß - absolviert und eine respektable Zeit herausgefahren. Und dann müssen wir uns von einem Computer, einem Ding, das im Grunde nichts weiter kann, als zwischen 0 und 1 zu unterscheiden, zum Sonntagsfahrer stempeln lassen.

VW Golf GTI 53+1: Radarsensoren in der Kühlermaske scannen die Piste - und dann gibt der Robo-GTI Gas

VW Golf GTI 53+1: Radarsensoren in der Kühlermaske scannen die Piste - und dann gibt der Robo-GTI Gas

Denn direkt nach uns geht ein zweiter VW Golf GTI auf die Strecke. Auch er hat den serienmäßigen Vierzylinder-Turbomotor mit 200 PS unter der Haube, auch er fährt die Runde heute erst zum dritten oder vierten Mal. Trotzdem braucht er für den Weg durch die Hütchengasse nur zwei Drittel der Zeit – und das, obwohl niemand das Lenkrad berührt. Denn gesteuert wird dieser Golf GTI 53+1 nicht von einem routinierten Rennfahrer, sondern von einem Hochleistungsrechner, der auch versierte Vollgaspiloten an diesem Tag mühelos hinter sich lässt. Der sperrige Name 53+1 übrigens erklärt sich so: 53 war die Startnummer des Filmkäfers "Herbie", der als erster selbstfahrender Rennwagen in die VW-Geschichte einging und nun in dem Geisterfahrer-Golf aus der Forschungsabteilung einen würdigen Nachfolger findet.

VW nutzt dabei die Erfahrungen, die im vergangenen Jahr mit einem umgebauten Touareg in Nevada gemacht wurden. Damals fand ein mit Dutzenden Sensoren bestückter Forschungswagen bei einem vom US-Verteidigungsministerium organisierten Rennen ohne Insassen als Schnellster den fast 200 Kilometer langen Weg durch die Wüste. Während "Stanley" damals nach Felsen, Löchern oder Baumstümpfen Ausschau hielt, ist der GTI ausschließlich auf Pylonen fixiert. Mit einem im Kühlergrill montierten Lasersensor scannt er sein Umfeld, während er sich zunächst im Schritttempo durch den eben erst aufgebauten Parcours tastet und von einem Hütchen zum nächsten rollt. Auf dem Monitor seines zur Untätigkeit verdammten Betreuers entsteht daraus allmählich eine detaillierte Skizze der Rundstrecke, die der Bordrechner Stück für Stück zusammensetzt und abspeichert.

30 Minuten, dann kennt der Computer die Ideallinie

Ist der Kurs erfasst, gönnt sich der Wagen eine kurze Pause. Auf dem Parkplatz startet Entwickler Simon Karrenberg ein weiteres Programm, das Forscher der Universität Hamburg entwickelt haben. In einer knappen halben Stunde berechnet diese Software die Ideallinie durch die Hütchengasse. So wie Schumi und Consorten schon vor dem Rennen die Strecke im Geiste abfahren, sucht das Computerprogramm die perfekten Bremspunkte, ermittelt die maximale Kurvengeschwindigkeit, wählt die günstigsten Lenkradien und markiert die Vollgasabschnitte. All diese Informationen werden dann so aufbereitet, dass die elektromechanische Servolenkung,das elektronische Gaspedal und das ESP des serienmäßigen GTI auch ohne Fahrer wissen, was zu tun ist.

Lediglich die Bremse haben die Entwickler verstärkt. Sobald die Berechnungen abgeschlossen sind, drückt Karrenberg auf einen Startknopf, der Golf fährt mit quietschenden Reifen an und jagt wie der Wind über den Testparcours. Hindernisse sollten ihm dabei allerdings nicht in den Weg kommen. Zwar reagiert das ESP wie immer und kommt deshalb zum Beispiel mit Pfützen auf der Strecke klar, verspricht Karrenberg. Doch anders als "Stanley" kann der Testwagen seine Strecke im Rennmodus unterwegs nicht ändern. Wie auf Schienen spult er das Programm ab. Auf die Hütchen ist er dabei nicht mehr angewiesen. Aber wenn sich ihm etwas in den Weg stellen würde, ließe sich der Roboter davon nicht irritieren. Kein Wunder also, dass VW auf strikte Sicherheitsregeln drängt und man die Show am besten von weitem betrachtet.

Lenkrad und Pedale auf keinen Fall berühren

Am eindrucksvollsten sind die Leistungen des GTI 53+1 allerdings nicht von der Tribüne, sondern auf dem Sitz hinter dem Lenkrad, wenn man unvermittelt zum Passagier degradiert wird und auf der ersten Runde tausend Tode stirbt. Zur Untätigkeit verdammt sieht man erstaunt zu, wie im Slalom von Geisterhand das Lenkrad herumgerissen wird, der Golf vor einer Spitzkehre alleine in die Eisen steigt und danach auf der Geraden automatisch wieder Vollgas gibt. Weil das System so programmiert ist, dass jede Berührung von Pedalen oder Lenkrad die Automatik ausschaltet, weiß man bei der wilden Fahrt nicht so recht, wohin mit Händen und Füßen. Plötzlich bekommt sogar der Haltegriff auf der Fahrerseite einen Sinn.

VW treibt diese Forschung nicht, um dem Fahrer künftig die langweilige Tour ins Büro abzunehmen oder auf der Rennstrecke die Fahrer überflüssig zu machen. Wenngleich Hauptabteilungsleiter Markus Lienkamp Letzteres für eine spannende Aufgabe hält, die nach seiner Einschätzung in 10 bis 20 Jahren durchaus lösbar wäre. Den Forschern geht es um reproduzierbare Ergebnisse auf den Teststrecken. So könnte ein und dasselbe Auto mit unterschiedlichen Reifen oder Fahrwerkseinstellungen wirklich identisch um die Hütchen brausen - die Ergebnisse wären tatsächlich vergleichbar. Rennfahrer also müssen vorerst nicht um ihren Job bangen.



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