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30. Januar 2013, 06:17 Uhr

VW Polo R WRC im Test

Von Beruf Raser

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Mit dem Polo WRC mischt Volkswagen bei der Rallye-WM mit. Gleich beim Debüt in Monte Carlo raste der Rennfloh auf Platz zwei. Berauscht vom Erfolg stellen die Wolfsburger jetzt die zivile Variante vor - den bislang stärksten Polo überhaupt.

Der erste Eindruck: Ein paar Aufkleber, neue Felgen, ein bescheiden geratener Heckflügel - mit so schlichten Mitteln bekommt man also die Homologation für die Rallye-Weltmeisterschaft?

Während die Rennversion des Polo mit bulligem Design und ewig breiten Kotflügeln wirkt wie nach einem Bad im Zaubertrank, erschrickt die zivile Straßenversion des Polo R WRC niemanden. Wenn jedoch der Motor läuft und das Auto Fahrt aufnimmt, ist das plötzlich ganz anders.

Das sagt der Hersteller: Ob sich für den Muskel-Polo Kunden finden oder nicht - bauen muss VW das Auto so oder so. Da die Niedersachsen zum ersten Mal seit knapp 40 Jahren mit den Piloten Sébastien Ogier und Jari-Matti Latvala wieder an einer Rallye-Weltmeisterschaft teilnehmen, müssen sie das Basisauto, von dem der Rennwagen abgeleitet ist, in einer Kleinserie von 2500 Exemplaren auf die Straße bringen.

"Diesem Reglement kommen wir jetzt nach", sagt Christoph Peine, Sprecher des VW-Haustuners R GmbH, die den Bau des Rennwagens mit Straßenzulassung übernimmt. Dass der Polo R WRC mit dem Rallyeauto außer dem Namen nicht mehr viel gemein hat, geht für Peine in Ordnung. Peine: "Wir haben alles umgesetzt, was die Motorsportorganisation FIA uns vorschreibt."

Das ist uns aufgefallen: Man darf sich von dem brav geschneiderten Blech, das exakt so geformt ist wie bei jedem anderen Polo auch, nicht täuschen lassen: Dieser Kleinwagen geht ab wie die Sau. Unter der Haube steckt der zwei Liter große Vierzylindermotor aus dem Golf GTI, aus dem die Entwickler noch einmal einige Extra-PS gekitzelt haben. Die Leistung beträgt nun 220 PS, und das maximale Drehmoment liegt bei 350 Nm.

Schon im ersten Gang kommt das Auto entsprechend auf weit mehr als 50 km/h. Nach 6,4 Sekunden zeigt der Tacho Tempo 100 an (zweiter Gang). Dabei hat selbst Autobahnfahren mit dem Teil seinen Reiz: Denn wenn man mit dem Kleinwagen mit der Höchstgeschwindigkeit von 243 km/h über die linke Spur pfeilt, ist die Verblüffung in manchem Sportwagen sicher groß.

Das muss man wissen: Mit 220 PS Leistung ist der R WRC der bislang stärkste Polo der Modellgeschichte. Allerdings ist das nicht der einzige Superlativ, den dieses Auto markiert. Auch der Preis von 33.900 Euro war bis dato unerreicht in der Polo-Historie. Für die Summe gäbe es fast drei Exemplare des Basismodells mit 60 PS - oder ein Golf GTI Cabrio.

Obwohl der Wagen das offizielle Homologationsmodell des Rallyeautos ist, haben Renn- und Straßenwagen nur wenig Gemeinsamkeiten: Nicht nur die Karosserie, sondern auch der Antrieb sind unterschiedlich. Die Rallye-Asse fahren mit einem auf 315 PS hoch gezüchteten 1,6-Liter-Turbomotor, ihr Auto verfügt über Allradantrieb und ein sequentielles Getriebe.

Beim Sprint von 0 auf 100 ist das Rallyeauto mit 3,9 Sekunden deutlich schneller als die zivile Variante. Dafür ist selbst mit Vollgas bei 200 km/h Schluss, denn Rallyefahren bedeutet Kurve an Kuppe an Kurve. Die Rennwagen werden in Hannover von Hand gebaut, pro Saison etwa ein halbes Dutzend. Jeder von ihnen kostet rund 350.000 Euro und ist damit zehnmal so teuer wie die Straßenversion.

Seit einigen Wochen kann man ihn bestellen, ausgeliefert wird der Polo R WRC allerdings erst im Herbst. Obwohl das bereits im vergangenen Mai beim GTI-Treffen am Wörthersee erstmals gezeigte Auto bei den VW-Fans längst Kultstatuts genießt, können Interessenten noch in Ruhe überlegen. R-GmbH-Sprecher Peine: "Noch sind nicht alle 2500 Exemplare verkauft."

Das werden wir nicht vergessen: Den Blick auf die Instrumente. Eine Tachoskala bis 280 und einen Drehzahlmesser, dessen roter Bereich erst knapp unter 7000 Touren beginnt - das erwartet man eher bei einem Porsche, nicht aber in einem Polo.

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