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06. November 2013, 08:55 Uhr

Stauvermeidung durch Navi

Besserwisser an Bord

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Warum stehen Autofahrer so lange im Stau - trotz Hightech an Bord? Navigationssysteme berechnen Verkehrsinformationen so präzise, dass sich die mobile Masse viel besser auf das Straßennetz verteilen müsste. Doch gegen die Intuition des Menschen ist die Technik machtlos.

Hamburg - Viele Autofahrer haben vor Staus kapituliert. Die meisten Pendler schwören zum Beispiel Tag für Tag auf die gleiche Route und nehmen dabei Wartezeiten im zähen Verkehr in Kauf. Nur wenn gar nichts mehr geht, zum Beispiel weil eine Straße wegen eines Unfalls gesperrt ist, weichen sie von der gewohnten Strecke ab. Dabei könnte ein bisschen mehr Flexibiliät dafür sorgen, dass viele Staus erst gar nicht entstehen, glaubt Andreas Hecht, Leiter der Sparte Automotive beim Verkehrsinformationsdienstleister Inrix. "Wenn jeder Autofahrer sich vom Start weg die beste Route berechnen lässt und sich an die vorgegebene Strecke hält, könnte der Gesamtverkehr besser verteilt werden. Es würde für alle flüssiger laufen."

Technisch ist die Entlastung der Straßen bereits machbar, sagt Hecht. Über Sensoren und Sender in Privatautos, Taxis, Unternehmensflotten und Handys lässt sich die Verkehrsentwicklung längst in Echtzeit ablesen. Sie berechnet sich anhand der Durchschnittsgeschwindigkeiten der Fahrzeuge auf einem Streckenabschnitt, der sich im Fall von Inrix auf bis zu 250 Meter präzise bestimmen lässt.

Dass Millionen Autofahrer trotzdem immer noch jeden Tag im Stau stehen, hat nach Ansicht von Andreas Hecht zwei Gründe.

Künstliche Intelligenz gegen menschliche Intuition

Erstens mangelt es seiner Ansicht nach noch an Vernetzung. "Alle Beteiligten müssten ihre Dienste zusammenlegen", sagt Hecht, "Verkehrsministerien, lokale Behörden, Autohersteller und die verschiedenen Anbieter von Daten." Um dieses Potential voll auszuschöpfen, müssen so viele Fahrzeuge wie möglich untereinander und mit der Infrastruktur kommunizieren. Diese sogenannte Car-to-X-Kommunikation ist in Deutschland zwar bereits mit Projekten wie SimTD aufwendig getestet worden, aber Hecht ist sich mit anderen Experten einig, dass sie noch längst nicht ausgereift ist.

Das zweite Problem sitzt aber hinterm Lenkrad der Autos: Der Mensch hegt oft Misstrauen gegen die Technik. Viele Autofahrer halten sich für schlauer als ihre Navigationsgeräte - erst recht, wenn es um bekannte Strecken wie den täglichen Weg zur Arbeit geht. Um dort den Verkehr zu entzerren, sagt Hecht, muss sich die Mentalität der Fahrer ändern. "Auch wenn ein alternativer Routenvorschlag sich erst einmal nicht nach dem besten Weg anhört, sollte man sich öfter einfach überraschen lassen."

Aber so einfach setzt sich die Intelligenz der Maschine nicht gegen die Intuition des Menschen durch. Wie störrisch Autofahrer in dieser Hinsicht sein können, weiß auch Andreas Erwig, Produktmanager beim Navigationsgerätehersteller TomTom. Er erklärt stolz die Vorzüge der neusten Entwicklung des Unternehmens: Ein System, das in die Zukunft schaut und die Verkehrslage bis zu 30 Minuten im Voraus berechnet. Möglich wird diese Prognose durch einen Abgleich von Live-Messungen mit Daten aus der Vergangenheit.

Aber wie überzeugt man die Autofahrer davon, der Vorhersage tatsächlich zu trauen und einen ungewohnten Weg einzuschlagen? "Indem wir die Vorteile deutlich machen", sagt Erwig. Den Kunden soll direkt vor Augen geführt werden, wie viel Zeit sie auf der Alternativroute sparen. Bei einigen TomTom-Geräten erscheint deshalb am Bildschirmrand die Minutenzahl, die man schneller am Ziel ankommt.

"Nicht alles technisch Machbare ist auch sinnvoll"

Die gleiche Taktik verfolgt die Konkurrenz von Garmin. Bei den neuesten Navigationssystemen des Herstellers liefert eine Computerstimme im Falle eines Staus zunächst eine kurze Zusammenfassung der Geschehnisse: "Es wurde ein Unfall auf Ihrer Route gemeldet. Die Ankunftszeit verzögert sich um 16 Minuten." Anschließend stellt das System dem Fahrer eine höfliche Frage - zusammen mit einem kleinen Überredungsversuch: "Es ist eine alternative Route verfügbar, die sechs Minuten Fahrzeit einspart. Möchten Sie diese Route fahren?"

Die direkte Anrede kann aber auch unliebsam sein. Denn es gibt durchaus Gründe, den Fahrer nicht mit jeder verfügbaren Information zu versorgen, findet Christoph Reifenrath. Er ist Marketingmanager beim Zulieferer Harman, der für zahlreiche Hersteller festeingebaute Navigationssysteme entwickelt. "Nicht alles technisch Machbare ist gleichzeitig auch sinnvoll", sagt er. Einige Autobauer verzichten etwa bewusst darauf, jede Routenoption mit Argumenten zu belegen. "Dahinter steckt die Philosophie, den Fahrer nicht zu überfordern und mit Fragen zu stressen."

Zwölf Prozent, und alles wird gut

Für Reifenrath ist es nicht nachvollziehbar, dass einige Autofahrer trotz der seiner Ansicht nach präzisen Echtzeit-Informationen immer noch auf ihre Intuition schwören. "Das liegt vielleicht noch an den Erfahrungen, die Autofahrer mit nicht aktuellen Stauinfos gemacht haben. Die moderne Technik weiß aber einfach mehr über die tatsächliche Verkehrslage."

Andreas Erwig von TomTom hält die Systeme sogar für so schlau, dass sie die tägliche Verstopfung der Verkehrsadern verhindern könnten: Wären zwölf Prozent aller Fahrzeuge auf der Straße mit einem modernen Navigationssystem ausgestattet - an deren Vorschläge die Fahrer sich halten - , so das Ergebnis einer Simulation, würde sich der Verkehr angeblich optimal verteilen.

Eine Lesart des Stauproblems ist also: Es gibt zu wenige Navigationsgeräte. Ein andere könnte lauten: Es gibt zu viele Autos.

In welchen Großstädten und Ballungsgebieten Deutschlands die Autofahrer mit den längsten Wartezeiten geplagt werden, erfahren Sie hier.

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