VWs Roboter-Passat Victorville ist überall

Bei der Darpa Urban Challenge fuhren Dutzende Autos ganz ohne Fahrer durch die Gegend. Nachdem auch ein computergesteuerter Passat bei dem Roborennen rund 100 Kilometer im Stadtverkehr erfolgreich absolviert hat, verspricht VW seine Kunden viele neue Assistenzsysteme.


Noch können Autofahrer von diesem Szenario nur träumen. Doch wenn es nach VW-Forschungschef Jürgen Leohold geht, dann müssen sie sich zum Beispiel im Stau bald nicht mehr ärgern. Schon "in fünf bis zehn Jahren" könnte ihnen ein neues Assistenzsystem lästige Routineaufgaben wie das ständige Anfahren und Bremsen abnehmen und den Wagen automatisch durch den Stop-and-Go-Verkehr fahren. Anders als bei aktuellen Abstandsreglern greift die Elektronik in dieser Vision auch ins Lenkrad und hält selbständig den Kurs. "Der Fahrer kann sich dann gemütlich zurücklehnen und Zeitung lesen", stellt der oberste VW-Forscher in Aussicht. Bis vor wenigen Tagen hätte man diesen Plan vermutlich als kühne Vision abgetan. Doch seit dem letzten Wochenende hat Leohold beweiskräftige Argumente. Denn da zeigte ein umgebauter VW Passat namens Junior bei der sogenannten Urban Challenge im amerikanischen Victorville eindrucksvoll, dass schon heute noch viel mehr möglich ist: Weil die amerikanische Armee bis zum Jahr 2015 ein Drittel aller Kampffahrzeuge ohne Fahrer ins Feld schicken will, ließ ihre Forschungsagentur Darpa nun schon zum dritten Mal autonome Autos im sportlichen Wettstreit gegeneinander antreten.

Neu war in diesem Jahr, dass die Vehikel erstmals in den simulierten Stadtverkehr geschickt wurden. In der Geisterstadt eines zu diesem Zweck kurzfristig wiederbelebten Militärstützpunktes mussten die von Computerhand gesteuerten Roboter-Autos binnen sechs Stunden einen fast hundert Kilometer langen Kurs abfahren und dabei nicht nur auf die Verkehrs- und Vorfahrtsregeln, sondern auch auf andere Autos sowie ihre elektronisch gesteuerten Konkurrenten achten.

Vom militärischen Hintersinn distanzieren sich die Teilnehmer aus Deutschland natürlich vehement. Doch gilt ihnen dieser einzigartige Wettbewerb als ideale Plattform für die Entwicklung neuer Assistenzsysteme. Was Junior hier auf dem Militärstandort in Victorville heil ins Ziel brachte, soll bald auch normalen Passat-Fahrern das Leben im Auto leichter und vor allem sicherer machen. "Viele der hier gezeigten Lösungen lassen sich auf Serienfahrzeuge übertragen", sagt VW-Forscher Leohold und meint damit zum Beispiel eine automatische Notbremse oder Assistenzsysteme, die - wie Junior an der Kreuzung von Washington- und Utah-Street - den Querverkehr beobachten und dem Fahrer melden, sobald er ohne Risiko nach links abbiegen oder die Vorfahrtsstraße passieren kann.

Spezielle Autobahnspuren für intelligente Fahrzeuge

Sebastian Thrum von der Stanford University, dessen Team Junior aufgebaut und ins Rennen geschickt hat, ist überzeugt vom Sicherheitsgewinn durch solche Systeme. "Bis 2020 könnte man damit die Zahl der tödlichen Unfälle auf ein Zehntel reduzieren", glaubt Juniors geistiger Vater und stellt zudem einen besseren Verkehrsfluss in Aussicht. Dafür wünscht er sich etwa auf der Autobahn eigene Spuren für intelligente Fahrzeuge, die dann mit konstantem Tempo und geringerem Abstand automatisch von München bis Hamburg fahren könnten. "Staus würden seltener und weniger schlimm", pflichtet ihm Leohold bei. Denn der Computer braucht keine Gedenksekunde beim Losfahren, die Abstände zwischen den Fahrzeugen würden minimiert, der Zieharmonika-Effekt mit stetigen Brems- und Beschleunigungsphasen fiele weg, und Auffahrunfälle gehörten der Vergangenheit an.

Solche Assistenzsysteme sind dem VW-Konzern so wichtig, dass Leohold allein in der Forschung rund 50 Mitarbeiter dafür abgestellt hat. "Losgelöst von Junior liegt der Aufwand sicher auf dem Niveau, das auch ein neuer Motor erreicht", versucht er die Investitionen zu gewichten. Junior selbst ist dabei fast ein Schnäppchen. Gerade einmal 500.000 Dollar haben das knappe Dutzend Laser- und Radarsensoren sowie die beiden Laptops gekostet, die Augen und Hirn des Fahrers ersetzen sollen. Und für Arme und Beine war der Aufwand noch geringer. Schließlich sind die elektrisch unterstützte Servolenkung und die elektronische Steuerung von Gas, Bremse und DSG-Getriebe beim Passat ohnehin an Bord. "Da mussten wir nur die Schnittstellen freigeben", sagt Leohold.

Kleine Auszeit, weil alles zugeparkt war

Um solche Systeme in Serie zu bringen, müssen die Entwickler allerdings nicht nur die Kosten weiter drücken und die Zuverlässigkeit und Rechnerleistung steigern. Schließlich wäre wohl niemand zufrieden, wenn sich ein Serienfahrzeug - wie Junior am Wochenende in Victorville in einer von anderen Robotern zugeparkten Straße - ein paar Minuten Auszeit nimmt, um nach dem richtigen Weg aus der Zwickmühle zu suchen.

Auch an den Sensoren muss noch gefeilt werden. Denn bislang wurden die künstlichen Augen kurzerhand aufs Dach oder an die Stoßfänger geschraubt, so dass Junior und Konsorten aussehen wie fahrende Forschungslabors. "Ich glaube kaum, dass unsere Kunden so ein Auto kaufen würden", sagt Leohold mit Blick auf die riesigen Apparaturen. "Das muss alles so klein werden, dass es unter die Karosserie passt." Bei allem Optimismus und trotz der großen Euphorie nach Juniors erfolgreicher Jungfernfahrt dämpft er deshalb die Erwartungen. "Auf dem Weg zum autonomen Fahren haben wir noch nicht einmal die Hälfte zurückgelegt."

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