VW Käfer Als vor 60 Jahren alles begann

Es waren karge Weihnachten gewesen, und doch gab es nach den Feiertagen in Wolfsburg noch eine große Bescherung. Am 27. Dezember 1945 begann die Serienproduktion der Volkswagen Limousine - des Autos, das als Käfer Weltkarriere machte.


Die Geschichte des Käfers begann allerdings nicht erst an jenem Dezembertag vor 60 Jahren, sondern bereits im Januar des Jahres 1934, als Ferdinand Porsche mit der Konstruktion eines "Volkswagens" begann, der ein "vollwertiges Gebrauchsfahrzeug" mit "narrensicheren Einrichtungen" werden sollte. Vier Jahre darauf war das Auto serienreif. Das NS-Regime nutzte die Volkswagenträume für sozialutopische Propaganda, doch im Vordergrund stand nicht die Mobilisierung der Zivilbevölkerung, sondern des Militärs. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden daher lediglich 630 Volkswagen gebaut - das Auto war praktisch nicht existent.

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1945 bis 2003: 58 Jahre VW-Käfer

Das änderte sich nach dem Kriegsende, als britische Offiziere im Auftrag der Alliierten die Treuhänderschaft über die Fabrik in Wolfsburg ausübten. Im August 1945 erhielt das Volkswagenwerk den ersten Auftrag der britischen Militärregierung: 20.000 Autos, 500 Sonderfahrzeuge mit Anhängern für die Post und 200 Anhänger für den Bedarf der Alliierten sollten gebaut und bis Juli 1946 ausgeliefert werden. Angesichts des allumfassenden Mangels eine Herkulesaufgabe, an die jedoch die 6033 Beschäftigten des Volkswagenwerks mit fast schon verzweifelter Hartnäckigkeit und extremen Improvisationskünsten herangingen. Tatsächlich lief dann am 27. Dezember der erste Nachkriegs-Volkswagen vom Band - bis Silvester folgten weitere 54 Autos. Der Anfang war gemacht.

Trotz der Mangelwirtschaft wurden 1946 insgesamt 10.020 Volkswagen gebaut, allerdings wurde im harten Winter Anfang des Jahres 1947 die Produktion für drei Monate buchstäblich eingefroren. Im August 1947 dann ermöglichten die Briten erstmals den Export von Volkswagen - fünf Limousinen wurden nach Holland geliefert. In die breite Erfolgsspur bog der Käfer dann nach der Währungsreform ein. Das sympathisch-rundliche Modell mit dem charakteristisch rasselnden Motorklang wurde zum Symbol des deutschen Wirtschaftswunders. Am 5. August 1955 verließ der einmillionste Käfer die Fertigungsbänder in Wolfsburg. Der luftgekühlte Boxermotor war inzwischen auf 1192 ccm Hubraum gewachsen und lieferte eine Leistung von 30 PS. Maximal 112 km/h waren möglich. Die Produktion wurde ebenfalls drastisch beschleunigt - erstmals wurden Mitte der fünfziger Jahre mehr als 1000 Käfer-Modelle pro Tag gebaut.

Mit dem Käfer nahm Volkswagen seinen rasanten Aufstieg zu einem Global Player der Automobilindustrie - und zugleich war der Käfer der Grund für eine ernste Krise des Unternehmens. Denn viel zu lange zögerten die Wolfsburger die Entwicklung eines Nachfolgers hinaus. Am 2. Januar 1967 musste Kurzarbeit in Wolfsburg eingeführt werden - die Käfer-Monokultur der Fabrik rächte sich bitter. Immerhin jetzt reagierten die alarmierten Manager: Es wurden neue, moderne Autos entwickelt, und zwischen 1973 und 1975 kamen mit den Baureihen Passat, Golf und Polo jene Modelle auf den Markt, die noch heute wesentlich das Erscheinungsbild von VW prägen.

Die Fertigung des Käfers wurde parallel zum Erfolg der neuen Modelle allmählich eingestellt. 1974 zuerst in Wolfsburg, vier Jahre später dann auch im Werk Emden. Zuletzt krabbelte der Käfer noch in Mexiko vom Band - und dort erstaunlich lange. Erst am 30. Juli 2003 war dort Schicht; und es rollte der Letzte von insgesamt 21.529.480 Käfern aus der Fabrik.



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