VW Golf GTI von Abt Für immer halbstark

Seat Leon, Skoda Octavia, Audi A4, VW Polo - keiner tunt so viele verschiedene Marken wie die Gebrüder Abt. Bestseller der Kemptener Firma aber ist der VW Golf - vor allem in der GTI-Version. Anlässlich der Neuauflage hat SPIEGEL ONLINE ein Generationentreffen arrangiert.

Tom Grünweg

Wie er da weiß und unschuldig in der Sonne glänzt! Der VW Golf GTI der ersten Generation wirkt nach heutigen Maßstäben ganz harmlos und brav, war früher aber einmal der Schrecken der Überholspur. Vor allem, wenn das Auto statt des Logos aus Wolfsburg das Markenzeichen von Abt trug, jener Tuningfirma aus Kempten im Allgäu, die seit mehr als 50 Jahren die Fahrzeuge des VW-Konzerns flotter macht.

War der Werks-GTI schon der Held des Breitensports, galt der vor exakt 30 Jahren eingeführte Abt GTI der ersten Generation als richtiger Leistungsträger - Goldmedaille statt Ehrenurkunde war die Devise der insgesamt lediglich 120 komplett umgebauten Fahrzeuge dieses Typs, die bis 1982 entstanden. Das galt auch für den Preis. Während das Serienmodell Ende der siebziger Jahre rund 13.000 Mark kostete, stellten die Gebrüder Abt für ihren kantigen Kraftmeier beinahe das Vierfache in Rechnung und kassierten jeweils 48.000 Mark.

Dafür gab es neben dem bulligeren Design einen neuen Turbolader und eine geschärfte Nockenwelle, womit die Leistung von 110 auf 163 PS kletterte - bei nur 850 Kilogramm Gewicht. Obwohl der aktuelle Golf GTI aus Wolfsburg 210 PS hat, liegt er in Leistung-pro-Gewicht-Kategorie um 1,9 Kilo im Hintertreffen. Entsprechend gut kann der Oldie mit dem neuen Modell mithalten: Von 0 auf 100 ist der Klassiker aus Kempten mit 6,8 Sekunden sogar einen Tick schneller als die GTI-Version des Golf VI. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 201 km/h allerdings bleibt der Veteran hinter dem neuen Auto (238 km/h) dann doch zurück.

Allerdings: Die Abt-Tuner haben inzwischen auch das aktuelle GTI-Modell rasanter gemacht. Das sportliche Modell aus Wolfsburg ist ein Liebling der Schrauber, doch nur nach der Kraftkur in Kempten entwickelt der Motor erstaunliche 300 PS. Möglich wird der Leistungssprung auch in diesem Fall durch einen neuen Turbolader, der dem Zweiliter-Direkteinspritzer-Motor ordentlich Druck macht. Auch das Drehmoment klettert von maximal 280 Nm beim Serienmodell auf bis zu 400 Nm beim getunten Typen. Die weiteren Kennwerte für den Stammtisch: Von 0 auf Tempo 100 in 6,1 Sekunden und als Höchstgeschwindigkeit 268 km/h.

Getunte Alltagsmodell hadern nach wie vor mit der Optik

Wie sich die Zeiten auch in der Tuning-Szene geändert haben, zeigt vor allem der Design-Vergleich zwischen Alt- und Neu-GTI. Der Oldie wirkt heute wahlweise niedlich oder peinlich, fast so wie Netzhemden, Muscleshirts, Trainingsanzüge aus Ballonseide oder der Fuchsschwanz an der Antenne. Der GTI VI sieht dagegen aus wie das Raumschiff von Darth Vader: Schwarz lackiert mit roten Zierstreifen in Schwellern und Felgen jagt der böse Golf mit LED-Licht über Straße wie ein UFO im Tiefflug.

Auch die Räder zeugen vom Wandel des nicht immer guten Geschmacks in der Vollgas-Szene. Wo man heute Felgen unter 18 Zoll kaum mehr ernst nimmt, montiert Abt beim aktuellen GTI 19-Zöller. Vor 30 Jahren jedoch galten noch andere Ideale. Breit und klein wie die Walzen eines Go-Karts stehen deshalb die 205-er Reifen auf mickrigen 13-Zoll-Felgen unter den breiten Kotflügeln.

Die Lenkung erfordert ähnliche Kräfte wie Hanteln stemmen

Weil dem GTI von einst freilich die Servolenkung fehlt und die breiten Räder auf dem Asphalt kleben wie Kaugummi, ist der flotte Ritt über die Landstraße ein Kraftakt. Statt um Kurven zu fahren, könnte man auch Hanteln stemmen. Zudem kommt das Fahrwerk von der Rennstrecke, vermutlich deswegen, weil Firmenchef Abt da die Wochenenden verbringt. Hart ist der Klassiker gefedert und schüttelt die Insassen gehörig durch. Dafür allerdings sind Kurvengeschwindigkeiten möglich, von denen man im Serien-Golf des Jahres 1979 nur träumen konnte.

Wo beim alten GTI Muskelkraft gefragt ist, kann man den neuen beinahe mit dem Zeigefinger dirigieren. Das funktioniert allerdings nur bei gemäßigtem Gasfuß. Sobald es hurtig wird, scharrt der Fronttriebler mit den Hufen und verlangt nach einer führenden Hand, wenn der Kavalierstart nicht zur Schlitterpartie werden soll.

Der GTI-Galopp im aktuellen Auto macht um längen mehr Spaß - auch weil die antiquierte Lüftung des Klassikers gegen die Sommerhitze keine Chance hat und sich die Fenster nur noch mühsam öffnen lassen. Wie groß der Fortschritt ist, merkt man auch an der Tankstelle: Soff der erste Abt GTI noch 12,5 Liter, ist der scharf gemachter Ur-Enkel mit 7,4 Litern zufrieden - und braucht damit zumindest offiziell keinen Tropfen mehr als das Serienmodell von VW.

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