Anzeige

Produktionsstart VW ID 3

Elektro oder nichts

Volkswagen startet die Produktion des neuen VW ID 3. Der elektrische Nachfolger des Golf steht für den Wandel und soll das Thema Abgasskandal beenden. VW geht volles Risiko: Scheitert der ID 3, könnte auch VW scheitern.

Von

Sebastian Willnow/ DPA

Heute beginnt die Produktion des Elektroautos ID 3 von Volkswagen in Zwickau

Montag, 04.11.2019   16:14 Uhr

Anzeige

Volkswagen beginnt am heutigen Montag mit der Produktion des Elektroautos ID 3 in Zwickau. Das erste reine Großserien-Elektroauto der Wolfsburger ist das wohl wichtigste Modell des Konzerns seit dem VW Golf. Denn mit dem ID 3 will Volkswagen nicht nur den Abgasskandal hinter sich lassen, sondern auch das Elektroauto massentauglich machen. Dafür geht das Unternehmen ein ziemlich hohes Risiko.

Volkswagen-Chef Herbert Diess nennt den Produktionsstart in Wolfsburg einen "entscheidenden Moment" für das Unternehmen. Rund eine Milliarde investiert VW allein in den Umbau des Zwickauer Werks von der Verbrennerproduktion zur Elektroauto-Fabrik. "Diese Transformation zur E-Mobilität passiert nicht von heute auf morgen", sagt VW-Markengeschäftsführer Ralf Brandstätter. "Aber wir haben diesen Weg jetzt unwiderruflich eingeschlagen."

Anzeige

Während sich die anderen großen Hersteller für die Mobilitätswende noch nicht auf eine bestimmte Antriebsform festlegen, setzt VW alles auf den batterieelektrischen Antrieb. Dafür will der Autohersteller nach eigenen Angaben

In Zwickau sollen deshalb bereits ab 2020 rund 100.000 Elektrofahrzeuge jährlich vom Band rollen, ein Jahr später dann schon 330.000. Volkswagen will mit dem ID 3 vor allem das Problem angehen, dass reine E-Fahrzeuge mit einer alltagstauglichen Reichweite bisher für viele Verbraucher zu teuer sind. In der Einstiegsversion kostet der ID 3 unter 30.000 Euro.

Anzeige

Das neue Elektroauto fährt auf dem sogenannten Modularen Elektrobaukasten (MEB), einem einheitlichen Unterbau bestehend aus Motor, Antrieb und Batterie des E-Autos. Auf dieser Plattform sollen künftig alle bekannten Karosserieformen aus dem Hause Volkswagen basieren - vom Kompaktauto über SUV bis hin zum Bulli. So sollen auf dem E-Baukasten in den nächsten drei Jahren bis zu 33 neue Modelle entstehen. Für die Entwicklung des MEB gab VW bislang rund 6,5 Milliarden Euro aus.

Das übergeordnete Ziel des Konzerns ist es, in ein paar Jahrzehnten kein CO2 mehr zu emittieren. Um den kompletten Lebenszyklus der E-Autos von Produktion über Nutzung bis zur Entsorgung bis 2050 komplett CO2-frei zu machen,

Der ID 3 ist der Anfang dieser neuen Elektro-Ära. Bis 2023 will VW rund 30 Milliarden in den technologischen Wandel investieren, weitere 14 Milliarden fließen in die Vernetzung und Assistenzsysteme. Nach Zwickau werden Emden und Hannover sowie teils Standorte in China und den USA zum Bau des MEB umgerüstet. Batteriesysteme und Antriebe kommen aus den eigenen Zulieferwerken Braunschweig und Kassel. Und in Salzgitter baut VW ab dem kommenden Jahr mit dem schwedischen Partner Northvolt eine Fabrik für eigene Batteriezellen.

VW geht mit der Festlegung auf Elektroautos mit Batteriespeicher ein hohes Risiko ein. Wenn sich, was bislang noch vollkommen unklar ist, doch Elektroautos mit Brennstoffzelle oder Fahrzeuge mit ganz anderen Konzepten, zum Beispiel Plug-in-Hybride mit sogenannten E-Fuels, durchsetzen, hat sich VW verzockt. Wenn die Rechnung von VW aufgeht und der ID 3 zum Erfolgsmodell wird, dann haben die Wolfsburger allerdings auch einen großen Vorsprung zu den anderen großen Herstellern wie Mercedes oder BMW. Zwar arbeitet man auch dort an neuen Elektro-Modellen, konzentriert sich aber gleichzeitig noch stark auf Plug-in-Hybride.

VWs Zukunft entscheidet sich in Zwickau

VW könnte außerdem davon profitieren, den MEB-Baukasten an andere Hersteller zu verkaufen, die keine eigene Elektro-Plattform haben. Mit Ford gibt es eine solche Kooperation bereits. Für ein erstes Elektroauto hat Ford bei VW 600.000 MEB-Baukästen bestellt. Ein weiteres Modell ist beim amerikanischen Hersteller gerade im Gespräch. Auch dieser Schritt ist für VW eher ungewöhnlich und unterstreicht den ehrgeizigen Plan der Wolfsburger. "Das ist ein Paradigmenwechsel für uns", sagte VW-Strategiechef Michael Jost damals nach Bekanntwerden der Kooperation von VW und Ford.

Die Zukunft von VW entscheidet sich also nicht in Wolfsburg, sondern in Zwickau. Die ersten ID-3-Modelle werden von dort laut VW ab Mitte nächsten Jahres an die Kunden ausgeliefert. An der weiteren Planung der ID-Serie gibt es aber auch Kritik. So soll der Elektro-SUV ID Crozz das nächste Modell der Reihe werden. Einige Beobachter wundern sich darüber - zumal den Stadtgeländewagen, ob mit oder ohne E-Motor, derzeit bei vielen Menschen auch Ablehnung entgegenschlägt. Ob der grüne Wandel bei VW von Dauer ist und nicht doch am Interesse möglichst hoher Absatzzahlen scheitert, bleibt also abzuwarten.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung