Überarbeiteter VW Golf Total digital

Smarter, sicherer, vernetzter - so klingt das heute, wenn ein neues Auto vorgestellt wird. Auch der überarbeitete VW Golf steckt voller elektronischer Diener. Die sind hilfreich, kosten aber auch Nerven.

Volkswagen

Aus Wolfsburg berichtet


Bei VW herrscht noch immer dicke Luft. Der vor mehr als einem Jahr aufgedeckte Abgasskandal überschattet bis heute das Tagesgeschäft in Wolfsburg - auch, weil nach wie vor neue Versäumnisse und Anklagen bekannt werden. Trotzdem trägt VW-Markenchef Herbert Diess den Hemdkragen offen, denn heute geht es endlich mal nur um ein neues Auto. Den überarbeiteten Golf nämlich, das Prunkstück der Marke, von dem in den vergangenen 42 Jahren weltweit mehr als 33 Millionen Exemplare verkauft wurden. Jetzt gibt es ein Update für die siebte Modellgeneration. Diess sagt es so: "Wir digitalisieren das ganze Auto."

Damit ist klar, worin die Neuerungen im Wesentlichen bestehen: Elektronik, Sensortechnik, Software. Die digitale Aufrüstung des deutschen Durchschnittsautos schlechthin lässt sich am deutlichsten an einem neuen System demonstrieren, das Volkswagen schlicht "Stauassistent" nennt. Tatsächlich ist es der Einstieg ins autonome Fahren - mit einem Golf. Bislang gab es so etwas nur bei teureren Autos dieser Klasse, etwa dem Audi A3 oder dem BMW 2er.

Möglich wird die Teilautomatisierung des VV Golf durch die Verknüpfung der schon bekannten Systeme Spurhalteassistent und automatische Distanzregelung. Sind beide Helfer aktiviert, kann der Golf künftig bis Tempo 60 automatisch die Spur halten, bremsen und beschleunigen. "Das macht das Stop-and-Go-Fahren wesentlich entspannter", sagt Elektronikentwicklungschef Volkmar Tanneberger.

Teilautonom über die Landstraße

Doch nicht nur im zähfließenden Verkehr oder bei Stop-and-Go funktioniert die Technik. "Theoretisch können Sie damit auch autonom über eine Landstraße fahren, sofern es eine ordentliche Fahrbahnmarkierung gibt", sagt Tanneberger. Und wenn man die Hände am Lenkrad lässt. Tut man dies nicht, sondern fummelt am Navigationssytem herum, packt ein Käsebrot aus oder beschäftigt sich mit sonst etwas Fahrfremden, dann gibt es nach wenigen Sekunden die Aufforderung, das Steuer wieder selbst zu übernehmen; erst als Text im Cockpitdisplay, dann per Warnton.

Falls der Fahrer diese Signale ignoriert und auch keine Regungen an den Pedalen mehr zeigt, tritt der ebenfalls neue Notfallassistent in Aktion. Das System, so heißt es in der Beschreibung von VW, "leitet zunächst in verschiedenen Eskalationsstufen das Wachrütteln des Fahrers und in der Folge einen Nothalt ein."

Erstmals im Golf erhältlich: ein digitales Cockpit
Volkswagen

Erstmals im Golf erhältlich: ein digitales Cockpit

Überhaupt steckt der Golf, wenn man sie denn extra bestellt, voller wohlmeinender Elektronik-Adjutanten. Die City-Notbremsfunktion beispielsweise wird im Golf nun um eine Fußgängererkennung erweitert, und zudem gibt es erstmals in der Kompaktklasse einen Gespannassistenten, der das Rückwärtsfahren mit Anhänger erleichtert.

Nun gibt es auch um Golf ein digitales Cockpit

Das Verschwinden der analogen Instrumente ist ebenfalls im VW-Bestseller angekommen. Fortan kann der Golf mit einem "Active Info Display" geordert werden, gemeint ist ein digital animiertes Cockpit, in das sich zum Beispiel die Navigationskarte, Verbrauchsinformationen oder, ganz klassisch, ein bunt animierter Tacho sowie Drehzahlmesser einblenden lassen. Die Touchscreens in der Mittelkonsole, über die Klimaanlage, Radio, Navigation oder Telefon bedient werden, wachsen allesamt: Waren bislang die Bildschirme 5, 6,5 oder 8 Zoll groß, sind dort künftig Monitore der Dimension 6,5, 8 oder 9,2 Zoll zu finden.

Jetzt auch bei VW: Die Wisch-und-Weg-Gestensteuerung
Volkswagen

Jetzt auch bei VW: Die Wisch-und-Weg-Gestensteuerung

Das größte System verfügt darüber hinaus - erstmals bei VW und erstmals in der Kompaktklasse - über eine Gestensteuerung. Wischt der Fahrer künftig vor diesem Gerät mit der Hand hin oder her, verschieben sich die Menüpunkte entsprechend. Man wird künftig also öfter als bislang fuchtelnden Golf-Fahrern begegnen.

Außerdem gibt es ab sofort eine App, die eine Nachricht an den Fahrzeughalter schickt, sobald das Auto ein zuvor definiertes Gebiet verlässt oder eine zuvor festgelegte Geschwindigkeit überschreitet. Das kann man als Diebstahlwarnanlage verstehen, VW jedoch preist die Funktion auch als hilfreich an, falls "Fahranfänger in der Familie" vorhanden seien. Dann kann Papa ein bisschen Big Brother spielen.

VW setzt weiter auf den Diesel - aber es gibt immerhin einen neuen Benziner

Die Hardware-Veränderungen, die der Golf beim Update mitbekommt, sind rasch erzählt. Ein neues Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe wird nach und nach das 6-Gang-DSG ersetzen. Zudem feiert ein neuer 1,5-Liter-Motor mit Benzindirekteinspritzung, Turboaufladung und Zylinderabschaltung sein Debüt im Golf. Die als TSI EVO bezeichnete Maschine leistet 150 PS, der Normverbrauch liegt bei 4,9 Liter. Eine Blue-Motion-Variante des Motors mit 130 PS und einem Normverbrauch von 4,6 Liter soll folgen. Ab sofort gilt die Leistungsaufrüstung für die Motoren der GTI-Modelle, die in Zukunft 230 oder 245 PS entwickeln.

Während bei anderen Herstellern - wie zum Beispiel Toyota - die Dieselmotoren inzwischen auf der Abschussliste stehen, bleiben sie bei VW und auch im neuen Golf erstmal unangetastet. Weltweit liegt der Selbstzünderanteil beim Golf bei etwa 40 Prozent, allerdings sind in der aktuellen Generation ausschließlich Dieselmotoren der Baureihe EA 288 verbaut (von 115 bis 184 PS), die nicht mit einer Betrugssoftware ausgestattet waren. Die Maschinen erfüllen die Euro-6-Norm und werden, wenn die zweite Stufe dieser Abgasnorm 2018 in Kraft tritt, durchgehend mit Harnstoffeinspritzung ausgerüstet sein.

So ausgerüstet fährt die siebte Golf-Generation nun also in die zweite Hälfte ihres Lebenszyklus. Manchmal teilautonom, rundum vernetzt und voller Elektronik-Schnickschnack, der in bestimmten Situationen sicher hilfreich ist, viele Golf-Fahrer aber auch gewaltig Nerven kosten wird. Apropos: Was die schönen neue Golf-Gimmicks kosten werden, das wolle man "jetzt noch nicht sagen", teilt ein VW-Sprecher mit. Nicht einmal der Zeitpunkt der Markteinführung dieser Systeme war zu erfahren. "Erst mal", so ein Mitarbeiter, "freuen wir uns einfach nur über das Update."

Die wichtigsten Neuheiten des VW Golf im Überblick:

  • erstmals Gestensteuerung bei VW und in der Kompaktklasse
  • erstmals teilautonomes Fahren mit der Funktion "Stauassistent"
  • erstmals ein digitales Cockpit statt analoger Instrumente
  • größere Touchscreens auf der Armaturentafel
  • neue Apps, darunter auch zur Fahrzeugüberwachung
  • neuer 1.5 TSI evo Motor mit 150 PS, Zylinderabschaltung und 4,9 l/100 km
  • GTI jetzt mit 230 PS, Top-Version GTI Performance mit 245 PS
  • 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe löst nach und nach alle 6-Gang-DSG ab
  • neue Stoßfänger, Voll-LED-Scheinwerfer und -Rückleuchten, animierte Blinker


insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
syssifus 10.11.2016
1. Zuverlässigkeit ?
Immer mehr elektronische Spielereien,die bei Reparatur oder Ersatz gewaltig zu Buche schlagen, siehe LED-Scheinwerfer Ein Autohersteller hat sich mal gerühmt nur das Wesentliche,Unverzichtbare,dass zum fahren gebraucht, wird im Fahrzeug zu verbauen.Schon fast nicht mehr bezahlbar,der ganze Elektronikschrott.
artifex-2 10.11.2016
2. Die unendliche VW-
Geschichte von Trick , Schnick und Schnack ! Alles was der Mensch ( Autofahrer ) nicht braucht !
53er 10.11.2016
3. Na sowas,
VW kann auch Opel ! Nachmachen ist einfacher als selbst drauf kommen, oder?
rathat 10.11.2016
4. Immer noch mehr Leistung.
Die Leistungswerte sollen scheinbar mit jeder neuen Generation steigen, der Verbrauch muss aber gleichzeitig per Gesetz gesenkt werden. Die 4,8 Liter werden mit Sicherheit auf der Straße nie erreicht, die Zylinderabschaltung ist auf dem Prüfstand wohl auch viel häufiger Aktiv, als im Realbetrieb. Dsa Rumtricksen wird bei VW jedenfalls so schnell nicht aufhören, auch unter dem Geischtspunkt, dass Audi noch bis Mitte dieses Jahres Fahrzeuge mit illegaler Software ausgestattet hat. Wirklich innovativ bezüglich der verbauten Technik ist bis auf ein paar Spielereien nichts. Und so bleibt das meistverkaufte Fahrzeug in Deutschland immer noch eines der Dreckigsten seiner Art. Aber das scheint man in Wolfsburg ja unter 'Umdenken' zu verstehen.
mr.nett 10.11.2016
5.
Zitat von artifex-2Geschichte von Trick , Schnick und Schnack ! Alles was der Mensch ( Autofahrer ) nicht braucht !
Komisch, im Tesla finden viele Trick, Schnick und Schnack ganz dufte!
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