VW Scirocco Wind des Wechsels

Der Käfer lief und lief und lief - und zwar so lange, dass er Volkswagen beinahe ins Verderben gestürzt hätte. Dann kam 1974, Deutschland wurde Weltmeister und der VW Golf debütierte. Die Revolution aber hatte bereits vier Monate zuvor begonnen. Wiederholt sich die Geschichte?

Von Jürgen Pander


Im Februar 1974 rollte nämlich der VW Scirocco in die Öffentlichkeit. Sozusagen die Sportvariante des Golf, den es aber zu diesem Zeitpunkt offiziell noch gar nicht gab. Der Scirocco machte alles anders, als es der VW Käfer mehr als 30 Jahre lang bis dahin getan hatte. Das kantige, typische Siebziger-Jahre-Design stammte von Giorgio Giugiaro. Statt Boxer- gab es einen Reihenmotor, statt Luft- eine Wasserkühlung, und statt der Position im Heck war die Maschine nun vorne quer eingebaut. Und weil die Wolfsburger schon mitten drin waren im revolutionären Umbruch, stellten sie auch gleich von Heck- auf Frontantrieb um.

Ein bisschen revolutionär wirkt auch die Gegenwart bei Volkswagen. Im vergangenen August noch stellte der damalige VW-Markenchef Wolfgang Bernhard auf einer großen Party im Berliner Flughafen Tempelhof die Studie Iroc vor. Die Sportvariante des VW Golf sollte - wie der Scirocco vor mehr als 30 Jahren - wieder ein erschwinglicher Traumwagen von VW werden. Der Name Iroc war ja nicht umsonst aus dem Namen des Vorbilds Scirocco destilliert worden. Dann aber wechselte überraschend die Führungsspitze bei VW, und auf einmal wurde der Iroc geschmäht, angeblich passe das Auto nicht zu VW, war aus Wolfsburg zu hören. Der Kater nach der Party war enorm.

Wer derzeit bei VW nachhört, wie es denn nach dem ganzen Durcheinander um einen neuen "Scirocco" bestellt sei, erhält im Wesentlichen drei Aussagen. Erstens: Das Auto an sich steht nicht zur Disposition. Zweitens: Das Design des Wagens wird im Vergleich zur Studie Iroc noch einmal grundlegend geändern. Drittens: An der Präsentation des serienreifen Coupés 2008 wird festgehalten. Das sind zunächst einmal gute Nachrichten nach all den verwirrenden Botschaften zu diesem Thema in den letzten Wochen.

Leicht und flockig: Sportlichkeit mit 85 PS

Aber ganz gleich, ob das VW-Marketing dieses künftige Modell nun eng mit dem ehemaligen Volks-Sportwagen Scirocco verknüpfen wird oder nicht - das revolutionäre Potenzial der Flitzers aus den siebziger Jahren wird es auf keinen Fall besitzen. Auch nicht die Leichtigkeit von rund 800 Kilogramm und schon gar nicht den wunderbar frischen, grazilen, ungekünstelten Stil, den der Wagen noch heute ausstrahlt.

SPIEGEL ONLINE hatte jetzt in Wolfsburg die Gelegenheit, ein exzellent erhaltenes Exemplar aus dem Baujahr 1976 - dessen Originallack im Farbton "Nepalorange" tatsächlich noch aussieht wie neu - ein paar Kilometer zu bewegen. Das Zeithaus in der Autostadt erwarb den Wagen erst vor wenigen Monaten in Cuxhaven, rund 64.000 Kilometer zeigt der Zähler, und selbst die mit orange-grün-schwarzem Karostoff bezogenen Sitze zeigen keinerlei Gebrauchsspuren. Konfliktscheu verhält sich auch die Technik: Der 85 PS starke 1,5-Liter-Motor ist sofort da, dreht munter hoch, und wenn man sich erst einmal an das etwas hakelige Viergang-Schaltgetriebe gewöhnt hat, geht es flott voran.

Clou auf der Frontscheibe: der Einarmwischer

Der Scirocco, benannt nach einem afrikanischen Wüstenwind, galt als Nachfolger des Karmann Ghia und wurde wie dieser bei Karmann in Osnabrück gefertigt. Das Auto mit den kessen Doppelscheinwerfern, dem coolen Einarmscheibenwischer, dem kantigen Design und dem knackigen Stummelheck traf offenbar den Geschmack der Zeit. Auf Anhieb wurde es in seinem Debütjahr 1974 zum "Auto des Jahres" gewählt. Und bis zum Produktionsende der zweiten Generation 1992 wurden insgesamt mehr als 795.000 Exemplare gebaut.

Als der Scirocco noch aktuell war, galt er tatsächlich als Traumauto. Ein Kumpel aus der Abiturklasse fuhr ein Modell in "Brasilbraun metallic" und war der Held auf jedem Disco-Parkplatz. Damals beeindruckte das Cockpit mit den in tiefen Höhlen liegenden Tacho (Skala bis 220 km/h) und dem Drehzahlmesser (roter Bereich ab 6500 U/min). Und vor allem Voltmeter und Uhr in der Mittelkonsole oberhalb des Schaltknüppels. Es gab sonst nur noch vier Schalter (Licht, heizbare Heckscheibe, Heckwischer, Warnblinklicht), drei Schieberegler für Heizung und Gebläse sowie die Knöpfe am Radio.

Kein Kultauto, aber ein Bestseller

11.020 Mark kostete ein fabrikneuer Scirocco bei der Premiere vor nun 33 Jahren. Für gut erhaltene Exemplare zahlen Fans des Autos heute zwischen 6000 und 8000 Euro. Dabei erreichte der Wagen nie jenen Kultstatus, mit dem sich andere Sportwagen-Youngtimer schmücken können, etwa der Opel GT oder der Ford Capri. Der Scirocco war der Allround-Flitzer der siebziger und achtziger Jahre. Er setze sich klar vom Golf ab und bot all jenen, denen die Buchstaben GTI oder ein paar Spoiler und Aufkleber nicht genug an Individualität waren, eine willkommene Alternative.

Dass VW irgendwann das Interesse an der Coupé-Version des allzu alltäglichen Golf verlor, lässt sich heute kaum mehr nachvollziehen. Und dass die Wiederbelebung des Gedankens an ein flottes Kompaktauto inzwischen so euphorielos wirkt, wie sie von einigen Verantwortlichen offenbar auch betrieben wird, erscheint noch rätselhafter. Beim Golf GTI unterlief den Wolfsburgern der gleiche Fehler - sie konnten ihn so eben noch wieder ausbügeln. Beim Neustart des Scirocco aber wird eine flotte Werbekampagne allein nicht genügen.



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