Was Bentley, Lamborghini und Co. planen Expansion der Nobelmarken

Zweistellige Zuwachsraten und gute China-Geschäfte: Aus Sicht der Nobelautomarken scheint die Krise überstanden zu sein. Längst liebäugeln Bentley, Lamborghini und Co. mit neuen Modellen.


"Ich dachte, es kann nicht mehr besser kommen." Das sagt Wolfgang Dürheimer über seine Zeit als Entwicklungsvorstand bei Porsche. Dann aber räumt er ein, sich geirrt zu haben. Seit dem 1. Februar nämlich ist Dürheimer Chef der VW-Nobelmarken Bentley und Bugatti. Und das bedeutet nicht nur einen neuen, stärkeren Dienstwagen. Sondern, so formuliert es Dürheimer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, auch mehr Möglichkeiten bei der Produktentwicklung.

Noch Befeuert wird Dürheimers Zufriedenheit durch ein glückliches Timing. Kurz vor seinem Amtsantritt hatten die Briten ihre beiden Bentley-Baureihen Mulsanne (vorher: Arnage) und Continental rundumerneuert - gerade rechtzeitig vor dem neuen Aufschwung. "In den ersten acht Monaten dieses Jahres legten die Bentley-Verkäufe um 31 Prozent zu", berichtet Dürheimer. Rund um den Globus sitzt das Geld offenbar wieder lockerer. In den USA legte der Bentley-Absatz um 36 Prozent zu, in China um 67, in Europa um 35. In Deutschland sind es 67 Prozent. In diesem Jahr dürfte Bentley rund 7000 Autos verkaufen und somit bald wieder dort sein, wo die Marke vor der Krise schon einmal war - bei einer fünfstelligen Absatzzahl.

Damit das gelingt und das Wachstum anhält, soll die Produktpalette ausgebaut werden. Gesetzt sind das Azure-Cabriolet zur Mulsanne-Limousine und die Limousine Flying Spur als Ergänzung zu Coupé und Cabrio aus der Continental-Baureihe. Dazu kommen werden neue Motorvarianten wie ein V8-Benziner und erstmals auch ein Dieselaggregat.

Bentley liebäugelt mit einem Geländewagen

"Ich könnte mir noch eine komplett neue Modellreihe vorstellen", sagt Dürheimer. Gleich nach seinem Amtsantritt in Crewe präsentierten ihm die Designer den Entwurf für einen kleineren Sportwagen unterhalb des Continental GT. "Das Auto sah klasse aus und würde sicher gut zu Bentley passen", sagt Dürheimer. Doch mit Blick auf Porsche 911 und Audi R8 legte der Ingenieur das Projekt erstmal auf Eis. Stattdessen erläutert er lieber die Argumente für einen Geländewagen. Diese Fahrzeuggattung verkaufe sich auf wichtigen Bentley-Märkten wie den USA und China grandios und habe auch in Europa noch nicht seinen Zenit erreicht.

Offensichtlich scheinen die Pläne für einen Bentley-SUV weit zu sein. "Es hätte das typische Bentley-Gesicht mit dem großen, aufrechten Chromgrill, müsste von respektabler Größe sein, bequemen Platz auf allen Sitzen bieten und so sportlich fahren, wie man es von einem Bentley erwartet. Ein Zwölfzylindermotor ist deshalb gesetzt", skizziert Dürheimer seine Vorstellungen. Beschreiben kann er das Auto schon, bauen lassen noch nicht. "Wir arbeiten intensiv daran, doch noch gibt es von Seiten der Konzernspitze kein grünes Licht", räumt er ein. Allerdings möchte er das Projekt noch in diesem Jahr zur Entscheidung vorlegen. Dann könnte spätestens 2015 ein entsprechendes Auto vorfahren und Bentley weiteres Wachstum bescheren.

Bei Rolls-Royce ist vor allem der kleine Ghost beliebt

Wachstum steht auch für Torsten Müller-Ötvös im Mittelpunkt. Müller-Ötvös ist Chef des BMW-Ablegers Rolls-Royce, der ebenfalls Rekordzahlen schreibt. In diesem Jahr liegt Rolls-Royce satt im Plus: Um 64 Prozent steigerte die Marke ihre Verkäufe im ersten Halbjahr, insgesamt wurden fast 1600 Autos abgesetzt. Beliebt ist vor allem das neue, kleinere Modell Ghost. Das ist zwar immer noch 5,40 Meter lang und kostet 250.000 Euro. Aber der Wagen ist kompakter und billiger als ein Phantom und damit ein neuer Kundenmagnet. 80 Prozent der Käufer wechselten von anderen Fabrikaten zum Ghost, sagt Müller-Ötvös. Besonders gut laufe es in Deutschland: "Nirgendwo in Europa wachsen wir so stark. Wir haben im ersten Halbjahr schon so viele Autos verkauft wie im gesamten Jahr 2010."

Angesichts dieses Erfolges hat die Konzernleitung erst kürzlich eine umgerechnet 11,6 Millionen Euro teure Erweiterung der Fabrik in Goodwood beschlossen. "Das verschafft uns die nötige Flexibilität und lässt Raum für die weitere Entwicklung", erklärt Müller-Ötvös. Allerdings lege Rolls-Royce Wert auf seine Exklusivität: "Unser Ziel ist es, stetig zu wachsen, nicht aber, in fünfstellige Produktionszahlen vorzudringen." Andererseits könnte Rolls-Royce durchaus noch zulegen, ohne ein Massenauto zu werden. "Mit 2711 Zulassungen im Jahr 2010 ist unsere Sonderstellung bei weltweit 40 Millionen neuen Autos noch lange nicht gefährdet", sagt der Rolls-Royce-Manager. "Kurzfristig wird es sicher kein neues Modell geben. Aber auf lange Sicht schließen wir das nicht aus", orakelt der Chef.

Lamborghini und Bugatti planen ebenfalls neue Modelle

Um den Ausbau der Modellpalette geht es auch im Gespräch mit Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann häufig. Seit die italienische VW-Tochter den neuen Supersportwagen Aventador am Start hat, sind die Auftragsbücher wieder gefüllt, Winkelmann ist "vorsichtig optimistisch" und schmiedet neue Pläne. "Damit Lamborghini weiter wachsen kann, brauchen wir neben Gallardo und Aventador eine dritte Baureihe", sagt er und es klingt, als sei die Entscheidung gefallen. Nur was für ein Auto das Portfolio ab dem Jahr 2016 ergänzen soll, scheint noch offen zu sein: In Frage kämen eine Sportlimousine oder ein extremer Geländewagen. Vorlagen für beide Autos gibt es mit der Designstudie Estoque und dem Allrad-Ungetüm LM002.

Selbst bei Bugatti, der teuersten und edelsten Auto-Luxusmarke denken die Entwickler über neue Modelle nach. Schließlich sind bald alle Exemplare des Supersportwagens Veyron verkauft. Als Nachfolger favorisiert Bugatti-Chef Dürheimer die Studie Galibier. Sie wurde seit ihrer Premiere 2009 stilistisch verfeinert und leistungsmäßig aufgerüstet. "Genau wie beim SUV von Bentley fehlt auch hier die finale Entscheidung aus Wolfsburg", sagt Dürheimer. Zeit spiele in diesem Fall jedoch eine untergeordnete Rolle. Dürheimer formuliert das so: "Einen Bugatti entwickelt man nicht nach einem strengen Zeitplan. Der muss so lange reifen, bis er perfekt ist."



insgesamt 2 Beiträge
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cor 11.10.2011
1. Bild 5 - die aktuelle Modellpalette
Hui, sind die alle unterschiedlich!
amonn 11.10.2011
2. 1994
Schon 1994 hat Bentley einen Geländewagen gebaut: vom Bentley Dominator wurden insgesamt sechs Fahrzeuge gebaut, die eine Auftragsfertigung für den Sultan von Brunei waren. Der Preis soll bei 3.000.000 Pfund gelegen haben - pro Auto wohlgemerkt. Die Pläne der anderen Hersteller sind schon seit längerem bekannt. Bei Lamborghini läuft es wohl auf den Estoque raus und der Gallibier wird bestimmt auch gebaut. Allerdings sind das nicht die einzigen Nobel-Hersteller, die so was planen: bei Maserati wurde auf der IAA die SUV-Studie Kubang vorgestellt und auch die Marke Lagonda soll mit einem kräftigen Geländewagen wiederbelebt werden.
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